In dem kurzen Text „Ent-Zivilisierung“ (S. 455-458) – der natürlich im wesentlichen von Wichtigerem handelt – findet sich auf S. 456 diese amüsante und doch nachdenklich stimmende Alltagsbeobachtung:
Hinweise darauf finden sich auch im normalen Alltagsleben. Die Raserei auf unseren Straßen ist ein gutes Beispiel. Oder denken Sie daran, was passiert, wenn ein spätabendlicher Flug sich verspätet oder gar gestrichen wird. Zunächst brechen die Wartenden aus dem sorgsam gehüteten Kokon ihrer Privatsphäre aus und zeigen Ansätze zu Solidarität. Über Zeitungen und Laptops hinweg werden mitfühlende Blicke getauscht, Beteuerungen geteilter Frustration oder Ironie gewechselt. Nicht selten entwickeln sich daraus deutlichere Manifestationen von Gruppensolidarität, die sich womöglich gegen das bedauernswerte Bodenpersonal von BA, Air France oder American Airlines richten. (Ein gemeinsamer Feind ist der einzige Garant für menschliche Solidarität.)
Doch dann kommt das Gerücht auf, dass auf einem anderen Flug an Gate 37 noch einige wenige Plätze frei sind. Augenblicklich fällt die Solidarität in sich zusammen. Engel werden zu Affen. Die Kranken und Behinderten, Frauen und Kinder werden im Ansturm auf den Schalter abgedrängt. Männer in dunklen Anzügen, die Abschlüsse von Harvard oder Oxford sowie makellose Tischsitten vorweisen können, verwandeln sich in Gorillas, die sich ihren Weg durch den Dschungel bahnen. Sobald sie sich mit ausgefahrenen Ellbogen ihre Bordkarte erkämpft haben, verziehen sie sich in eine Ecke und meiden den Blick der anderen. Der Gorilla hat die Banane ergattert. (Glauben Sie mir, ich selbst war dieser Affe.) Und das alles nur, um einer Nacht im Holiday Inn von Des Moines zu entgehen.
Immerhin, so könnte man dagegenhalten: Er schämt sich anscheinend noch, wenn er den Blick der anderen meidet…


„Jahrhundertwende“ 3 – um kein Bernard-Henri Lévy zu werden
Vladimir
Jürgen 
