Schon seit einiger Zeit fällt mir auf, daß ehrwürdige kulinarische Traditionen eigentlich gar nicht so furchtbar ehrwürdig, jedenfalls gar nicht so alt sind – einerseits geradezu erschreckend, andererseit auch ein kleines, alltagskulturelles Argument gegen das leidige beflissene Strampeln nach und um „Authentizität“.
Es versteht sich, daß die meisten Rezepte der klassischen französischen Küche aus dem 19. Jahrhundert stammen. Mir geht es um volkstümlichere Dinge.
- Die Tomate (heute in ganz Europa allgegenwärtig und in der mediterranen Küche essentiell) wird erst seit dem späten 19. Jahrhundert verwendet.
- Man könnte an die erst seit dem späten 18. Jahrhundert gängige Kartoffel denken, wenn das nicht ein fast schlappes Beispiel wäre.
- Carabonara-Soße wurde angeblich (es ist umstritten) um 1944 erfunden, als die Amis, mit fettem Vorderschinken verproviantiert, in Italien einmarschiert sind.
- Tiramisu (das ist sicher) wurde anfang der 50er erfunden.
- Und vor allem: Das Hauptgewürz der armen, heißen Länder (so Tom Stobart) ist Chilli – von der gewaltigen tunesischen Harissa über die harmlosen süditalienischen Peperoni und den serbischen Ajvar bis hin zu den schweißtreibenden Kreationen Südostasiens. Man denke auch an den edlen und milden ungarischen Paprika. Das sind aller Klassiker. Aber: Capsicum-Gewürze stammen unzweifelhaft aus der Neuen Welt. Man fragt sich im Ernst, was man in der Alten Welt vorher gegessen hat.
- Ah, in Bayern hat man auf dem Lande früher viel Knoblauch gegessen, habe ich mir mal sagen lassen.
Also, auch auf diesem Gebiet sind Traditionen mühelos zu erfinden und wieder abzuschaffen, nicht nur bei der Nationsbildung und bei der Bundeswehr.
Es handelt sich bei diesem Blogeintrag um die leicht überarbeitete Fassung eines Forenbeitrages, der im Forum Konjunktiv 2 im Juni 2005 veröffentlicht wurden. Bildquelle: Peppysis, CC.


Hauptsächlich Getreidebreie
An Gemüse, soweit ich weiß, vorwiegend Kraut und Rüben.
Falls du an jüngeren „Traditionsrezepten“ interessiert sein solltest: Ich hab eine vollständige Ausgabe der Menü-Hefte aus den frühen 70er Jahren
Ja, und natürlich Brot… (Aber von den Sachen, die damals schon im Norden gut wachsen, kann man nur aus Roggen Brot backen, daher eben Brei aus Hafer, Gerste etc.) Viel mehr alkoholische Getränke als heute, wenn ich mich recht erinnere, halt Bier und Wein, aber auch leichter als heute.
Die reichen Leute auch sehr viele Fleisch, das ist jedenfalls die gängige Erklärung dafür, daß Gicht damals eine so häufige Krankheit in den besseren Kreisen war… Philipp II. bittet wegen seiner angegriffenen Gesundheit um Dispens vom freitäglichen Kein-Fleisch-Essen-Dürfen! (Hätte er mal lassen sollen.
Noch was! Fällt mir gerade ein! Wodka ist in Rußland gar nicht so alt. Die Technik (also das Brennen) wird irgendwann im 16. Jh. auf dem Baltikum eingeführt. Vorher: Kwas und Bier.
(Sorry, Mel, wegen des schulmeisterlichen Tons, Du bist ja selbst Sozialhistorikerin… Ging halt so in den Raum und nicht nur an Dich.)