Mir ist heute zum wiederholten Male vorgehalten worden, ich bekümmerte mich zuviel um die Meinung von „virtuellen Persönlichkeiten“. Das stimmt nicht. Es sind Menschen, die ich kenne und mag und deren Urteil mir wichtig ist. „Virtuelle Persönlichkeiten“ ist ein Nebelkerzenbegriff. Ich habe seit Jahr und Tag mit Leuten im Internet zu schaffen (früher in Foren, heute in Blogs und im Twitter) und weiß natürlich, daß man sich dort auch inszeniert.
Na und? Wo nicht?
Ich kann mir hier lange Tippseleien sparen. Vor zwei Wochen habe ich auf SiN einen Kommentar verfaßt, der alles enthält, was ich zum Thema „virtuelle Persönlichkeiten“ zu sagen habe. Ellen K. hatte sich mit einem ihrer berühmten Bekannten-und-Freundinnen-Beispiele über die „Netzaffinen“ mokiert. Darauf hatte ich geantwortet:
Also, ich finde die Bezeichnung „Generation Upload“ so irreführend wie „64er-Generation“ und ähnliches – jedenfalls insofern es diese Altersgrenze schon in Deutschland kaum noch gibt und in netzaffinieren Ländern (USA, Skandinavien, Israel) erst recht nicht.
Das Durchschnittsalter von Twitterern beispielsweise ist (auch in Deutschland) relativ hoch, wie wir inzwischen wissen.
Diese „Netzaffinen“, meinte sie jetzt ganz apodiktisch, seien für sie fortan nur „Netzaffen“; ihr sei es wie Schuppen von den Augen gefallen, daß einer, der fünf, sechs Stunden pro Tag /Nacht mit klugen Kommentaren im web verbringe, gar nichts „Wirkliches“ zu bieten haben könnte.
Hm. Ich habe in den letzten Jahren ein große Zahl von Leuten (Dutzende), die ich im Netz kennengelernt hatte, schließlich auch persönlich kennengelernt – und habe da nie eine Erfahrung der geschilderten Art gemacht. Das Bild, daß ich mir von den Leuten gemacht hatte, stimmte eigentlich immer. Meistens (nicht immer) hat sogar die Optik, der Habitus dem entsprochen, was ich erwartet hatte.
Natürlich, die Leute sind meist schüchterner und defensiver als im lautstarken Netz, das versteht sich von selbst.
Wer sich allerdings von irgendwelchen Zampanos oder Diven beeindrucken läßt, die „auf alles eine Antwort haben“, ist selbst schuld, würde ich sagen. Ich würde da einfach einmal unterentwickelte Menschenkenntnis und/oder schlichte Naivität unterstellen.
Und von „uns Netzaffinen“ hält auch nicht jeder „Sascha Lobo“ für einen Star. Ich habe den Namen vor drei Wochen, oder so, zum erstenmal gehört. Natürlich, es gibt diese Sternchen seit Jahr und Tag, natürlich, sie haben ihre Groupies und eine sehr große Leserschaft. Aber auch die ist nur ein sehr kleiner Teil der „Netzaffinen“. 134.000 Leute haben die Zensursula-Petition unterzeichnet. (Ich war unter den ersten 4000
) Es glaubt hoffentlich niemand, daß sich von denen mehr als, sagen wir, 5 % dafür interessieren, was Sascha Lobo oder Don Alphonso zu sagen haben. Ruhig Blut, mithin.
Was haben ein Bibliothekar des gehobenen Dienstes in Hannover, eine Hausfrau in Bergisch-Gladbach, ein Freelance-Webdesigner in Halle, eine Buchhändlerin in Wien, ein vergammelter Student in Bremen, eine Beamtin in Trier, ein Zahnarzt in Düsseldorf, eine Hartz-IV beziehende Alkoholikerin in Ludwigshafen und ein Anwalt in Unna gemeinsam? Richtig, einen Arbeitsplatz mit Internet-Anschluß. Und damit spielen sie eben nebenher rum. Und zwar schon seit Jahren.
Das Netz ist heute einfach Teil des normalen Lebens von ganz normalen Leuten. Wenn das mal in die Schädel reinwollte.
Und noch: Die meisten meiner Online-Buddies kenne ich nur aus dem Netz, von einigen weiß ich, wie sie aussehen, mit einige telefoniere/skype ich, einige habe ich dann persönlich kennengelernt (übrigens auch den, der mir das vorgehalten hatte.
). Ich weiß überhaupt nicht, welche Erklärungskraft der Begriff „virtuelle Persönlichkeiten“ haben soll.
Bildquelle: victoriapeckham, CC



Kurzer Gruß zurück in die Forenvergangenheit
) Es glaubt hoffentlich niemand, daß sich von denen mehr als, sagen wir, 5 % dafür interessieren, was Sascha Lobo oder Don Alphonso zu sagen haben. Ruhig Blut, mithin.


Wunderbar auf den Punkt gebracht.
Ach und… die Sascha Lobos dieser (Netz-)Welt können doch gar nix dafür! Ich kenn in kleineren Dimensionen zahlreiche „Stars“, die das einfach nur dadurch geworden sind, dass sie halt begnadete (und kreative!) Selbstdarsteller sind und schlicht und ergreifend Spaß daran haben.
Ob jemand „echt“ ist, merkt man eigentlich auch im Netz normalerweise mithilfe von – ganz normaler, nicht speziell netzaffiner – Menschenkenntnis. Und wenn man’s da nicht merkt, würd man’s im persönlichen Kontakt auch nicht merken. Ausnahme ist das Äußere… einen gewissen „Cyrano de Bergerac“-Effekt kann man dem Netz wohl nicht absprechen. Und? Ist das schlimm?
Mich jedenfalls stört die Vorstellung nicht im Mindesten, dass „attraktive“ Menschen, die ich im Internet kennenlerne, optisch möglicherweise weniger attraktiv wirken mögen, als ihr sprühender Geist vermuten ließe.
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Hmm, aber vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, warum dich solche „Vorhaltungen“ überhaupt kümmern …? Ich wiederhole mal ganz frech das was mir ein lieber (und wesentlich jüngerer) Freund des öfteren sagt: Denk nicht so viel, davon kriegst du bloß Falten!
Wir sind uns einig, wobei Du noch etwas mehr die spielerischen, paradiesvogelhaften Seiten des Online-Lebens betonst, die es natürlich und mit aller Berechtigung auch gibt (Selbstdarstellung), während es mir in diesem Fall mehr um die dahinterstehende Normalität zu tun war.
Man könnte vielleicht noch anmerken, daß es in der Forenwelt vielleicht noch selbstdarstellerischer zugeht als im Twitter und etwa im Facebook mit ihrer Tendenz zu Entanonymisierung des Web.
Sie mußten mich in diesen Fall kümmern, weil es um eine wirklich wichtige Sache ging und um einen Menschen, dessen Urteil mir schon wichtig ist…