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Inland, Wirtschaft

Wie ich mir das dächte

Üblicherweise scheue ich wirtschaftliche Themen. Ich verstehe nicht viel davon. Angesichts der zu Recht hochschlagenden Empörung über die unsägliche Erhöhung des Hartz-IV-Satzes um 5 € und angesichts eines daraus resultierenden, coram publico ausgetragenen heftigen Streites mit jemanden, möchte ich dennoch versuchen, zu Papier zu bringen, wie ich mir ein weises Sozialsystem dächte.

Also:

  • Bedingungslose Grundsicherung von 900 € pro Monat pro Nase für deutsche Staatsbürger, die nicht arbeiten können oder wollen.
  • Keine solche Grundsicherung für Ausländer.
  • Mithin drastische Redizierung der Sozial- und gerade der Arbeitsbürokratie.
  • 1100 € Grundsicherung für Akademiker. Dies als Entschädigung für das Risiko, daß sie durch die Wahl ihres Ausbildungsganges eingegangen sind, ferner als Entschädigung für die materielle Armut, die sie in ihrem Studium, also in den besten Jahren ihres Lebens zu erdulden hatte.
  • Leute mit abgeschlossener Berufsausbildung dürfen nicht studieren – wir wollen klare Verhältnisse.
  • Danach geht es bei 1300 € netto für einen Vollzeitjob weiter.
  • Verbot von Minijobs und ähnlichem? Ausnahmen wären denkbar. Für Studenten? Jedenfalls unterbindet der Staat Lohndrückerei.
  • Weitgehendes Verbot auch von Praktika.
  • Leiharbeit bleibt legal, muß aber für den Arbeitgeber teurer sein als feste Arbeit. Er wird die Leute leicht wieder los, zahlt dafür aber mehr.
  • Hoher Einstiegssteuersatz, niedriger Spitzensteuersatz. (Sollen die kleinen Häkchen mal blechen, und sollen die berühmten „Leistungsträger“ nicht zu sehr geschröpft werden…) Am besten Einheitssteuersatz von 25 %.
  • Der Staat sorgt nach Kräften dafür, daß körperliche Arbeit immer besser bezahlt wird als subalterne Schreibtischarbeit.
  • Abschaffung des Berufsbeamtentum, so nebenbei.

Es geht mir mithin um ein Bündnis von Unten und Oben gegen die Mitte. Wahlen gewinnen muß ich damit bis auf weiteres freilich nicht.

Bildquelle: jimkillock, CC

8 Kommentare

  1. Puhh, da hast du ja ein Fass aufgemacht.
    In Punkt eins und drei gehe ich mit dir absolut konform. Punkt zwei ist problematisch. Punkt vier finde ich einen interessanten Ansatz, Punkt fünf würde ich dann aber insofern korrigieren, als das Studium nicht verboten wird, sondern die erhöhte Grundsicherung für Akademiker im zweiten Bildungsweg eben einfach wegfällt. Allerdings erhöht das ganze schon mal wieder den Verwaltungsaufwand.

    Mindestlohn 1300 Euro – d‘accord.
    Verbot von Minijobs – käme auf den Kontext an.
    Verbot von Praktika – hm, schwierig. Dem Buchstaben nach dienen die ja dazu, Erfahrungen zu sammeln.

    Leiharbeit teurer: Super Idee. Und sei es, dass der Arbeitgeber eine Sonderabgabe zahlt, von der die Arbeitnehmer gar nicht direkt profitieren.

    Körperliche Arbeit besser bezahlen als subalterne Schreibtischarbeit: Ebenfalls völlig d‘accord.
    Berufsbeamtentum abschaffen – dito.

    Soooo…. was ich ausgelassen habe ist der Punkt mit den Steuern. Dazu muss ich ausführlicher werden. Die Spitzensteuersätze mal dahingestellt – ich denke, das ist u.a. ein Politikum und ich kann dem Argument, dass hohe Spitzensteuersätze der Wirtschaft schaden, durchaus etwas abgewinnen.

    Aber hohe Einstiegssteuersätze in Kombination mit einer bedingungslosen Grundsicherung in existenzsichernder Höhe für alle, die nicht arbeiten können oder wollen? Das halte ich für Bullshit. Damit erreichst du genau das, was von allen Gegnern einer Grundsicherung als Teufel an die Wand gemalt wird. Wenn ich 900 Euro kriege, egal ob ich nicht arbeite oder einem bezahlten Teilzeitjob nachgehe – warum sollte ich dann noch arbeiten wollen? Es bliebe für Schlechtverdiener nur mehr die Entscheidung zwischen gar nicht arbeiten und Vollzeit.
    Mal abgesehen davon, dass ich als erwachsener Single selbst bei allergrößter Sparsamkeit von 900 Euro monatlich auf Dauer nicht so leben könnte, wie es den kulturelle Mindestanforderungen an einen Grundlebensstandard entspricht, jedenfalls nicht in Wien.

