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FAZ: „‚Kleine Hexe‘ ohne ‚Negerlein‘: Wir wollen vorlesen und nichts erklären müssen“

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Nun wird mancher aufs Interpretieren pfeifen, solange er seinen Kindern nur unfallfrei – also ohne gewundene Erklärungen und Entschuldigungen – vorlesen kann, seien es Grimms Märchen, Otfried Preußler oder eben „Pippi Langstrumpf“.

Das heißt aber nichts anderes, als Kinder- und Jugendliteratur von vornherein nicht ernst zu nehmen. Man darf sie demnach ohne Skrupel umschreiben, was man selbst bei mäßigen Werken, die sich an Erwachsene richten, nie im Leben täte. Große Autoren wie Kirsten Boie, Michael Ende, Otfried Preußler oder eben Astrid Lindgren würden in dieser kruden Lesart zu Kunsthandwerkern, und die aufblühende Kinder- und Jugendliteraturforschung hätte im Kreis der Fachgermanistik nichts zu suchen.

Dieser Argumentation dieses ansonsten recht lesenswerten Artikels kann ich nicht folgen. Wie oft sind Grimms Märchen, die Schatzinsel, der Gulliver, der Robinson und viele andere „Klassiker“ umgeschrieben, bearbeitet, gekürzt, auf den Kopf gestellt worden?

Schriftsteller sind Handwerker, und Handwerksarbeit darf nachgebessert werden, wie es dem Kunden gefällt.

Und natürlich ist es angezeigt, belastete, rassistisch grundierte Sprache aus Kinderbüchern zu entfernen – gewiß ohne daß ein Blag ernsthaften Schaden an seiner Seele nähme, wenn ihm denn eine ältere Ausgabe in die Hände fällt. Aber diese Beflissenheit, sich hier auch noch um den Rang eines Germanisten-Haufens im „Kreis der Fachgemanistik“ zu bekümmern! Schauderhaft.

wird auch bei der geplanten Überarbeitung der „Kleinen Hexe“ deutlich, wenn man sich fragt, warum denn die Fastnachts-Chinesinnen oder Türken mit den „Negerlein“ verschwinden sollen.

Das frage ich mich allerdings auch – und würde es mich vor allem als ChinesIn oder Türke fragen…

Gott sei Dank übrigens sind mir als Kind „Kinderbuchklassiker“ weitgehend erspart worden – und ebenso das zweifelhafte Vergnügen, „etwas vorgelesen“ zu bekommen. Ich frage mich auch, was das soll. Ein Kind unter sechs kapiert eh noch nischt und eines über sechs kann selbst lesen. Und heute eher schon früher. Und dann sind ihnen „Kinderbücher“ hoffentlich auch bald zu blöd. Ich bin mir nicht sicher, ob die „aufblühende Kinder- und Jugendliteraturforschung“ mittlerweile erklären kann, in welcher Altersspanne einem Kind etwa Otfried Preußler nicht entweder zu schwer oder zu doof ist – lang kann sie m.E. nicht sein.

Aber ach, die deutschen Muster-Eltern möchten es wieder einmal besonders gut machen, „sich um ihre Kinder kümmern“, „Zeit mit ihnen verbringen“. Bis in die Nacht hinein. (Und dabei auch gleich noch Obacht geben, daß sie beim Einschlafen nichts Unanständiges anstellen.)

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