Woher die vielen Guttenberg-Groupies auf Facebook kommen, fragt ein SZ-Blogger – und gibt folgende Antwort, bzw. läßt sie geben:
Die ersten Nutzer des sozialen Web, so Oetting, seien politisch eher links gestanden. „Das hat auch mit der Entwicklungsgeschichte zu tun. Das Internet war zuerst ein anarchisches Medium, viele haben sich von der Freiheit dort anziehen lassen.“ Nun erlebten viele Menschen außerhalb der angestammten Internetgemeinde zum ersten Mal den Zauber des Mitmachens im Web.
Meines Erachtens stimmt der erste Teil der Antwort, nicht aber der zweite. Es hat „im Internet“ nie eine so geschlossene und erdrückende linksliberal-grüne Mehrheit gegeben wie im Twitter! Es hat „früher in den Foren und im Usenet“ Rechte und Linke, Nazis und Kommunisten, Bild- und Spon-Leser gegeben. Es gab Zahnärzte und Arbeitslose, Valentinstags-Kaffeetanten und verkrachte Intellektuelle, Moslems und Islam-Hasser. Es hat kurzum alle möglichen Leute gegeben – und heute gibt es alle möglichen Leute auf Facebook. Es sind heute zahlenmäßig mehr, das sei unbestritten, und vor allem wird Facebook (auch daher) von der Presse viel stärker zur Kenntnis genommen als das vielgestaltige und in Myriaden von Communities zerfaserte „alte“ Web.
Ja, das Internet war „zuerst“ anarchisch, aber ganz gewiß nicht durch den linksliberal-netzigen Einheitsbrei der Multimedia- und Werbehanseln mit ihren Blogs und auf Twitter! Das ist aber eben nicht die „angestammte Internetgemeinde“. Und den „Zauber des Mitmachens“ gibt es im Internet für eine unübersehbar große Zahl von Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten und mit den unterschiedlichsten Überzeugungen weiß Gott schon länger als Facebook und Twitter.
Und es ist nicht so, daß da auf einmal eine strukturell neue Gruppe im Internet auf der Matte steht. Gerade andersherum: Das hermetische „Soziale Netz“ (also grosso modo: Blogosphäre plus Twitter) bekommt nun via Facebook mit, daß es gesamtgesellschaftlich für eine kleine Minderheit spricht. Darum klopfen sich die SM-Spacken auch heute gerade wegen dieser Musiker-Tante, die einen Brief an die Bildzeitung bzw. deren Werbeagentur geschrieben hat, besonders hektisch und lautstark gegenseitig auf die Schultern. Twitter ist die Ausnahme, nicht Facebook!
Mithin ist es keineswegs erstaunlich, daß eine Facebook-Seite, die einerseits gegen den Hauptstrom der Medien schwimmt – und dieser Hauptstrom ist natürlich in der Plagiatsaffäre gegen Guttenberg oder jedenfalls nicht für ihn, weil man als seriöses Blatt keinen Plagiator verteidigen kann –, andererseits aber das sagt, was die Bildzeitung sagt, sehr viele
– Drücker findet.
Nachtrag
Um das klarzustellen: Ich bin für die Jagd auf Ex-Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg
– ich finde es nur mehr nicht erstaunlich, daß eine Facebook-Seite, die dagegen ist (oder so tut, als sei sie es), viele Leute findet, denen sie gefällt.



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:-) Ferner: Blogs, die ich mag und lese
Apachefriends
DuckDuckGo
NachDenkSeiten
RSSOwl
Stellarium
Sternzeit (Deutschlandfunk)
Ubuntu
XnView MP
Sehr schön dargestellt, vor allem auch die Tiwtterersoziologie. Man kann Twitter fast als Medium der „Berliner“ ansehen, während Facebook eben alle abdeckt, noch mehr, als Wer-kennt-wen, das z.B. trotz erstaunlicher Nutzerzahl in den linkselitären Kreisen kaum Aufmerksamkeit findet, weil eben die „falschen Leute“ (RTL-Zuseher) drin sind.
Von der Querele um Bild & Co. habe ich wenig mitbekommen, meine Timeline blieb erstaunlicherweise davon nahezu verschont. Streitigkeiten von Bild, Jung von Matt und Holofernes buche ich unter interne Querele im Politibüro oder als Streit der Volksfront von Judäa gegen die Judäische Volksfront ab
Ja, meine natürlich auch, und mein Klient zeigt mir ja auch gar keine TTs an… Nur hatte es heute morgen diese Helden-Sache in die internationalen TTs geschafft, was wiederum die arme k. gar sehr erzürnt hatte!
Ich mußte mich dann erstmal schlaulesen, was da eigentlich Sache sei.
(So, ich hab’s denn doch nicht über’s Herzt gebracht, die Smilies inklusive :übel: ganz rauszuschmeißen…)
Quelle
>Und es ist nicht so, daß da auf einmal eine strukturell neue Gruppe im Internet auf der Matte steht.
