Und zwar die, daß aus den Piraten jemals so etwas wie eine normale, funktionsfähige Partei werden könnte. Und zwar angesichts des Schwalls von Infantilismen und dümmlichsten Nerd-Witzen, dessen man heute im Web Zeuge werden konnte, wenn man es denn wollte.
Die Typen haben gestern einen völlig unerwarteten und nahezu unerklärlichen Triumph erzielt: 2 %, 850.000 Wähler beim ersten Antreten bei einer Bundestagswahl. Bei den Grünen waren es 1980 gerade einmal 1,5 %. Und die Nerds haben im Gegensatz zu den Grünen damals keine charismatischen Führerfiguren, keine Bastians, keine Kellys. Und Apparatschiks wie Trittin, die wissen, wie man in Minderheitenparteien Mehrheiten organisiert, haben sie auch nicht.
Sie haben Tauss, und der hat kein Charisma, dafür aber ein Verfahren wegen KiPo am Hals. Und Stoffel, die der JF Interviews geben, haben sie auch in großer Zahl. Wie soll man mit diesen Typen politische Basisarbeit organisieren? Wie in den Gemeinden und in den Bundesländer die Arbeit leisten, die notwendig wäre, um es 2013 möglicherweise noch einmal zu versuchen? Hoffnungslos.
Ich habe als 13-jähriger die Basisarbeit der Grünen in der niedersächsischen Provinz mitbekommen, inklusive der Jutetaschen – und uns, die zu den Stadtratssitzungen mitgenommen wurden. Wie könnte man sich derlei bei den Piraten vorstellen?
Daß denen nun „libertäre“ und andere Spinner Avancen machen, kann nicht überraschen.
Diesen dummen Jungen wird nicht einmal klar, einen wie großen und eben unverdienten Erfolg sie gestern gehabt haben – weil sie für ein wichtiges Thema stehen. Es gibt Parteien, die seit Jahr und Tag kandidieren und nicht einmal in die Nähe von 2 % kommen. Darunter auch einige durchaus achtbare, wie z.B. die ÖDP.
Und wie reagiert die Basis, dort wo sie nämlich reagiert, also eo ipso im Web? Sie reagiert mit unsäglichen, allerdümmsten Jammer- und Hohnkampagnen. Man quengelt und flennt und krakelt. Der pubertäre Humor der Dreißigjährigen richtet sich bezeichnenderweise gegen Westerwelle, zunächst wegen seiner Homosexualität, dann wegen seines schlechten Englisch. Man hat da ein Video aufgetan, na toll.
Man fühlt sich da in seiner eigenen Popeligkeit ganz offensichtlich von einem ausgesprochenen Kämpfer- und Siegertypen herausgefordert und bloßgestellt. Eine andere Erklärung für die Guido-Disse sähe ich nicht. Was hat er ihnen getan, hm? Arme, dumme, kleine Arschlöcher.
Was das Englische angeht: Da hat Westerwelle in der Tat den Fehler gemacht, sich von einem schielenden Skandinavier, oder was das für ein Wesen war, die Sprache aufnötigen zu lassen. Im Twitter hat das vorhin jemand, der es wissen muß, der in diesem Schimpf-Post aber vielleicht nicht namentlich genannt werden möchte, trefflich auf den Punkt gebracht: In Frankreich gibt’s noch Politiker, die damit angeben, kein Englisch zu verstehen.
Und so nebenbei: Von wegen „Campact“, „Demokratie in Aktion“ und ähnlichem Nerd-Scheiß zu Generierung von Klicks via Twitter durch einen der notorischen „offenen Briefe“: Vergeßt es. Gewählt wurde gestern.
Bildquelle: Dissonancefalling, CC


Aber vielleicht ist dieser „Nerd-Scheiß“ wie „Campact“ & Co für Leute wie mich (und ich bin definitiv KEIN Nerd [und ebenso keine Piratin]) eine Möglichkeit, zumindest nach der gestrigen Wahl wieder zu einer Sprache zu finden? Immerhin hast Du die FDP gewählt und das bekommen, was Du wolltest. Ich hingegen muss mich damit abfinden, dass die politischen Inhalte, die mir wichtig sind, in den nächsten Jahren nicht unbedingt Erwähnung finden werden auf der Bestimmerseite. Was tue ich also? Ich sehe, dass ich eine Plattform finde, wo meine Stimme noch etwas zählt.
Gewählt wurde vielleicht gestern, aber ich habe auch heute meine Träume und Ziele nicht in die scharz-gelbe Tonne gekloppt!
Hm. Gut, ich gebe zu, bei diesem Nachklapp war mir auch nicht 100%ig wohl…
Natürlich ist es zumindest legitim, so etwas zu machen und dafür zu trommeln. Ich kann mich aber angesichts der Form dieser Site des Verdachts nicht erwehren, daß es sich hier (im Gegensatz zur Zensursula-Petition!) um so eine netztypische, selbstreferetielle Sache handelt, die eben außerhalb der Szene mit gutem Grund niemanden so recht interessieren wird.
Und der erste Satz bringt mich auf die Palme:
Um Pardon, ich habe die FDP (=schwarz-gelb) u.a. gewählt, weil ich strikt gegen den Atomausstieg bin. Wer dafür ist, konnte die Grünen wählen.
Und die offenen Briefe, sie nehmen einfach überhand.
Als Kompromißvorschlag, vielleicht: Man kann das machen, sollte sich aber nicht in dem Maße für den Nabel der Welt halten, daß man meinte, jedermann hätte das nun besonders ernst zu nehmen.
Nein, aber man kann es ja immer mal wieder anbieten, um vielleicht doch den einen oder die andere nachdenklich zu stimmen. Ergo: Kompromissvorschlag natürlich angenommen. Auch wenn die Geschichte schon einige Male gezeigt hat, dass es vor allem die mit Vehemenz verfolgten Träume waren, die überdauert und sich irgendwann in Realität gewandelt haben.
Und gelassen begegnen wir den Nabeln der Welt, die immer wieder durch den Web-Wald rauschen …
Aber ja.
Mir ist im Gegenzug dann natürlich auch gerne klar, daß ich mit meiner Pro-Atom-Energie-Position zumindest unter den Leuten, unter denen ich mich im deutschen Web bewege, und vielleicht auch in ganz Deutschland in der Minderheit bin.
Aber jedenfalls: Die Grünen haben mit der „schwarz-gelben Tonne“ dezidiert gegen Stimmen für die FDP geworben. Gebracht hat’s nix…
Aber, wiederum, mein eigentlicher Zorn galt auch nicht dieser Sache, ich hätte das vielleicht rauslassen sollen, sondern dem bescheuerten Herfallen über den Westerwelle. Hatte mich nur gerade über Deinen Tweet geärgert.