Feuilleton, Inland
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Asfa-Wossen Asserate: Integration oder die Kunst, mit der Gabel zu essen

Asfa-Wossen Asserate: IntegrationWir haben eine Sonntagsrede gelesen. Keine unerträgliche, eingeschlafen sind wir nicht, aber viel Bemerkenswertes haben wir auch nicht erfahren. Asserate plädiert für die Multikulturalität, die er als Grundlage aller Kultur in Geschichte und Gegenwart sieht.

Er argumentiert mit Klaus Bade und gegen Samuel P. Huntington. Er erinnert uns an etwas, was wir gar nicht vergessen haben, nämlich daran, daß unsere Zivilisation Übernahmen und Entlehnungen aus anderen Zivilisationen, auch aus der islamischen Welt, viel verdankt. Den historischen Rekurs auf das Römische Reich und seine multiethnischen Komponenten liest man mit Interesse und erfährt auch Neues. Uns war nie recht bewußt geworden, daß sich die Römer durch den Aeneas-Mythos selbst als Migranten definieren.

Die Kernaussage dieser kleinen Schrift ist, daß Nationen und Kulturen permanenten Wandlungen und gegenseitigen Beeinflussungen unterworfen sind und von ihnen profitieren. Das Heft tut niemandem weh, fordert also nicht etwa irgendwelche Maßnahmen, Fördergelder für Multikultur-Projekte oder derlei. Aber heiße Eisen packt es auch nicht an.

Auch vor einem Satz wie diesem schreckt Asserate nicht zurück:

Die Begegnung von Menschen verschiedenen Kulturen kann zu kulturellen Bereicherung führen.

Ob er weiß, daß „Kulturbereicherer“ in gewissen Kreisen mittlerweile ein Schimpfwort für einen Ausländer ist, der offensichtlich keine kulturelle Bereicherung ist?

Hübsch, Asserate bezeichnet „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ als die „alten und ewig jungen Ziele der Französischen Revolution“. So ist es. Überhaupt hat er oft recht. Auch z.B. darin, daß er den Nationalismus, nicht aber die Nation als etwas Vergangenes und Obsoletes ansieht.

Wenn das Heftchen nur nicht so sehr den Eindruck machte, es sei geschrieben, um in linksliberalen Seniorenzirkeln wohlwollendes Kopfnicken auszulösen!

Ein Lapsus sei korrigiert: Asserate behauptet, Kanada sei zu Zeiten des Ballhausschwurs im Juni 1789 „französisches Übersee-Departement“ gewesen. Erstens gab es zu dieser Zeit noch keine Departements, zweitens ist Kanada seit 1763 englisch (bis auf die winzigen Eilande St. Pierre und Miquelon vor seiner Küste).

Asfa-Wossen Asserate: Integration oder die Kunst, mit der Gabel zu essen, München: Utz, 2011. (Sophos; 2)
ISBN 978-3-8316-4044-7 – 23 S., 4,90 €

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