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Atomkraft, na ja…

Wer für Atomkraft war und in den letzten Wochen seiner Sache nicht unsicher geworden ist, hat gute Nerven – um es einmal freundlich auszudrücken. Es gibt im Internet bekanntlich überdurchschnittlich viele Leute mit einer sehr gefestigten Meinung zu einem bestimmten Thema – und auch im FAZ-Feuilleton gibt es sie. Sehr aufgeregt ist man an beiden Orten, jedoch sind die Texte in Schirrmachers Laden noch länger. Ich hingegen war und bin mir unsicher – und ich bin im Zweifelsfall dennoch weiterhin für Atomkraft.

Lassen Sie mich bitte zunächst die beiden meines Erachtens stärksten Argumente gegen die Atomenergie namhaft machen:

  • Das berühmte Restrisiko. Auch wenn es noch so gering ist, es ist eben da. Und es gibt auch immer wieder Lottogewinner, und den Jackpot muß sich der Gewinner auch meist teilen. Und das Risiko wird umso größer, je mehr Atomkraftwerke es gibt. Schirrmacher hat dazu kürzlich sehr Kluges geschrieben. Und was wir hier nicht zu gewinnen, sondern zu verlieren haben, ist ein nicht unbeträchtlicher Teil unseres nicht sooo großen Landes, der unbewohnbar werden könnte. Die japanischen AKWs waren erdbebensicher – tsunamisicher waren sie komischerweise nicht. Gegen was sind unsere AKWs noch nicht sicher? Wissen wir es?
  • Ich halte es für Hybris, wenn Menschen mehrere zehntausend Jahre in die Zukunft planen. Die Pyramiden wurden vor 5000 Jahren gebaut. Die Hinterlassenschaften unserer AKWs werden noch viel, viel länger für jedes aus Zellen bestehende Wesen lebensgefährlich bleiben. Können wir das verantworten?

Warum bin ich dennoch für Atomkraft?

  • Weil Deutschland, wenn es aus der Atomkraft ausstiege, weiterhin von Staaten mit Atomkraftwerken umgeben bliebe. Hier halte ich Schirrmachers Argumentation für eine mit starken Worten nur notdürftig übertünchte Lächerlichkeit (in vielen anderen seiner Punkte übrigens auch). Politik heißt zunächst einmal, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Und es ist eben ein Fakt, daß Frankreich weiterhin auf Atomkraft setzen wird, und die Tschechen auch.
  • Weil ich grundsätzlich keinen Grünen glaube. Keine Zahl, kein Detail. Nichts. Weil ich ich dann schon eher (wenn auch ebenfalls ungern) denen glaube, die uns erzählen, daß Deutschland im Falle eines Ausstieges AKW-Strom aus anderen Ländern importieren müßte.
  • Weil ich für den Fortschritt bin, aber gegen grün-braun dampfende Mutter-Erde- und Mutterkreuz-Gefühligkeit.
  • Weil Untergangsprophezeiungen nie eintreffen.
  • Weil ich nicht möchte, daß unser schönes Land weiterhin und noch mehr zu Nutz und Frommen reicher Bauern und der Windkraftlobby – hingegen auf Kosten der Allgemeinheit – von Windrädern verschandelt wird.
  • Weil ich hier bitte keine tagelangen landesweiten Stromausfälle haben möchte, wie sie in den USA, in Rußland und in anderen Entwicklungsländern vorkommen.
  • Weil alle genannten Faktoren (und die vielen ungenannten auch) eigentlich auch schon vor Fukushima bekannt waren.

Ich wiederhole es: Ich bin mir keineswegs sicher, sage aber im Zweifelsfall: „Je suis pour“.

Übrigens: Einen lesenswerten Blogartikel zum Thema hat Nikodemus heute morgen publiziert.

