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„Reise um die Erde in 80 Tagen“ 2 – Keine Zeitzonen

Passepartout wundert sich in Suez, daß seine Taschenuhr auf einmal zwei Stunden nachgeht, obwohl er sie doch ein als sehr genau gehendes Familienerbstück kennt und liebt. Er ist ein einfacher und (noch) nicht weitgereister Mann und hat noch nichts von der Zeitverschiebung bei längeren Reisen zwischen Ost und West gehört. Er vermag derlei zunächst auch gar nicht zu glauben.

Interessant ist nun der Tip, den ihm der Detektiv Fix gibt:

„Ich weiß, woran es liegt“, meinte Fix. „Sie haben die Londoner Uhrzeit beibehalten, und die geht in Suez zwei Stunden nach, na ja, so ungefähr. Sie sollten darauf achten, daß Sie Ihre Uhr jedesmal nach der Mittagszeit des betreffenden Landes richten.“

Man sieht an dem „ungefähr“ und dem Hinweis auf die Mittagszeit, daß es im Jahre 1873, in dem das Buch erschienen ist und spielt, etwas uns heute Vertrautes noch nicht gibt: nämlich das weltumspannende System von 24 Zeitzonen, die prinzipiell je 15 Längengrade breit sind (mit Anpassungen an nationale und regionale Grenzen, versteht sich); ein System, das an einem Nullmeridian orientiert ist, der durch das Observatorium in Greenwich bei London verläuft.*)

Das Bedürfnis nach einem solchen weltweit einheitlichen System war durch die „Beschleunigung der Welt“ durch Eisenbahnen, Dampfschiffe und vor allem auch die Telegraphie entstanden. Durch den Telegraphen war die weltweite Synchronisation der Uhren zugleich auch überhaupt erst theoretisch möglich geworden. Nur hat man sich noch nicht auf ein solches System verständigen können.

Im Grunde beschönigt Fix sogar die Situation, wenn er von der „Mittagszeit des betreffenden Landes“ redet – denn eine solche einheitliche Zeit gibt es damals in kaum einem Land. Ja, in England, da gehen damals schon im ganzen Land die allermeisten Uhren nach der Greenwich Mean Time (GMT) – aber in Deutschland und Frankreich hat noch jede Stadt und Region ihre eigene am jeweiligen Sonnenstand orientierte Zeit: wenn die Sonne am höchsten steht, ist es zwölf Uhr mittags. In Köln also zu einer anderen Zeit als in Hannover oder in Berlin, in Toulouse zu einer anderen Zeit als in Paris oder in Nancy.

Die Eisenbahngesellschaften, die natürlich einheitliche, genormte Zeiten brauchen, behelfen sich mit jeweils hausinternen Definitionen einer Normalzeit: der Reisende muß sich am Schalter nach dem Unterschied zur jeweiligen Ortszeit erkundigen. In den USA gibt es zu dieser Zeit 75 (!) verschiedene „Eisenbahnzeiten“.

Es war evident, daß Handlungsbedarf bestand.

Im Jahre 1884 einigte sich die internationale Meridiankonferenz in Washington, zu der 25 Länder Delegierte entsandt hatten, auf ein am Greenwich-Meridian orientiertes Zeitzonensystem. In der internationalen Seefahrt war der Null-Meridian durch Greenwich zwar seit dem 18. Jahrhunderts zu navigatorischen Zwecken allgemein gebräuchlich, er war aber eben noch nicht allgemein anerkannter geographischer Standard. Und es sollte bis in 20. Jahrhundert dauern, bis er es wurde.

Und wer mag es am allerwenigsten, daß der Nullmeridian durch Greenwich laufen soll? Richtig, Frankreich. Das stolze Mädchen Marianne meint: „Es wäre ja noch schöner, wenn die Uhren in der Hauptstadt der Weltzivilisation nach einem Londoner Vorort gingen!“ 1891 führt Frankreich immerhin eine einheitliche nationale Zeit ein: die „Pariser Zeit“, die der Greenwich-Zeit um 9:20 min voraus geht. Erst 1911 schließt es sich dann den Washingtoner Vereinbarungen von 1884 an – erst von da an gehen die Uhren in Frankreich nicht mehr anders.

Frankreich hatte England sogar ein Tauschgeschäft vorgeschlagen: „Ihr übernehmt das metrische Maßsystem, im Gegenzug akzeptieren wir den Greenwich-Meridian. “ Je nun, man kann es ja mal versuchen.

In Deutschland wurde eine einheitliche, am Greenwich-Meridian orientierte Zeit im Jahre 1893 eingeführt – das preußisch-deutsche Militär hatte sehr darauf gedrungen.

Man muß sich klarmachen, daß es vor der Erfindung der Telegraphie (1840er Jahre) keine praktikable Möglichkeit gibt, die Uhren auch nur innerhalb eines Landes zu synchronisieren, daß vor 1893 in Düsseldorf, Bremen und Lübeck andere Uhrzeiten gelten – und daß das bis zum Eisenbahnbau ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht einmal irgend jemandem unangenehm auffallen konnte. Solange es mindestens drei Tage dauert (meist länger), Menschen, Waren oder auch nur Informationen von Köln nach Hannover zu befördern, solange die Maximal-Geschwindigkeit eines Pferdes – und in der Praxis die einer Kutsche, die nur bei Tageslicht fährt – das absolute Limit aller Verkehrsgeschwindigkeit ist, solange man mithin ohnehin höchstens auf den halben Tag genau schätzen kann, wann was wo ankommt – solange ist es ganz unerheblich, ob es in Hannover 12 Minuten später ist als in Köln, wie es nach der Solarzeit der Fall ist. Es fällt einfach nicht auf.

Und ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ändert sich dieser behagliche Zustand. Ich bin gespannt, ob im Verlauf des Opus der Pünktlichkeits-Fanatiker Phileas Fogg noch eine Bemerkung zu diesen nun gegebenen Mißständen macht.

*) Im folgenden im wesentlichen nach: Osterhammel: Verwandlung, S. 118-121.

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