Ein kluger, nicht zu langer Artikel von Kerstin Holm (wie schon des öfteren erwähnt eine meiner Lieblingsjournalistinnen zum Thema Rußland) zur zwiespältigen und komplizierten Haltung der russischen Intelligenzia zum Georgien-Konflikt. Sehr schön darin vor allem diese Passage zum russischen Georgien-Bild:
„Das russische Verhältnis zu Georgien war ein wenig wie das von Deutschland zu Italien“, sagt der Komponist Wladimir Tarnopolski. Die großen Literaten des neunzehnten Jahrhunderts schwärmten für Georgien, auch die sowjetrussische Bildungsschicht. „Georgier verkörpern für uns Lebenskunst“, erklärt Tarnopolski. Ihre Kultur war ein opernhaftes Gesamtkunstwerk. Georgier können alles – glänzend schauspielern, wunderbar singen, hervorragend kochen und Tischreden halten. Ein gewisser Leichtsinn, das oft kreative Verhältnis zur Wahrheit erhöhten nur ihren Charme. Wenn die Ukraine für Russland wie ein Bruder war, so hing es an Georgien wie an einer Geliebten.



Neues Spielzeug


Frau Holm dürfte auch Luschkow beim Verfassen des Artikels im Hinterkopf gehabt haben. Letztes Jahr ließ er im Rahmen einer der politischen Krisen Rußlands mit Georgien, zahlreiche Georgier aus Moskau werfen – veröffentlichte meines Wissens aber gleichzeitig ein Buch über die Beziehung von Russen und Georgiern (an genaueres erinnere ich mich im Moment leider nicht). Luschkow protegiert auch (den Georgier) Zereteli, dessen Statue von Peter dem Großen in der Moskwa – sagen wir mal – Gegenstand intensiver Diskussionen war und der auch sonst mit seinen Werken in Moskau recht präsent ist.
Beim Nachgooglen fand ich zudem im SPON ein Zitat Luschkows, das recht gut zum holmschen Artikel paßt:
Ja, und die Georgier in Moskau „waren immer wer“, wie das ein Prof von mir mal ausgedrückt hat.
Andererseits – und daher ist auch das Bild von der „Geliebten“ ein bißchen schief – soll’s ja durchaus mal vorkommen, daß sich ein Mann in eine Frau verliebt, sie sich aber nicht in ihn, hört man…
Jedenfalls hätte man von georgischer Liebe zu Rußland so wenig gehört wie von italienischer zu Deutschland.
Dennoch, auch wenn’s schwerfällt, gilt unsere Solidarität hier den Damen.