In Hannover wird zur Zeit einmal wieder über einen „Stolperstein“ debattiert – oder besser wohl: gejammert. (Man möchte, daß auch jemand einen solchen bekommen kann, der gar nicht von den Nazis ermordet, sondern nur verjagt wurde, obwohl das anscheinend bisher anders gehandhabt wurde.) Aus diesem Anlaß einige allgemeine Bemerkungen zu diesen sogenannten „Stolpersteinen“.
Die deutsche Praxis der Aufarbeitung seiner nationalistischen Vergangenheit und der Verbrechen in dieser Zeit kann als vorbildlich gelten: Lückenlose wissenschaftliche Erforschung der Verbrechen durch Historiker auf den unterschiedlichsten Ebenen – Popularisierung der Ergebnisse dieser Forschungen in einem System von Gedenkstätten, in Ausstellungen und in Mahnmalen.
Sehr schön, so macht man das. Und nicht wie in Spanien, wo man zunächst versucht hat, der großen Deckel draufzupacken – und damit egomanischen Untersuchungsrichtern und allerlei Politaktivisten das Feld überlassen hat. Dergestalt kann man in einer offenen Gesellschaft nicht mit einer problematischen Vergangenheit umgehen. Offensichtlich nicht, wenn jetzt schon wieder oder immer noch von den „zwei Spanien“ die Rede ist.
Deutschland war hier allerdings vielleicht auch ein bißchen besser aufgestellt, da in Deutschland die Regionalgeschichte traditionell eine größere Rolle spielt als in anderen europäischen Ländern. Das Schicksal der Juden in Delmenhorst oder in Neustadt an der Weinstraße in der Nazizeit kann hier mit größerer Selbstverständlichkeit Gegenstand universitärer wissenschaftlicher Forschung sein als es Themen vergleichbarer Dimension in anderen Ländern sein könnten.
Es ist mithin erfreulich, daß es in Deutschland sowohl Denkmale als auch Mahnmale gibt. Natürlich müssen da, wo bis 1938 die Synagogen gestanden haben, Mahnmale stehen.* Und an vielen anderen Orten auch.
Nur: Gedenken ist per se ein emotionaler Ausnahmezustand. Gedacht wird an Feiertagen und an den daher so genannten Gedenktagen. Wer behauptet, permanent und/oder aus dem Stehgreif gedenken zu können, hat einen psychischen Knacks oder er lügt. Wer derlei von anderen fordert, ist ein unverschämter Nervbolzen – oder eben ein „Künstler“.
Gedenken kann nicht perpetuiert werden, es geht nicht. Die Leute bekommen zuviel davon, sie werden ärgerlich oder (wahrscheinlicher) sie stumpfen ab. Die Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln sieht man auch nicht mehr; man nimmt sie einfach nicht mehr wahr. Und über diese Steine latscht man dann halt auch irgendwann nur noch hinweg – es ist einfach unrealistisch sich einzubilden, es könne anders kommen.
Ferner gehören Gedenktafeln an die Wand und nicht in den Straßendreck. Ich würde es mir geradezu verbeten, daß der Name eines toten Angehörigen auf diese Art und Weise eben nicht geehrt, sondern in den Schmutz getreten wird. Zu den Namen meiner Vorfahren soll man aufschauen, sie sollen keine Fußangeln sein.
Und schon die diesen „Stolpersteinen“ zugrunde liegende Kopfsteinpflaster-Ästhetik gemahnt uns an oberlehrerhafte und historistische Behaglichkeit.
Damit im Zusammenhang nun zuallerletzt das Allerletzte: der Name. „Stolpersteine“! bel Wer diesem verquälten Wortspiel auch nur eine irgend ansprechende Komponente abgewinnen kann, der kauft seine Brötchen auch in der „Kuchenmanufaktur“, verkehrt in „KulturWerkstätten“ und wohnt „Ratschlägen“ bei.
P.S.: Irgendwie habe ich fast den Verdacht, daß diese Dinge auch deshalb verlegt werden, um sich dann hinterjer darüber echauffieren zu können, daß sie eben niemandem zur Kenntnis genommen werden.
Bildvorlage: Wikimedia
*) Und es werden ja auch wieder Synagogen gebaut, sehr schön. Und noch schöner: Es sind meist liberale, keine orthodoxen.


Von Tigermüttern und Menschenkindern


Ich finde die Stolpersteine großartig. Aber nun, ich komme auch aus dem friedfertigen Mecklenburg, hier wurden und würden Stolpersteinlegungen wohl von einem rechten Echo begleitet – ich weiß nicht, wie ausgeprägt dies noch zum Legungsanlass zutrifft – allein ihrer Seltenheit wegen. In meinem Städtchen gibt es nun ohnehin nicht einen einzigen Stolperstein.
(Wohl aber eine wenig auffällig gestaltete platte Gedenkplatte zwischen vielen anderen platten Platten aus Beton.)
Ich habe die Stolpersteine immer als sich außerordentlich vom übrigen Pflastersteingeschehen abhebend empfunden.
Und jenes kleine Erlebnis im Kopf, als ich durch ein nicht absolut kleines mecklenburgisches Städchen flanierte, im Vorbeigehen einen Stolperstein erblickte, und unwillkürlich einen Schritt zurücktrat, davor stehen blieb, um ihm zuzunicken und die Fersen kurz zu heben. Ein interessanter Impuls, mitunter daher evt. meine Zuneigung zu diesem Projekt.
Also: Wenn sich hier ernsthafter Widerstand „von rechts“ gegen einen Stolperstein regen würde, wäre ich vermutlich sofort dafür!
Es ist im Gegenteil gerade die wohlanständige All-Einigkeit, die mich aufregt. Ferner die Penetranz des Initiators und eben das (un)ästhetische Konzept.
Und wie angedeutet: Wenn man wirklich jeden von den Nazis Ermordeten „gerecht“ mit so einem Stein ehren wollte, müßte man Deutschland mit mehreren Hunderttausend davon überziehen. Und dann würde wirklich niemand mehr hingucken.
Es ist in der Tat dieses „in den Dreck gesetzt“ bzw. „mit den Füßen getreten“, was mich bei den Stolpersteinen sehr stört. Und als Krönung könnte irgendein Stadtköter sich auf solch einem Stein – ich sag es mal dezent – entleeren. Nein, danke! Ich würde das bei meinen Angehörigen überhaupt nicht wollen!
An das mit den Hunden hatte ich komischerweise gar nicht gedacht, als ich den Artikel geschrieben hatte. Aber es stimmt. Ich war dann schon gestern abend auf den Gedanken daran gebracht worden, und zwar durch meine Mutter. Die hatte mir erzählt, daß es auch in Hannovers Nordstadt auf dem Engelbosteler Damm zwei „Stolpersteine“ gibt – und da gibt es eben auch relativ viele Hunde, die leider immer noch zu oft (trotz einer gewissen Besserung in den letzten Jahren) überall hinsch…
[...] This post was mentioned on Twitter by Endstation Rechts., Klaas Bähre. Klaas Bähre said: Plumps: "Stolpersteine" http://amyklai.net/21859/stolpersteine.html […]
Gestern beim Gang durch unsere Fußgängerzone ist mir übrigens noch aufgefallen, wie merkwürdig es wirkt, wenn solche Stolpersteine dann vor einem Haus angebracht sind, in dem jetzt der 1-Euro-Billigladen seine Ware feilbietet. Nicht gerade der ideale Ort zum Innehalten oder Gedenken…