Deutschland
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Zur Wahl

wahlDer Schriftsteller Thomas Brussig erläutert im Tagesspiegel des längeren, warum er es gar nicht so schlimm findet, nicht zur Wahl zu gehen. Wir fassen zusammen: Erstens stören Wahlkämpfe und das in ihnen übliche Gebaren von Politikern den Ästheten in ihm, zweitens sei Nichtwählen immerhin auch ein akzeptables Zeichen von geistiger Unbeteiligtheit:

Es ist erstaunlicherweise aber noch niemand auf den Gedanken gekommen, dem Nichtwählertum etwas Positives abzugewinnen. Nicht wählen zu gehen kann ja auch seine Ursache darin haben, dass ich als Wahlberechtigter glaube, dass es für meine Lebensrealität, meine materiellen und freiheitlichen Verhältnisse, mein Lebensglück und meine Geschicke nicht von Belang ist, wer an der Macht ist. Nicht zu wählen kann heißen: Keine der zur Wahl stehenden Optionen ängstigt mich, an keine binde ich mein Lebensglück. Nicht zu wählen bedeutet, sich nicht den politischen Verhältnissen unterworfen zu fühlen. Ich finde, das ist keine schlechte Situation.

Drittens, und das interessiert mich weniger, meint er dann noch, daß es notwendig sei, „Demokratie neu zu denken“.

Seine (von mir so numerierten Punkte) 1 und 2 kann ich aber ganz gut nachvollziehen. Ich habe 2005 nach wochenlangen Überlegungen eben nicht die FDP (also pro Schwarz-Gelb) gewählt, weil mich die widerlichen Angie-Angie-Ami-Wahl-Shows der CDU nahezu körperlich abgestoßen hatten. Ich war dann eben nicht zu Wahl gegangen – wie schon oft in den Jahren zuvor, eben auch, weil (siehe das Zitat von Brussig) die Politik weder zum Guten noch zum Schlechten nahe genug „an mich herangekommen“ ist.

Dennoch sehe ich das heute anders und werde in jedem Fall zur Wahl gehen. :-) Wir Deutschen dürfen wählen und haben weiß Gott nicht sooo viel dazu beigetragen (etwaige Leser aus der Heldenstadt Leipzig mögen’s mit Nachsicht lesen); anderswo sind Leute dafür gestorben, wählen zu dürfen. Jüngstens im Iran, vor zwanzig Jahren in Peking, in den 80ern in Polen. Und aus Respekt vor diesen Leuten gehe ich eben zur Wahl. Punkt. (Vgl. auch hier.) Und aus Respekt vor und Dankbarkeit gegenüber den Befreiern (West-)Europas im 2. Weltkrieg übrigens auch noch.

Also: hin geh ich in jedem Fall. Kreuzchen höchstwahrscheinlich bei den Piraten.

4 Kommentare

  1. Stimme ich fast gänzlich zu. Auch wenn ich lieber bei einer guten Tasse Tee zu Hause bliebe und die Wahl Wahl sein ließe. Weil ich mich einfach so mit gar nichts anfreunden kann, was mir da serviert wird.
    Aus den von Dir bereits erörterten Gründen schleppe ich mich denn doch hin, und hoffe, ich stelle nix an… :-/

  2. Ich werde selbstverständlich zur Wahl gehen! Und die einzige Partei wählen, die sich aktiv für erneuerbare Energien und gegen Atomkraft einsetzt: Die Grünen!

  3. Deiner Begründung, warum Du Dich nun doch für´s Wählengehen entschieden hast, stimme ich absolut zu, will aber noch ergänzen, dass es gerade mal neunzig Jahre her ist, dass mit Gründung der Weimarer Republik das preußische Dreiklassenwahlrecht (Gewichtung der Stimmen nach erbrachter Steuerleistung) abgeschafft und das Frauenwahlrecht erstmalig umgesetzt wurde!

    Unabhängig davon habe ich keine Lust, die Entscheidung über die (politische) Zukunft anderen zu überlassen. Ich bin WÄHLERisch! :d:

  4. Wobei das Frauenwahlrecht in Frankreich übrigens erst nach dem 2. Weltkrieg eingeführt wurde. (Gegen den grummelnden Widerstand der Kommunisten übrigens, wenn ich recht unterrichtet bin: Die hatte nämlich Angst, daß die Frauen mehrheitlich pfäffisch wählen würden.)

    Aber es ist natürlich richtig: Ich hätte auch die Revolution von 1918, den Aufstand 1953 und noch eines anderes erwähnen sollen.

    Es kocht aber wirklicher Haß in mir Hoch, wenn Rechte im Osten die Polen dissen, denen sie Ihre Freiheit und ihre Audis ganz erheblich mitverdanken. (Aber das nur nebenbei.)

    Und noch zu den Parteien bei dieser Wahl.

    Die Grünen kann ich nicht wählen, weil ich gerade für Atomkraft und noch für einiges andere bin, was mit den Grünen gar nicht zusammengeht. Obwohl das die Partei ist, die mir mental und stilistisch am nächsten ist.

    Programmatisch hingegen wäre mir die FDP am nächsten (und mental nicht ferne). Aber das wäre eine Stimme für Schwarz-Gelb, und das will ich auch nicht (mehr).

    Ich denke also, ich werde mein Kreuzchen bei den Nerds machen. (Obwohl ich nicht mal dran denken darf, was das für Typen sind.) Ich bin aber eben deren Klientel, wähle also eine Klientelpartei. Und vielleicht bessern sie sich ja noch, die Grünen haben auch konfus angefangen.

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:-) :-( ;-) :-D :übel: mehr »

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