Eigentlich hätte ich hier ’ne MP3 hochladen wollen, nämlich die mit dem einmütigen Ausschnitt aus Pier Paolo Pasolinis „Salò oder die 120 Tage von Sodom“, in dem sie „Sul ponte di Perati“ singen. Ich hatte die damals für’s k2 gemacht, weil wir (oki, Vinneuil und ich, im wesentlichen) die Szene so toll fanden.
Aber natürlich gibt’s das ganze längst auf Youtube. Et bien, bitte, Youtube also:
Unsere Assoziationen (meine jedenfalls) waren in etwa diese gewesen: In der perfiden Welt der Gewalt, der Pornographie und der Exkremente, die der Film präsentiert, zerreißt auf einmal ein Schleier, eine Sichtsperre fällt, es tut sich ein Blick auf eine freie, kalte Welt auf. Schwarze Fahnen klirren im Winde, ein Alpini-Trupp marschiert. Beste faschistische Ästhetik mithin – das konnte Pasolini nicht gleichsam als Lapsus unterlaufen sein.
Nach einigem Suchen nun ist mir klargeworden, daß dieses Lied gar nicht so martialisch ist:
Auf der Brücke von Perati, Schwarze Fahne,
Das Klagen des Julia-Regiments, das in den Krieg zieht.
Auf der Brücke von Perati, Schwarze Fahne,
Die besten jungen Männer liegen unter der Erde.
Wenn ich das hier richtig verstehe, war die Piece unter den Faschisten sogar irgendwann als defätistisch und subversiv verboten. Das läßt die Szene möglicherweise in einem ganz anderen Licht erscheinen.
Perati/Perat liegt übrigens in Albanien, war mir auch neu.



Déjà-vu im Kaukasus


Ja, ich hatte diese Szene auch immer so empfunden, aber erst durch Deine schlaglichtartige Formulierung ist mir das so richtig bewußt geworden. Das mit dem „Schleier, der zereisst“… An einen Lapsus zu glauben, fällt mir auch schwer. (Es gibt ein rätselhaftes spätes Gedicht Pasolinis „An einen jungen Faschisten“, das ähnlich ambivalent schillert wie diese Szene.) Es kann durchaus sein, dass ihm in der Tat bewußt war, daß sein „Salò“ ein grelles Zerrbild war, daß mit dem historischen nur wenig gemein hatte.
Der Clou an dem Film ist, daß nicht die historischen Faschisten, sondern die Konsumgesellschaft der Siebziger gemeint ist, der „Faschismus“ ist also nur eine Metapher. Es gibt verblüffende Paralllellen zwischen Mohlers „Sex und Politik“ und Pasolinis Kritik am politisierten Sex-Business dieser Zeit. Aber das ist eine lange Geschichte…
Das ist sehr interessant, das habe ich in der Literatur über den Film
bisher nirgends gefunden. Ob Pasolini davon gewußt hat, steht auf einem anderen Blatt. Andererseits waren viele Lieder der RSI sehr pessimistisch und hatten diese „verlorener Posten“-Stimmung, zB „Le donne non ci vogliono più bene“. Da war die Melodie allerdings mehr hepp-peppi. Dazu fällt mir auch noch Goebbels ein, der die „Totentanzschnulze“ Lilli Marleen am liebsten verboten hätte…
Das ist aber seltsam, „guerra“ mit zwei „R“, und natürlich muss es gioventù heissen… diese Zeile erinnert mich an die berühmte von Mohler zitierte Rede von Benn an Marinetti, in der er das Schwarz der Hemden („die Farbe des Todes und des Schreckens“) paradox mit der „Giovinezza“ verknüpft sieht.
Es gab auch einmal einen ziemlich linksgestrickten Film über das politische Italien in den Sechziger und Siebziger Jahren, der auf das Lied anspielt: „La meglio gioventù“ (Die besten Jahre) von Marco Tullio Giordana (2003).
Ja, das hatte mich in der Tat auch gewundert, aber google mal nach „la meglio zoventù“ – das setzt in der Tat eine ganze Menge Treffer. Es kann eigentlich kein Lapsus sein, dafür wär’s auch ein bißchen zu dick… Irgendwas Dialektalisches oder Idiomatisches, würde ich vermuten?
Pasolini wählt dieses Kriegslied, m.E.n. nicht weil zensiert wurde, aber weil es im Lied dramatischer als in vielen anderen um Leid, Tod, Unsinn, geht.“Die beste Jugend landet unter der Erde“ „Der Fluss Vojussa wird rot vom Blut“
Darüber hinaus ist ein Lied der Alpini-Brigade „Julia“, aus dem Region Friaul, woher Pasolini stamm
«Andererseits waren viele Lieder der RSI sehr pessimistisch und hatten diese „verlorener Posten“-Stimmung, zB „Le donne non ci vogliono più bene“.»
Mit den Liedern der RSi und den Faschisten hat dieses nichts zu tun, denn so gut wie alle Lieder der Alpini sind traurig. Diese Soldaten waren Leute aus den Bergen, einfache Meschen, die an hartem Leben und Strapazen gewöhnt waren und die sich in den Kriegen durch ihre Opfermut und Widerstand zeichneten. Schau in youtube zb „l‘ultima notte“ „lecco canta monte canino“ „eroi di monte pasubio“ oder die spätere „Nikolajewka“
Zum vergleich die Lieder der Faschisten „allarmi siam fascisti“ „faccetta nera“ „Il canto degli arditi“
«Das ist aber seltsam, „guerra“ mit zwei „R“, und natürlich muss es gioventù heissen… »
Das ist ein Lied des Volkes in norditalienischer Aussprache. Beachte dass die Verbreitung des italienischen als Nationalsprache sehr spät und vor allem durch Fernsehn stattfand. Volsklieder sind stets „Regionallieder“. Pasolini nimmt auch über die Homologation durch Fernsehen hier Stellung: siehe „La civiltà di consumo Pier Paolo Pasolini“
Herzlichen Dank, Surfer, für diesen exzellenten und sehr erhellenden Kommentar! (Ich zieh den Eintrag mal nach oben.)