Geschichte, Religion, Funk & Fernsehen
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Martin Luther, 1983

WartburgAm frühen Freitag nachmittag hat mir ein lieber Mensch das nebenstehende Foto als Reisegruß von einem feiertäglichen Bildungsausflug geschickt – die Wartburg. Dieses Foto hat meinen österlichen Medien-Konsum gleichsam umgekrempelt, hat also eine für einen Handy-Schnappschuß nicht unbeträchtliche Wirkung entfaltet.

Dieses Jahr habe ich mir nicht am Freitag abend die Matthäus- oder die Johannes-Passion angehört, sondern habe dem Auffrischen von historisch-medialen Jugenderinnerungen den Vorzug gegeben: Ich habe mir von Freitag bis gestern abend die fünf jeweils neunzigminütigen Folgen der DDR-Films „Martin Luther“ von 1983 angeschaut. Insgesamt also siebeneinhalb Stunden geballtes Luthertum, hervorragende Schauspielkunst und ein bißchen Auffrischung von Geschichtskenntnissen.

Ich habe diese Folgen schon 1983 (als Sechzehnjähriger also) allesamt gesehen: zunächst bei der Erstausstrahlung im DDR-Fernsehen (das man in Hannover empfangen konnte), dann in der Wiederholung im Dritten Programm des Westfernsehens. Und dann später noch ein- oder zweimal. Das ist Jahrzehnte her – und dennoch sind mit die impressivsten Passagen dieser wunderbaren Produktion noch gut im Gedächtnis gewesen und ich hätte gestern einige Dialoge fast wörtlich mitsprechen können.

Für mich persönlich scheue ich mich nicht vor dem Superlativ zu sagen, daß mich in meinem Leben keine Fernsehproduktion so begeistert hat wie diese: es ist und bleibt bis auf weiteres und jedenfalls für mich das Beste, was jemals in Deutschland an Fernsehfilmen produziert worden ist. Das ist subjetiv, klar, die Geschmäcker sind verschieden, und ich bin weiß Gott kein Film-Experte – aber für mich ist und bleibt dieser Film zumindest meine persönliche Nummer 1.

Objektiv kann man vielleicht sagen, daß die Schauspieler der DDR einfach besser waren als jedenfalls die des heutigen Deutschlands und vermutlich auch als die der alten BDR. Das bringen autoritative System vielleicht so mit sich: wer da schauspielern (oder malen) darf, der kann es eben auch bzw. hat es gelernt. Wer die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ absolviert hatte – der konnte eben schauspielern. Und das merkt man zum Beispiel in diesem Luther-Film in hohem Maße.

Ferner würde man einem heutigen deutschen Publikum folgendes nicht mehr zumuten bzw. zuzumuten können meinen:

  • einen Fünfteiler – das absolut Maximum wäre ein Zweiteiler, besser noch den ganzen Luther auf einen Schlag in 90 Minuten.
  • Lange Dialoge, Monologe und Predigten, die womöglich noch einen komplizierteren theologischen Hintergrund haben.
  • Einen nicht weichgespülten Luther, der oft aggressiv, gar schreiend auftritt – wie Ulrich Thein ihn meisterlich gibt.

Die fünf Teile sind (jetzt, wer weiß, wie lange noch…) in guter Qualität bei Youtube zu bekommen:

  1. Der Protest
  2. Der Sohn der Bosheit
  3. Die Geheimnisse des Antichrist
  4. Hier stehe ich…
  5. Das Gewissen

Die meines Erachtens eindrucksvollsten Passagen des monumentalen Werkes:

Teil 2:

Minuten 1:10:00 – 1:27:10 – Das Streitgespräch zwischen Luther und dem Kardinal Cajetan auf dem Reichstag zu Augsburg im Oktober 1518. Gerade diese Szenen mit dem ebenfalls grandiosen und unvergessenen Arno Wyzniewski als Cajetan habe ich nie wieder vergessen, seit ich sie zum erstenmal gesehen habe!

Teil 4:

Minuten 28:00 – 38:00 – Die gefakte Entführung Luthers auf die Wartburg
Minuten 52:20 – 1:01:00 – Nach der Besprechung tagesaktueller sozial- und wirtschaftspolitischer Fragen und Aufgaben (u.a. betreffs der Wohnungsnot in der DDR) noch ein ganz unwesentlicher Plan und der Beginn seiner Ausführung… Einer, das ist Martin Luther, packt sein Reise-Wurstbrot. Währenddessen überredet ihn ein anderer, das ist Philipp Melanchthon, das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. (Und damit mal so nebenbei die moderne deutsche Hochsprache zu schaffen.) Luther stimmt nach Zögern zu: „Worte wie Feuer und Licht… Für meine Deutschen bin ich geboren. Ihnen will ich dienen.“ Und packt das griechische NT zu seiner Brot-und-Speck-Wegzehrung in die Tasche. „To do.“ Ein Dritter lehnt als Statist am Fenster und sagt nichts, das ist Lukas Cranach. Illuster ging’s da zu im sächsischen Wittenberg! Und dann ist Luther wieder auf der Wartburg und haut in die Tasten, nachdem der Blick zuvor zu den Klängen eines „Ein-feste-Burg“-Themas über die thüringischen Wälder geschweift ist. Er übersetzt die Weihnachtsgeschichte. Hinreißend.

Später vielleicht noch mehr dazu.

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