Hmm. Finde die These prinzipiell nicht falsch. Sicher war das Netz vor allem in der Anfangsphase nicht von Berliner Blog-Hanseln / urbanen Pennern geprägt – geschenkt. Was es aber vor allem gab, das war der Typus des gutmütigen, introvertierten, eher linken, aber gegenüber aller Parteipolitik distanzierten technikaffinen Mannes (Informatiker vorwiegend, auch Physiker, MaBauer, vereinzelt etwas Exotisches, kaum klassische akademische Berufe, gar keine Mittelschicht/Unterschicht – insgesamt mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Studenten/Promovenden/anderen Uni-Angehörigen).
Der Diskurs über Politik auf Foren u. dgl. (gab es natürlich alles lange vor dem Web2.0-Hype) war nach meinem Empfinden weit bis in die späten 90er:
*Common-Sense orientiert (Argumentation anhand von Ratgeberliteratur, naturwissenschaftlichen Beispielen, mathematischen oder mathematisch strukturierten, d.h. „nerdigen“ Theorien)
*daher grundsätzlich: undogmatisch
*Kehrseite: überdurchschnittlich esoterisch (Außenseitertheorien à la Freiwirtschaft waren häufiger)
*antiklerikal oder besser: religionsfern, gleichzeitig christlich geprägt – Religion
*nicht ethnisch
Es lassen sich sicher noch andere Charakteristika finden. Insgesamt war die Atmosphäre aber doch in einem sehr, sehr weiten Sinne vorwiegend links (natürlich gab es immer auch andere Positionen) – in etwa dem Maß, wie die Piratenpartei links ist.
Das ist mir gerade auch noch zur Piratenpartei eingefallen:
Sicher ist die Partei von der Twitter-/Medienpopulace etwas gepuscht worden, aber im Grunde war sie nicht die Partei der neuen „digitalen Boheme“, sondern die Partei der alten Nerds.
Erstere sind durch Grüne und Großstadt-SPD, ggf. durch die Vorwahl-FDP mehr oder minder bedient worden – die Gründung der Piratenpartei war die Reaktion eines früheren Mehrheitsmillieus auf seine Entmachtung. Daher der ganze Elan, die ganze Verbitterung(“früher, damals war das Netz UNSERE Spielwiese, jetzt haben wir bald gar nichts mehr zu sagen“). Natürlich hatten die Piraten keine Chance, das obengenannte Millieu ist gesamtgesellschaftlich völlig unbedeutend.
@Rocinante
Vielen Dank für die Abgrenzung zwischen „alten Nerds“ und „digitaler Bohème“! Also grob gesagt zwischen den Leuten, die einen Apache konfigurieren können und wissen, was „objektorientiert“ bedeutet, und denen, die in der Berliner S-Bahn auf dem IPhone herumdrücken können. Ich weiß, Du hast es selbst schon soziologisch viel genauer gefaßt.
Wir sind uns sicher einig, daß man niemals genau wird quantifizieren können, wer da im „alten“ und im „neuen“ Web wo genau wie präsent war. Ich will auch gar nicht bestreiten, daß der von Dir namhaft gemachte Typus im alten Web insgesamt überrepräsentiert war!
Es verhielt sich nur so, daß ich selbst mich damals vor allem in „nicht-nerdigen“ Foren herumgetrieben habe, die Überrepräsentiertheit der Ings, „alten Nerds“ (…) also nicht so deutlich mitbekommen habe. Und in den Orten/Foren, in denen ich geschrieben habe, gab es wirklich nahezu alles. Ich hatte dazu vor anderthalb Jahren (anläßlich eines SiN-Artikels von Ellen K.) einmal einen Blogartikel geschrieben, den ich gerade aus der Versenkung hervorgeholt habe.
Während eben heute im Twitter „die Berliner“, die „neuen Nerds“ kraß überrepräsentiert sind.
Allerdings habe ich die Piratenpartei unseligen Angedenkens nicht so sehr als Veranstaltung der Alten Nerds empfunden. Man schaue sich doch ihre Ergebnisse im Berliner Bionade-Kiez an… Und im Twitter waren die Neuen Nerds auch alle für die Piraten…
Sicher: Facebook heute ist noch viel repräsentativer für die Gesamtbevölkerung als es das „alte Web“ in toto war. Aber im alten Web gab es eben auch schon Orte (einige „große Foren“), die ein recht genauer Spiegel der deutschen Gesamtbevölkerung waren, das war mein Punkt. Gut: Leute ohne PC-Arbeitsplatz waren da natürlich weniger oft zu sehen. (Und Migris gab es auch fast gar keine, zugegeben… (Und, und und, jedes Theorem stößt irgendwann an seine Grenzen…))
Witziger Artikel in der Online-SZ zu den Demos heute:
Schluchz!
Fazit: Es waren wenige Demonstranten, im wesentlichen ältere Leute, teils Verwirrte. Wo sind sie, die Hunderttausenden wütende junge Schlichtmenschen? Reicht’s nur zu einem Klick. Oder habe ich mich geirrt, und es gibt sie doch nicht?