Grundsätzlich bin ich der Meinung, daß es in Deutschland eher zu wenige als zu viele Feiertage gibt – dies, um Mißverständnissen vorzubeugen. Dennoch: Was sollen wir mit Feiertagen, denen maximal ein Drittel des Volkes auch nur irgendwie emotional verbunden ist, und deren Bedeutung nurmehr ein Zehntel des Volkes ansatzweise erklären kann?
Gut, den ersten und zweiten Weihnachtstag und den Ostermontag wird man nicht abschaffen wollen – diese beiden Feiertage sind bei den Leuten zu „tief drin“, und sowohl Weihnachten als auch Ostern lassen sich, wie wir wissen, rein weltlich feiern, bzw. werden von der überwältigenden Mehrzahl der Europäer weltlich, ohne jeden religösen Bezug gefeiert.
Auf der Abschußliste ständen mithin (ich zähle auch die Feiertage auf, die nicht in allen Bundesländern Feiertage sind):
- Dreikönigstag
- Karfreitag
- Himmelfahrt
- Pfingstmontag
- Fronleichnam
- Reformationstag
- Allerheiligen
Weg mit dem Dunkelmännerunfug aus dem All- und Feiertagsleben! (Weg so nebenbei auch mit der ungleichen Zahl von Feiertagen in der Republik.)
Als Ersatz böten sich an:
- 17. Juni – Nationalfeiertag, Tag der Deutschen Einheit
- 9. November – nationaler Gedenktag, Tag der Deutschen Eigenheiten
- 2. Juni – Bürgertag, Tag des Widerstandes, „Tag der Zivilgesellschaft“
- Die beiden Sonnenwenden und die beiden Äquinoktiken – mit anderen Worten die vier Jahreszeitenanfänge
1. Mai als Tag der Arbeit bleibt selbstverständlich, der Neujahrstag natürlich auch, der lächerliche 3. Oktober entfällt ebenso selbstverständlich.
Ergänzung
Und ich halte diesen Vorschlag weiterhin für alles andere als exzentrisch.
Gut, die Bennungen des 2. Junis sind schräg und etwas lehrerhaft, zugegeben. Da müßte etwas anderes her. „Bürgertag“ ist aber auch nicht ganz schlecht. Und es schiene mir weiterhin sinnvoll, einen Tag zu haben, an dem der lange Weg Deutschland in den Westen (Winkler) gefeiert wird. Sicher, die Verabschiedung Deutschlands vom preußischen Ungeist zieht sich über einen langen Zeitraum hin – von den 50ern bis in die 90er (Wehrmachtsausstellung). Schlichtweg bis zum Aussterben der Tätergeneration des Zweiten Weltkriegs. Aber der 2. Juni kann für diesen Prozeß stehen; 1967 ist sicher das wichtigste Jahr dieses Prozesses.
Und angesichts der Tatsache, daß eine nennenswerte Minderheit der Deutschen dieses Prozeß nicht aktiv mitvollzogen hat, wäre ein solcher Bürgertag um so sinnvoller – gleich, ob man die Re-Ossifizierung nun wie Maxim Biller für eine reale Gefahr hält oder nicht.
Auch die vier astronomischen Feiertag scheinen mir weiterhin eine prächtige Idee. Es sind knallhart naturwissenschaftlich fixierbare Daten, mit denen dann jeder machen kann, was er will. Und ich bin mir sicher, daß schon heute der Frühlingsanfang für mehr Leute eine emotionale Bedeutung hat als der Reformationstag oder Allerheiligen.
Und das habe ich als Historiker gelernt: Traditionen können so furchtbar schnell geschaffen und wieder abgeschafft werden. Wer kennt heute noch den Sedanstag? Wer glaubt heute noch, daß das „künstliche“ Gebilde Belgien in absehbarer Zeit aufhören wird zu existieren? Und wenn ich diese Wandelbarkeit der Traditionen einmal sauber mit der longue durée der Annales-Schule (mit der ich geistig sozialisiert worden bin) unter einen Hut bekomme, dann bin ich froh.



