Warum nicht einmal ein Pamphlet für den Fortschritt? Es gehört ja der Glaube an der Fortschritt auch zu den Essenzialia der Französischen Revolution und zupackender Optimismus gehört zu den besten Traditionen der Aufklärung – die Menschheit entwickelt sich grosso modo stets weiter und stets nach oben. Also, wir finden ein solches Pamphlet heute mal beim Pamphlets-Spezialisten Cicero, verfaßt hat es Michael Miersch: „Deutschland fehlt eine Fortschrittspartei“.
Gefällt mir unterm Strich gut, obwohl ich nicht so recht weiß, was ich z.B. von der Gentechnik im allgemeinen und im einzelnen halten soll – und obwohl der Konnex zwischen rechtem und linken Ökotum auch nicht gerade ein Geheimnis ist. Natur-, Heimat-, Umwelt-Schutz – eine in beiden Lagern sehr beliebte Schwiemelei, wie man weiß, und eine superdeutsche dazu. Es ist sicher bezeichnend, daß „Fortschritt“ in Frankreich nie den diabolischen Klang bekommen hat, den es in Deutschland hat. ( Da werden eben auch noch richtige Düsenjäger und Flugzeugträger gebaut.
So, Miersch:
Diesen Geist, der mittlerweile alle Parteien beherrscht, beschreibt der holländische Historiker Wybren Verstegen als „grünes Denken“. Es ist gekennzeichnet durch niedrige Erwartungen, stetige Betonung der Grenzen, Verklärung der Vergangenheit, Idealisierung der Natur und ein abgrundtiefes Misstrauen gegen die Wirkungsweisen des Marktes. Neue Herausforderungen werden nicht gesucht, sondern tunlichst vermieden. Die Zukunft soll möglichst viel von der Gegenwart konservieren und gemütlich nach Omas Rezepten duften.
[...]
An den Bauzäunen der Atomkraftwerke trafen die Linken auf romantische Heimatschützer vom rechten Rand, denen die CDU zu modern, technokratisch und westlich geworden war. Aus diesem Gemenge höchst unterschiedlicher Gefühle und Ideologien entstand die grüne Partei. Die sich dort sammelnden Ex-Linken tauschten ihren Anspruch auf Veränderung gegen eine grüne Kreislaufphilosophie. „Fortschritt“ wurde zum schmutzigen Wort. Der grüne Zukunftspessimismus strahlte schon bald bis tief in die Sozialdemokratie.
Und gerade der SPD nun (die Piraten erwähnt er nicht, es macht sich da in letzter Zeit auch wohl eher Mitleid breit…) hat er die Rolle einer „Fortschrittspartei“ zugedacht:
Wir waren schon mal weiter. Es gibt in der Geschichte der Bundesrepublik ein Vorbild, wie man Umweltfragen ohne Wachstumskritik und Zukunftspessimismus anpacken kann. Die SPD führte Anfang der sechziger Jahre einen Wahlkampf unter dem Motto „Blauer Himmel über der Ruhr“. Willy Brandt sprach von der „Verbesserung der Lebensqualität“. Umweltschutz ist Fortschritt, hieß die Botschaft. Doch zwei Jahrzehnte später gingen die Sozialdemokraten dem grünen Denken auf den Leim.
Der französische Philosoph Bernard-Henry Lévy schlug kürzlich vor, die Sozialistische Partei solle sich selbst auflösen und neu gründen. So könne sie ihren alten ideologischen Muff über Bord werfen. Vielleicht wäre das eine Idee für die SPD. Anstatt als fader Abglanz der Grünen weiter zu verkümmern, könnte sie wieder die Partei des Fortschritts werden. Sie verlöre dadurch ein paar Lehrer, Pfarrer und Schöngeister aus dem Kulturbetrieb. Aber die Menschen, die Deutschland zukunftsfähig machen, kämen vielleicht wieder an Bord.
Dem Kernpunkt Mierschens stimme ich hundertprozentig zu: Deutschland verliert durch seine Technikfeindlichkeit Leute, die es dringend braucht. (Dringender jedenfalls als Pfaffen und Schreiberlinge.)



„Migrationscollagen“


Hm, also Fortschritt und Partei schließen sich m.E. aus. Eine Partei, selbst eine liberale, ist immer irgendwie auf Ideologie gegründet, was nicht negativ zu sein braucht, aber in der Kombination mit „Fortschritt“ leicht zu einer technologisch-technokratischen Zwangsveranstaltung werden kann. „Fortschritt“ ist kein Wert an sich. Und die autoritären und totalitären Parteien des 20. Jahrhunderts waren nach ihrem Selbstverständnis ja auch „Fortschritts-Parteien“.
Eine fortschrittliche Partei, statt einer Fortschritts-Partei, würde mir schon genügen.
Ja, ja, ich hatte ein bißchen rumgeklopft. Hitler hat ja auch oft auf die „Ewiggestrigen“ geschimpft – aber das es auch rechts und auch im offenen Nazismus diese romantisierenden Elemente gibt, es auch kein Geheimnis.
Gut. Miersch hat aber damit recht, daß eben diese Gefahr bei keiner Partei in D, auch nicht bei der CDU, akut ist.
Und „Technokraten“ ist schon sehr oft ein Schimpfwort von Leuten, die nichts anderes können, als Texte verfassen, für Leute, die etwas anderes können. (Allerdings zugegebenermaßen sehr oft keine Texte verfassen.)
Genau. Es sind die Überreste des alten Bildungsbürgertums, die hier ihre letzten Rückzugsgefechte führen. Die ganze „Kritische Theorie“ war auf nichts anderes gegründet, als auf das Ressentiment einer zum Untergang verurteilten Bildungsschicht im Angesicht des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts. Das Ethos der naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz, die sog. „instrumentelle Vernunft“, war für die kritischen Theoretiker das Böse schlechthin.
Ganz ähnlich hat es einmal der (von mir geschätzte) Peter Hacks formuliert:
[aus: Peter Hacks; Die Schwärze der Welt im Eingang des Tunnels, Hamburg (1991)]
Hacksens unverbrüchlich-unverzagter Glaube an die Vernünftigkeit des Menschen und der Geschichte (der Mann war Kommunist, und man schrieb das Jahr 1 nach dem Ende der DDR); sie schreit förmlich danach, mit dem berühmten Zitat des späten Walter Benjamin konfrontiert zu werden:
[aus: Walter Benjamin; Über den Begriff der Geschichte (1940)]
[...] dem Blog Amyklai wird dieser Text eifrig diskutiert. Ein Kommentar von Coriolan bringt Hacks ins Spiel, der im Jahre [...]