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Brandts „Erinnerungen“ 2 – über Julius Leber

Kontext: Brandt ist als junger Hüpfer von knapp 18 (!) Jahren im Jahre 1931 gelangweilt vom biederen sozialdemokratischen Milieu, dem er entstammt, das seine Angehörigen zwar von der Wiege bis zur Bahre begleitet, ihm aber angesichts der Zeitläufte nicht entschieden genug erscheint.

Er gedenkt, sich der Linksabspaltung „Sozialistische Arbeiterpartei“ (SAP) anzuschließen. Leber ist Chefredakteur des sozialdemokratischen Lübecker Volksboten, für den Brandt ab und zu schreibt, und versucht, ihm diesen Schritt auszureden, selbstredend zunächst erfolglos.

S. 93 f.:

Er sprach nicht über Inhalte von Politik, die mir das A und O zu sein schienen, sondern äußerte sich zu Gebrechen von Reichstagskollegen, die an der linken Sezession beteiligt waren, und schlußfolgerte: Ich wisse doch schon, was ein gutes Glas Wein sei, und er höre, die Gunst eines schönen Mädchens sei mir auch nicht fremd. Was ich in einem Laden zu suchen hätte, an dessen Spitze sich Zukurzgeratene befänden, Leute, die mit dem Leben haderten und mit sich selbst im Streit lägen?

Daß Leber ein scharfer Kritiker der Hinhaltepolitik war, daß er Militanz predigte und den Mut zur Verantwortung, auch im Verhältnis zur Reichswehr, daß er in der Hierarchie von Partei und Fraktion kein Bein an die Erde bekam, war mir nicht hinreichend bewußt. Er machte aus seiner internen Opposition nichts, verstand es auch fabelhaft, sich mit der Lübecker Partei und ihren Funktionären gut zu stellen. Für mich und meinesgleichen zählte er zu „denen in Berlin“, und die fanden wir alle langweilig. Was die jungen Parteirechten – Männer wie Haubach, Mierendorff – anging, was sie dachten und schrieben, klang aktivistisch, aber nicht sozialistisch und darum fremd in unseren Ohren, sehr fremd. Erst als ich den doktrinären Kinderschuhen entwachsen war, habe ich Lebers Größe ermessen und erahnt, welche Gunst er mir entgegenbrachte, als er mir, in jenem frühen Herbst 1931, den Irrweg abzuschneiden suchte. Als Julius Leber 1933, in der Bitternis seiner Gefängniszelle, die „Todesursachen der deutschen Sozialdemokratie“ sezierte, die sinkende Kurve ihrer inneren Kraft beschrieb und Mittelmaß wie Passivität ihrer Führer aufspießte, erkannte er: „Große Führer kommen fast immer aus dem Chaos, aus der richtigen Ordnung kommen sie selten, aus der Ochsentour nie.“ Er selbst wäre, hätte er überlebt, ein großer Führer geworden, und aus dem Chaos kam er allemal: Ein Tagelöhner hatte ihn, der sich mühsam durchzubeißen hatte, an Kindes Statt angenommen; was sonst noch in ihm steckte, blieb selbst den folternden Nazis verborgen. Daß er für Deutschland optierte, änderte nichts an seiner Zugeneigtheit zur französischen Sprache und Kultur; die Kinder wuchsen, wie nicht ganz unüblich in deutsch-europäischen Familien, mit Napoleons Totenmaske auf.

Und weiter S. 95 f.:

Am Abend des 31. Januar 1933 wurde Julius Leber von SA-Leuten überfallen; einer der uniformierten Nazis kam durch Notwehr zu Tode. Als sich die Kunde von Lebers Verhaftung ausbreitete, gärte es noch einmal in der Arbeiterschaft, und in einem großen Betrieb wurde gestreikt. Ich suchte, gemeinsam mit ein paar Freunden, einen allgemeinen Proteststreik in Gang zu bringen; zusammen begaben wir uns zum Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Der geriet angesichts unseres Aufrufs aus dem Gleichgewicht: „Nehmt das von meinem Schreibtisch. Wißt ihr nicht, daß Streik jetzt streng verboten ist? Die in Berlin werden schon wissen, was zu geschehen hat. Wir warten auf Weisungen und lassen uns nicht provozieren.“ Am 3. Februar kam es immerhin zu einer einstündigen Arbeitsniederlegung in der Stadt. Und am 19. Februar erlebte Lübeck, bei bitterer Kälte, seinen größten Aufmarsch seit 1918. Leber war gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen worden. Eine Rede durfte er nicht halten; mit zerschnittenem Nasenbein und verbundenem Auge rief er den 15000 auf dem Burgfeld zu: „Freiheit!“ Die Erholung, die er anschließend in Bayern suchte, währte nicht. Auf dem Weg zum Reichstag wurde er an jenem 23. März erneut verhaftet, an dem der Parteivorsitzende Otto Wels, eine Kapsel Zyankali in der Rocktasche, das sozialdemokratische Nein gegen das Ermächtigungsgesetz begründete: „Wir sind wehrlos, wehrlos ist aber nicht ehrlos.“ An jenem Tag begann Lebers Leidensweg. Der Leidensweg eines Helden. Und der Opfer gab es dann, als es zu spät war, viele.

Grandiose Passagen.

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