    Gegenkonzept: Bedingungsloses Grundeinkommen für alle, egal ob sie einer Erwerbsarbeit nachgehen oder nicht. Die Höhe ist diskutierbar. Wenn ich problemlos dazuverdienen kann, würden 800 Euro ausreichen. Unternehmen, die Minijobber beschäftigen, könnten wie bei deiner Leiharbeitsidee durch höhere Steuern dazu herangezogen werden, das Modell mitzufinanzieren. Evtl. wären unter dieser Voraussetzung auch hohe Einstiegssteuern sinnvoll, d.h. wer nur ein bisschen dazuverdienen will, erhält eben netto nur einen geringen Stundenlohn.

    Eltern mit kleinen Kindern wären davon sowieso nicht betroffen, weil die Kinder ja selbst ein Grundeinkommen kriegen. Und zwar klarerweise über HartzIV-Niveau. (Was dir vermutlich wurscht wäre, aber ich denke dabei eher an ein gesamtgesellschaftlich sinnvolles Modell und weniger an ein Harki-kompatibles. ;-) )

    Vorbeugend: Ich hab das jetzt nicht genau durchgelesen und bitte allfällige Tippfehler, Ungenauigkeiten usw. zu verzeihen.

  2. Herzlichen Dank für den ausführlichen und interessanten Kommentar!

    Aber hohe Einstiegssteuersätze in Kombination mit einer bedingungslosen Grundsicherung in existenzsichernder Höhe für alle, die nicht arbeiten können oder wollen? Das halte ich für Bullshit. Damit erreichst du genau das, was von allen Gegnern einer Grundsicherung als Teufel an die Wand gemalt wird. Wenn ich 900 Euro kriege, egal ob ich nicht arbeite oder einem bezahlten Teilzeitjob nachgehe – warum sollte ich dann noch arbeiten wollen?

    Wegen des Unterschiedes zwischen 900 und mindestens 1300 Euro, also zwischen überleben und leben.

    Es bliebe für Schlechtverdiener nur mehr die Entscheidung zwischen gar nicht arbeiten und Vollzeit.

    Bon, guter Punkt. Dann mag es eine Regelung für ausgesprochene Halbtagsjobs geben. Aber nicht diese ganzen Mini-, Frickel und Fitzeljobs. Eben gerade dieses „bißchen dazuverdienen“ ist mir aus verschiedenen Gründen suspekt.

    Ich rede auch nicht von einem Grundgehalt, das jeder kriegt, sondern von einer Grundsicherung nach Art einer Stütze, das ist wohl hoffentlich klargeworden.

    Ich bin mir wirklich nicht sicher, aber ich halte es für keine Idee, es zu ermöglichen von Kindern gut zu leben – auch nicht bei Einheimischen.

  3. Schon klar, dass du Stütze meinst, deshalb hab ich das BGE ja auch ausdrücklich als Gegenkonzept bezeichnet.

    Stütze ohne Arbeitsverpflichtung würde meiner Meinung nach (politische Durchsetzbarkeit jetzt mal dahingestellt) dazu führen, dass jeder, der Arbeit hat, jeden, der keine hat, als Schmarotzer betrachtet, den er mit durchfüttern muss. Du kannst nicht erwarten, dass Hinz und Kunz plötzlich entdecken, dass es verdienstvoll ist, mit ihrer Tätigkeit als Bauarbeiter die Tätigkeit von Künstlern oder Sozialdiensten zu finanzieren.

    Das mit den Kindern finde ich auch problematisch, insofern wäre ich absolut dagegen, BGE in gleicher Höhe an alle von 0-150 auszuzahlen. WENN Kinder gleichviel kriegen, dann müsste ein Teil davon für ihre künftige Ausbildung und/oder eigene Existenzgründung einbehalten werden.

  4. Stütze ohne Arbeitsverpflichtung würde meiner Meinung nach (politische Durchsetzbarkeit jetzt mal dahingestellt) dazu führen, dass jeder, der Arbeit hat, jeden, der keine hat, als Schmarotzer betrachtet, den er mit durchfüttern muss.

    Natürlich. Das ist aber heute nicht anders, weil sie es eben mental so drinhaben zu arbeiten. Sollen sie mal schön machen, die braven Leuts.

    Ich meine aber, daß sich, gerade weil es diese Knechte gibt, die deutsche Gesellschaft die Bohemiens ganz oben und ganz unten leisten kann und leisten sollte.

  5. Hmmmm…. aber andererseits favorisierst du die Partei der Besserverdiener. Glaubst du, dass Herr Westerwelle was für die „Bohème asociale“ übrig hat? Ich lass mich ja gern eines Besseren belehren, aber ich glaub’s ehrlich gestanden eher nicht.

