Deutschland
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Broderiana

Wie üblich geht’s um Prozesse und wie üblich darum, wer wen wo als Antisemiten bezeichnen darf oder nicht — Patrick Bahners berichtet und kommentiert im FAZ-Feuilleton. Der Krach zwischen Henry M. Broder und Evelyn Hecht-Galinski ist sicher in Grundzügen bekannt, und die Aussagen von Frau Hecht-Galinski interessieren hier auch nicht.

Bemerkenswert scheinen mir aber diese Bemerkung Bahners‘:

Wer die Beschreibung eines Gegners als eines Antisemiten durchsetzen kann, hat ihn aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen. Das ist zu bedenken, wenn die Richter entscheiden, ob Frau Hecht-Galinski es in der Härte des Meinungskampfes hinnehmen muss, als notorische Antisemitin bezeichnet zu werden.

Sicher? So weit, daß nun gerade Henryk M. Broder (der sich allerdings in letzter Zeit ein wenig gemäßig hat) bestimmen oder könnte, wer am „öffentlichen Diskurs“ teilnimmt, sind wir nun freilich doch noch nicht. Um hier gar nicht von irgendwelchen Antisemitismus-Minenhunden aus dem Schattenreich à la Hagagaga zu reden.

Interessant ist ferner der ziemlich direkte Angriff Bahners‘ auf Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Frau Hecht-Galinski hat sich auch mit dem Zentralrat angelegt, den sie als Sprachrohr der israelischen Regierung bezeichnet hat. Bahners weist daraufhin, daß Kramer erstaunlichweise Faruk Sen („Muslime sind die neuen Juden“) verteidigt habe:

Als aber Faruk Sen, der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, in seinem Heimatland die abenteuerliche Behauptung verbreitete, die Türken würden heute in Deutschland behandelt wie vor 1945 die Juden (Faruk Sen: Der Wortgewandte), da sprang ihm Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden bei. War Sens implizite Gleichsetzung von Einbürgerungstests und Sprachlernpflicht mit Nürnberger Gesetzen und Konzentrationslagern etwa kein Beispiel für jene Relativierung, die der Zentralrat immer bekämpft hat, war Sens Botschaft vor dem Hintergrund des realen Antisemitismus junger Muslime etwa kein hochgefährliches Gift?

Wie kann man die Solidarität mit Sen rational erklären? Man sieht sich darauf verwiesen, dass Sen als Kulturbotschafter jener türkischen Republik wirkt, mit der Israel im Stillen verbündet ist.

4 Kommentare

  1. frei_sein

    Beim Fall Sen würde ich eine Kombination von innen- und außenpolitischen Motiven für die wahrscheinlichste Motivation halten. Zum einen hat Kramer meines Wissens damals explizit auf Sens, seiner Ansicht nach lobenswerte, Rolle in der Türkei hingewiesen (und die Verbindung zu Israel hergestellt), zum anderen ist mir kein Fall bekannt, in dem sich Herr Kramer einmal gegen die „Immigrationslobby“ ausgesprochen hat. Die Messeraktion gegen den Rabbiner seitens des Afghanen(?) in Frankfurt wurde seitens des ZdJ runtergespielt, dafür wurde Kochs -freilich heuchlerische- Wahlkampfrhetorik von Kramer sofort in die Naziecke gestellt.

    Immerhin ist schon der zweite ZdJ, bzw. kramerkritische Artikel in der FAZ – wobei es Kramer mit seiner Holzhammerart ja auch nicht wirklich bemüht ist, sich Freunde zu machen ;-)

  2. Vinneuil

    Ich finde das unbegreiflich, daß Kramer diese Unsäglichkeiten Sens auch noch unterstützt… :-/

  3. frei_sein

    Dir wird es sicherlich schon aufgefallen sein – aber nicht der Mühe wert empfunden, es hier zu verlinken. Broder antwortet in der FAZ auf Bahners:

    http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EC4C4962C3F8B4F5E8A5C7A676E438A49~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Üblicher Broder-Stil, darob leicht zu lesen – mit ein paar schönen locker flockig formulierten Feststellungen.

  4. Jep, danke, fs, für den Hinweis. :-) War mir in der Tat entgangen. Und es stimmt: Ein schöner, gelungener Broder. Zwei Highlights:

    Es gibt also keine bekennenden oder praktizierenden Antisemiten mehr, aber immer noch einen Antisemitismus, über den akademische Abhandlungen geschrieben werden. Antisemitismusforscher unterscheiden zwischen manifestem und latentem, verschämtem und unverschämtem, primärem und sekundärem Antisemitismus, einem Antisemitismus ohne Juden und einem Antisemitismus ohne Antisemiten. Die Angebotspalette ist breit und bietet jedem etwas.

    Einen kleinsten gemeinsamen Nenner bietet eine „Definition“, die aus den Vereinigten Staaten kommt: „Antisemitismus ist, wenn man die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich normal ist.“

    :-D

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:-) :-( ;-) :-D :übel: mehr »

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