Canto I (again)


Da stimme ich der Analyse Dir zu. Was ich mich nur frage, ist, ob das bei den politischen Feiertagen, die Du (mit gutem Grund) vorschlägst, so viel anders und frei von unerwünschten Nebenwirkungen wäre. Ein bisserl riskant scheint es mir schon. Mit den ‚heidnischen‘ Feiertagen kann ich persönlich emotional gar nichts anfangen – aber das ist wohl Geschmackssache.
Also, ein bißchen schräg war der Vorschlag schon, das gebe ich zu, und deshalb habe ich ihn auch hier gemacht und nicht auf k2. Andererseits kann man eben auch das Denken gleich einstellen, wenn man sich daran orientiert, was im bundesdeutschen Korporatismus denkbar und daher eben nicht schräg ist. Und unterm Strich war der Vorschlag durchaus ernstgemeint.
Es ist mir eben auch hier ganz einfach und vor allen Dingen um die Trennung von Staat und Religion zu tun. (Auf die Idee gekommen war ich übrigens, als ich mitbekommen hatte, daß der Karfreitag in Österreich kein Feiertag ist.)
Ja, daß die vier „Solarfeiertage“ einen auch unangenehmen Beigeschmack hätten, ist mir natürlich klar. Aber grundsätzlich sind es eben weder keltische noch germanische (noch nazistische) Feiertage, sondern denkbar gleichmäßig übers Jahr verteilte astronomische Daten. Traditionen lassen sich schaffen. Und ich bin mir sicher, daß schon heute die meisten Leute mit „Sommeranfang“ mehr verbinden als mit Pfingsten.
Das ist in der Tat ein gutes Beispiel, wenn man die Geschichte bedenkt, die sich die Konfessionen um die Frage, ob dieser Tag ein Feiertag sein soll, geleistet haben.
Traditionen lassen sich in der Tat schaffen – ich wäre mir nur nicht so sicher, ob es dann auch die sind, die man sich so vorstellt. Aber vielleicht bin ich da nicht fortschrittlich genug.
Also: Mein Motiv, die Solar-Tgae vorzuschlagen, war auch folgendes: Ich wollte eben nicht, daß es generell weniger Feiertage gibt. (Unter anderem auch, weil ich Feiertage für etwas Motivationsförderndes halte.) Es sollten aber eben auch keine „pädagogisch wertvollen“ oder staatstragenden Tage sein, jedenfalls nicht nur! (Also so etwas wie Frauentag etc.)
Gerade den Vorschlag mit den „Solarfeiertagen“ finde ich super. Ich bezweifle, ob diese „heidnische“ Konnotation in vielen Köpfen drin ist – wohl eher nicht. Und wie du sagst: Mit der Symbolik von Sommeranfang oder auch Frühlingsanfang können die meisten Leute sicherlich etwas anfangen.
Wir Niederländer haben übrigens noch den Königinnentag – am 30. April, also direkt vor dem Tag der Arbeit, der in den Niederlanden *kein* Nationalfeiertag ist. Auch für Nicht-Monarchisten ein guter Anlass, mal so richtig Party zu machen
Ahoi!
Also, die neuheidnische Konnotation stößt einem vielleicht nur übel auf, wenn man sich mit dem Rechtsradikalismus/extremismus befaßt (was ich ab und zu mache) – das bestrifft aber auch nur die Sonnenwenden, nicht die Tagundnachtgleichen…
Das mit dem Königinnentag in den Niederlanden habe ich erst dieses Jahr mitbekommen, und zwar durch eine Twitterfollowingine mit hollandischen Wurzel! Ich fand das amüsant, weil da ja in Deutschland des abends in einigen Stadteilen (z.B. in Hannover-Linden, wenn ich mich recht erinnere
) die Walpurgisnacht gefeiert wird!
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