  6. Nein, daß ich die FDP gewählt habe, tut mir heute sehr leid. Ich „favorisiere“ die also nicht mehr!

    Ich habe ja gesagt, daß ich mit meinen Überlegungen keine Wahlen gewinnen muß – was Schwesterwelles Partei immerhin auch nicht mehr tut. Und ich glaube auch nicht, daß allzu viele „Reiche“ zur tatsächlichen Klientel/Stammwählerschaft der FDP gehören.

    Ich verabscheue die Neid-Kampagnen gegen „die Reichen“ fast ebenso sehr wie die gegen die Hartz-IV-ler, also gegen die Armen. Und bezeichnenderweise werden diese Haßkampagnen auch oft genug von den gleichen Leute initiiert (Springer-Presse) und geschluckt.

    Ich habe einfach manchmal einen tiefen Widerwillen gegen „die Mitte“, gegen die „ehrlichen, anständigen Leute“. Daß ich sie andererseits auch wirklich sehr mag, steht auf einem anderen Blatt. Ich mag sie, solange sie sich nicht von den genannten Haßkampagnen verführen lassen und eben wirklich brav und anständig sind.

    Aber tut mir leid: 12 Millionen Bildzeitungs-Leser = 12 Millionen Dreckschweine, die meinetwegen arbeiten können, bis sie umfallen, und Steuern zahlen, bis sie schwarz werden.

    (Bezeichnenderweise haben die Alt-Torys eine erhebliche Aversion gegen diese scheußliche Thatcher gehabt. Weil man als Herr eben nicht auf die Schwächsten eintritt.)

  7. Und da mir mein aggressiver Ton im letzten Kommentar jetzt selbst ein bißchen peinlich ist, klaue ich mir einmal einen meisterhaften Kommentar von SiN, nämlich von Holger, der es sehr schön auf den Punkt bringt:

    Kurze Abschweifung: In meinem Verwandtenkreis sind die Menschen in der Überzahl, die sich ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen können – der ganze Sinn wäre weg, man wüsste ja gar nicht, was man den lieben langen Tag machen solle. Dieselben Leute möchten aber gern alle Hartz-IV-Empfänger zur Arbeit zwingen. Meine Frage: Weshalb, wenn es doch so etwas großartiges ist, zu arbeiten und Arbeitsplätze offensichtlich knapp sind? Beide Standpunkte für sich könnte ich verstehen: ENTWEDER: Arbeit ist wunderbar, sinnstiftend, ich bin froh, dass ich arbeiten darf. Meinetwegen muss das niemand tun.
    ODER: Arbeit ist Mühsal, Last, Zwang, eine schreckliche Notwendigkeit. Ich könnte mir auch etwas besseres vorstellen, als frühmorgens um 6 Uhr aufzustehen. Deshalb sollten alle, die essen wollen, auch arbeiten müssen.

    Woher aber die Unlogik der Vermischung von beidem?

    Eben.

    Und schon die Langweilerei dieser Typen: „nicht zu wissen, was sie den lieben langen Tag tun sollen“. :übel:

    Ich könnte mir wirklich sehr gut vorstellen, mein Leben auf dem Sportplatz (nicht als Zuschauer ;-) ) und vor dem Rechner zu verbringen. Leider, leider, es geht nicht. :-(

  8. Ich finde deinen vorhergehenden Kommentar gar nicht so arg aggressiv, aber gut dass du den Kommentar von Holger ergänzt hast. Das ist eine wunderbare Überlegung, auf die ich so nicht gekommen wäre.

    Mich nervt diese Mittelstands-Einstellung von wegen „was Anständiges arbeiten“ usw. ja auch schon seit immer. Mal abgesehen von Erwerbsarbeit ist mir immer wieder die Einstellung begegnet: Wer für etwas bezahlt wird, was er gern tut, der arbeitet eigentlich nicht wirklich. Oder: Forscher sind faule Säcke, die nach dem Studium nicht wissen, was sie tun sollen, und deshalb einfach weiterhin auf der faulen Haut und dem Steuerzahler auf der Tasche liegen.

    Du hast vermutlich recht: Der Neid auf Spitzenverdiener und der Neid auf Arme ist gar nicht so unterschiedlich. Das da ist mir kürzlich irgendwo untergekommen… ich glaube, jemand hat es als Link auf Twitter gepostet:
    http://www.uni-flensburg.de/asta/pol_kultur_anekdote.htm
    Passt ganz gut dazu, finde ich.

    (Huch, hoffentlich warst das nicht du, der das gepostet hat! Falls doch, sieh es mir nach – ich bin noch nicht dement, aber bei sowas merk ich mir die „Quelle“ meistens nicht.)

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