Inland
, ,

Die gute alte Wehrpflicht – ein melancholisches Fingerschnipsen

Vorhin bin ich auf einen Text im Kölner Stadtanzeiger gestupst worden, in dem ein Professor das anscheinend wiederum betrüblich gesunkene Niveau der deutschen Studenten beklagt: „Die Schulen haben resigniert“. Am Ende des Interviews hat es einen Absatz, der mich geradezu ein bißchen gerührt hat:

Dazu kommt noch die Aussetzung des Wehrdienstes: Früher, wenn die Abiturienten in der Bundeswehr oder beim Ersatzdienst waren, mussten sie oft Verantwortung übernehmen und haben dadurch an Persönlichkeit gewonnen. Das fällt jetzt alles weg. Also verhalten sich viele tatsächlich noch wie Pennäler.

Ich muß sagen, daß ich diese Klage sehr gut nachvollziehen kann. Ich hatte anfang der 90er Jahre selbst Gelegenheit, Erstsemester sozusagen von einer neutralen Warte aus zu beobachten, nämlich als Tutor in historischen Proseminaren. Das war also zu einer Zeit, als es noch einen verpflichtenden Wehrdienst (Kriegs- oder Ersatzdienst) von nennenswerter Länge gab – den also damals auch die allermeisten männlichen Seminarteilnehmer gerade absolviert hatten, nicht hingegen die weiblichen.

Und die Jungs waren im Durchschnitt wirklich wahrnehmbar souveräner und gefestigter, weniger naiv, weniger kindisch, auf angenehme Art weniger eifrig-beflissen. (Sie waren natürlich immer noch naiv und beflissen genug – aber eben doch deutlich weniger als die Mädels.) Das lag sicher nicht nur am logischerweise etwas höheren Durchschnittsalter; auch habe ich in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen Ex-Zivis und Ex-Soldaten feststellen können – es ging einfach darum, daß die Leute zwischen Schulbank und Uni mal für 15 oder 20 Monate ausgelüftet worden waren. Und eben wirklich optimalerweise auch mal Verantwortung hatten übernehmen müssen, wie das der Professor anmerkt. (Natürlich gab es auch einige Leute, die vor der Uni eine Lehre gemacht hatten, aber darum geht es hier nicht.)

Um es mit einem Beispiel zu verdeutlichen: Einer, der gedient hatte, ist nicht mehr auf den Einfall gekommen, sich im Seminar mit Fingerschnipsen zu melden – wie ich das mehrmals bei jungen Damen im ersten Semester habe beobachten müssen. (Das werde ich nie vergessen. :-D )

Unterm Strich konnten mit der Wehrpflicht, wie ich sie Ende der 80er selbst kennengelernt habe (also: Wehrpflicht von einiger Länge ohne nennenswerte Entkommens-Chance*, aber bei de-facto-Wahlfreiheit zwischen Kriegsdienst und Zivildienst), wirklich alle Beteiligten sehr gut leben: der Staat, die Bundeswehr, die Soldaten, die Zivis, die profitierenden Hilfsdienste. Und eben auch die Profs und die Tutoren.

Ich finde es schade, daß es das nicht mehr gibt.

*) Die Kat-Schützer („Z10er“) darf ich hier einfach mal als Sonderform von Zivis betrachten. ;-)

Ein Kommentar

Antworten

:-) :-( ;-) :-D :übel: more »

rss Kommentare zu diesem Artikel als RSS-Feed