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SOS ! (2. Update)

Uah! Das ist das Presse-Ereignis der Woche! (Es datiert von gestern, ich bekomm’s erst heute mit.)

André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy veröffentlichen in der Libération einen donnernden Appell an die Europäer zur Georgienfrage, nein, zur Rußlandfrage: „SOS Géorgie ? SOS Europe !“

Sie erklären die Angelegenheit eingangs zum wahrscheinlich wichtigsten historischen Wendepunkt seit dem Fall der Berliner Mauer.

Denn es geht nicht nur um Georgien. Es geht auch um die Ukraine, um Aserbaidschan, um Zentralalsien, um Osteuropa, um ganz Europa. Wenn wir die Panzer und Bomber Georgien zerstören lassen, signalisieren wir allen näheren und ferneren Nachbarn Großrußland, daß wir sie niemals verteidigen würden, daß unsere Versprechen Papiertieger sind, unsere Gutwilligkeit aus Luft ist und daß sie nichts von uns zu erwarten haben. Er bleibt nicht mehr viel Zeit.

Fragen wir zunächst, wer hier der Aggressor ist:

Die beiden weiter: Warum ist Rußland noch in der G8? Warum noch im Europarat? Warum wird deutsches Geld in eine russischen Pipeline investiert, deren einziges Ziel ist, Polen und die Ukraine zu umgehen?

Es ist Zeit, die Methoden zu ändern. Die Europäer haben – machtlos, weil uneinig – bei der Belagerung von Sarajewo geholfen. Sie haben zugeschaut – machtlos, weil blind – wie Grosny in Stücke geschlagen wurde. Wird uns die Feigheit auch diesmal dazu bringen, passiv und kurzatmig zuzusehen, wie die Demokratie in Tiflis zerstört wird? Der Generalstab im Kreml hat nie an die Existenz einer ‚Europäischen Union‘ geglaubt. Er behauptet, daß unter den schönen Reden aus Brüssel die jahrhundertealten Rivalitäten und nationalen Identitäten lauern, die er gnadenlos manipulieren und zu gegenseitiger Lähmung führen kann. Europa, das einst gegen den Eisernen Vorhang gebaut wurde, gegen die Faschismen von einst und jetzt, gegen seine eigenen Kolonialkriege, Europa, das den Mauerfall und die Samtene Revolution gefeiert hat, befindet sich am Rande des Komas.

Au Mann, auf André Glucksmann ist echt alle Zeit Verlaß! :d: Nie werde ich seinen Nachruf in der FAZ auf Präsident Maschadow im Jahre 2005 vergessen („Tschetschenien hat seinen de Gaulle verloren“).

Und eine absolute Wohltat nach dem dämlichen Gewäsch und Nachgeplappere in der deutschen Öffi-Presse ist es auch.

Uah!

Nachtrag 15:45

Lorenz Jäger hält in der FAZ dagegen. Die dümmliche Bildunterschrift „Agent westlichen Interessen“ dürfen wir getrost auf die Wochenends-Praktikantin schieben.

Nicht um jene Pipelines, die das Öl vom Kaspischen Meer an Iran vorbeiführen, nicht um eine strategische Einkreisung Russlands durch mehr oder weniger offenes Einsickern der Nato in die Anrainerstaaten.

„strategische Einkreisung“, das ist seminarvermieftes Geschwätz von „Geopolitikern“ und antiamerikanischen Geistersehern im Stile eines PSL. Es ist selbstverständlich legitim nach Interessen zu fragen, auch wenn das die Stilgattung der Libé-Pamphlets verkennt. Aber hier werden die Ambitionen Amerikas und die Stetigkeit seines politschen Handels bei weitem überschätzt.

Russland hat bewiesen, dass es zur Selbstbehauptung in der Region fähig ist – ob dies den Europäern nun schmeckt oder nicht.

Nein, es hat bewiesen, daß es zu einer Strafexpediotion gegen einen unabhängigen, aber wehrlosen Staat fähig ist.

Die Stimmen von Glucksmann und Lévy werden in Europa gehört, sie haben, in Deutschland etwa, das Portal „Perlentaucher“ auf ihrer Seite.

Ja, die FAZ mag den Perlentaucher nicht. Ich auch nicht, aber was heißt „auf ihrer Seite“? Der Perlentaucher hatte auf den Artikel hingewiesen. (So war auch ich darauf aufmerksam geworden.) Und sonst gar nichts.

Es gibt einen antirussischen Affekt in Europa, den man kennen, aber von dem man sich nicht unbesehen beeindrucken lassen sollte.

Ja, und komischerweise gibt es den besonders dort in Europa, wo man die Russen kennt.

Nachtrag, Montag, 18. August, 11:43

Ja, das Verhältnis zwischen dem Perlentaucher und der FAZ ist bekanntlich ein Inniges. Nachdem Jäger  (der kaum für „die FAZ“ steht, weiß Gott nicht) in der FAZ gegen den Glucksmann-Levy-Appel angeschrieben und dabei auch den Perlentaucher des Glucksmann-Unterstützertums beschuldigt hat, veröffentlich der PT nun „erst recht“ eine komplette Übersetzung des Appells:

SOS Georgien? SOS Europa!

Glauben Sie nicht, dass es sich hier um eine rein lokale Angelegenheit handelt: Es ist wahrscheinlich der entscheidendste Wendepunkt der europäischen Geschichte seit dem Fall der Berliner Mauer. Moskau gibt die Tonart vor: „Völkermord“ lautet die Anschuldigung durch Putin, der das Wort beim sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz nicht auszusprechen geruhte. Der sanfte Medwedjew erinnert an „München“, als sei Georgien mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern die Wiedergeburt des Dritten Reichs.

weiter…

Antworten

:-) :-( ;-) :-D :übel: mehr »

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