Bildquelle: C. Löser, CC

4 Kommentare

  1. Rakir

    Hier noch ein interessantes Interview in der FAZ zum Thema: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EBA775DE7201E46E0B0C5AD9619BD56E9~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Im übrigen stimme ich Dir zu – ein Ausstieg wäre schon ein kultureller Wandel, bei dem nicht klar ist, wohin er führt.

  2. Jäp, danke für den Hinweis Rakir! Das Ding ist halt: Ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich von dieser CO2-Klima-Sache halten soll und hatte mir daher einfach mal den Hinweis verbissen, daß bei der Kernspaltung bekanntlich kein CO2 frei wird…

  3. Rakir

    Ehrlich gesagt, ich weiß von vielen Dingen nicht, was ich von ihnen halten soll. Das Zusammenspiel (auf verschiedenen Ebenen) von Klima und Atomkraft gehört dazu. Eigentlich sollte ich mich beruflich ja schon mehr wissen als andere, aber die Zusammenhänge sind mir extrem unklar und verwirrend. Insbesondere scheint mir ein einfaches Fortschreiben der Gegenwart in die Zukunft nicht sinnvoll, was zumindest implizit vielen Vorhersagen innewohnt. OK, das kann man natürlich auch als ein Eingeständnis werten, dass man etwas Besseres auch nicht weiß. Neulich, kurz nach dem Tsunami vor Japan, war ich beruflich in Köln mit dem Taxi unterwegs. Im Radio lief gerade ein Kommentar zu den japanischen Reaktorunglücken. Der Kommentator argumentierte ungefähr so: Wir sind Menschen und haben somit Gefühle. Angst vor der Atomkraft ist ein negatives Gefühl, was sich durch den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft (wahrscheinlich auch noch weltweit) auflösen lässt. Wenn wir also wahrhaft Menschen sind und keine gefühllosen Technokraten (oder schlimmeres) müssen wir sofort aus der Atomkraft aussteigen. Mir hätte es bei dieser Argumentation wohl die Sprache verschlagen, wenn ich etwas hätte sagen wollen. Insbesondere da sich die gleichen Leute so gern auf die Aufklärung als Geisteshaltung berufen, scheint mir hier sehr viel Willkür im Spiel – man stellt sich halt die Argumente so zusammen, wie es einem passt. Oder vielleicht verstehe ich es nicht.

  4. Gestern und heute hat es je zwei lesenswerte, mahnende Artikel in der FAZ.

    Gestern stellte Stefan Dietrich unter der Überschrift „Der Rat der Unweisen“ treffend zur Zusammensetzung der „Ethikkommission“ fest:

    Da die Bundesregierung die ethische Bewertung der Kernenergie aber schon vorweggenommen hat, wäre es ratsam gewesen, sich diesen Weg nicht von Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlern, Bischöfen und Gewerkschaftern weisen zu lassen, sondern von Leuten, die über langjährige Erfahrungen mit der Energieversorgung verfügen und die Verantwortung dafür getragen haben, dass Deutschland zuverlässig mit Strom – ja, auch mit Atomstrom – versorgt wurde.

    Heute nun gibt ein mir bis dato nicht bekannte Autor namens Andreas Mihm („Die Kosten der Wende“) folgendes zu bedenken:

    Fraglich ist, wie lange die Liebe der Bürger zur Energiewende anhalten wird. Werden sie großzügiger als bisher neue Strommasten und Biogasanlagen in Sichtweite des Gartenzauns akzeptieren, Schlote für neue Kohle- und Gaskraftwerke oder Abstellplätze für abgebrannte Brennelemente? Ohne Tausende Kilometer neuer Leitungen und Ersatzkraftwerke führt die Energiewende sicher nur zum Stromausfall. Die Gefahr besteht, dass die Kosten der Energiewende für die Volkswirtschaft langfristig höher sein werden als der ohnehin noch nicht zu erkennende politische Gewinn, den die Kanzlerin mit ihrem ambitionierten Kurs davonzutragen hofft.

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:-) :-( ;-) :-D :übel: more »

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