Heute morgen ist beim Durchpflügen der Presse unerfreulicherweise Edward Said ans Tageslicht gekommen – „Orientalismus“
. Fügt sich fein, daß mir nun des nachts beim Rumblättern in Borges‘ Die tiefe Rose „Der Orient“ unterkommt. Na ja, bringt’s wohl nicht, die strengen jungen Herrschaften aus den 70ern ex post um Nachsicht für unseren Orient bitten zu wollen… In den Fremdenverkehrs-Ministerien der betreffenden Länder wäre man da gewiß allezeit nachsichtiger gewesen. Und meine Güte, hat Gaddafi abgebaut! Aber auch das nur nebenbei, hier also das Borges-Poem:
Der Orient
Vergils Hand ruht auf einem Gewebe aus Wasserkühle
Und verschlungenen Formen und Farben,
Das die fernen Karawanen aus Zeit
Und Sand in sein Rom gebracht haben.
Es wird in einem Vers der Georgika überdauern.
Er hatte es nie gesehen. Heute ist es die Seide.
An einem sinkenden Abend stirbt ein Jude,
Gekreuzigt von den schwarzen Nägeln,
Die der Prätor befahl, aber die Heiden aus
Den Generationen der Erde
Werden nicht das Blut und das Gebet vergessen
Und auf dem Hügel die drei letzten Menschen.
Ich weiß von einem magischen Buch von Hexagrammen,
Das die vierundsechzig Richtungen
Unseres Schicksals aus Wachen und Träumen festhält.
Wieviel Erfindungsgabe, um die Muße zu bevölkern!
Ich weiß von Flüssen aus Sand und Fischen aus Gold,
Die Priester Johannes in den Gebieten weit
Hinter dem Ganges und dem Morgenrot lenkt,
Und vom Haiku, der in wenige Silben
Einen Augenblick bannt, ein Echo, ein Ekstase;
Ich weiß von jenem Geist aus Rauch, gefangen
Im Messinggefäß,
Und von der Verheißung in der Finsternis.
Oh Geist, der du das Unglaubliche hortest!
Chaldäa, das zuerst die Sterne sah.
Die hohen lusitanischen Schiffe; Goa.
Die Siege Clives, gestern Selbstmörder;
Kim und sein roter Schlamm, die für immer
Dem Wege folgen, der sie rettet.
Der köstliche Geruch von Tee, der Geruch von Sandelholz.
Die Moscheen von Córdoba und Aksu
Und der Tiger, zart wie die Narde.So ist mein Orient. Er ist der Garten den ich besitze,
Damit die Erinnerung an Dich mich nicht ersticke.Jorge Luis Borges



Gegen das superdeutsche Herz

