Hannover, Sport, Geschichte
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Braunschweig und Hannover

hbsDas Foto zeigt ein Reklame-Schmierblatt, das ich gerade mit spitzen Fingern aus dem Postkasten gefischt habe. Am Freitagabend spielen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 gegeneinander, und zwar in Braunschweig Hannover. Das wird in diesen finsteren nördlichen Nebellanden als „Derby“ gesehen, also als ein Fußballspiel unter verfeindeten Nachbarn, dem mit besonderer Spannung und mit vielen Emotionen entgegengesehen wird.

Warum?

Die (asymmetrische) Rivalität zwischen Braunschweig und Hannover ist Jahrhunderte alt, sie geht auf das hohe bis späte Mittelalter zurück. Es handelt sich grundsätzlich um die Aversion der alten, traditionsreichen Stadt der Welfen, der Stadt Heinrichs des Löwen, also Braunschweigs, gegen den neureichen Aufsteiger, gegen die neue Stadt der Welfen, also gegen Hannover.

Der Hannoveraner Zweig des Welfenhauses sackt im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Ländereien ein („Sammeln der welfischen Lande“) – das Herzogtum Braunschweig hingegen stagniert. Irgendwann um 16001 erlangen die Herzöge von Hannover sogar die Kurwürde, also das Recht, an der Kaiserwahl teilzunehmen.

Und unverschämterweise nennt sich dieses Kurfürstentum Hannover offiziell und traditionell auch noch „Herzogtum/Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg“ – obwohl die Stadt Braunschweig gar nicht Teil seines Territoriums ist. Braunschweig bleibt Hauptstadt des kleinen Herzogtums Braunschweig – solange, bis die Herzöge von Braunschweig Reißaus vor dem mächtigen und unbotmäßigen Rat der Stadt nehmen und sich eine neue Residenz in Wolfenbüttel (etwas südlich der Stadt Braunschweig) errichten. Von da an stehen sich das kleine Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel und das große Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (vulgo Kur-Hannover) in Aversion gegenüber. Und es ist klar, nicht wahr: Der Kleine mag immer den Großen noch weniger als der Große den Kleinen nicht mag.

KrkHannover

Königreich Hannover, 1814-1866

Im Gefolge der napoleonischen Wirren wird Hannover sogar ein Königreich und vergrößert sich auch territorial nochmals (durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803) – Braunschweig bleibt ein kleines Herzogtum. Allerdings kassiert dann im Deutschen Krieg von 1866 die norddeutsche Großmacht Preußen das „Königreich Hannover“ ein. Hannover, immerhin einmal in Personalunion mit Großbritannien regiert, wird zur schnöden preußischen Provinz Hannover – Braunschweig-Wolfenbüttel bleibt unabhängig, auch als Teilstaat des bald gegründeten Deutschen Kaiserreiches, auch in der in der Weimarer Republik.

Um so demütigender mußte dann 1946 die Gründung des Bundeslandes Niedersachsen für die Braunschweiger sein.

Die Engländer haben ganz Nordwestdeutschland besetzt. Ihr Interesse ist vor allem, aus dem zerstörten, hungernden Land lebensfähige und regierbare territoriale Einheiten zurechtzuschnippeln. Es gilt, die Hinterlassenschaften der Territorialstruktur des zerschlagenen Deutschen Reiches und des aufzulösenden Preußens neu zu ordnen. Der „rote Welfe“ Hinrich Wilhelm Kopf nutzt sozusagen die Gunst der dunklen Stunde und überzeugt die Engländer, daß es das Beste sei, die kleinen Territorien Braunschweig und Oldenburg (und den Fitzel Schaumburg-Lippe) an Hannover anzugliedern. So entsteht das Bundesland Niedersachsen (und aus dem südwestlichen Rest der englischen Besatzungszone das Bundesland Nordrhein-Westfalen).

Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Wenn es nach den Oldenburgern und Braunschweigern gegangen wäre, wären dort, wo heute Niedersachsen ist, drei Bundesländer: im Westen ein Bundesland „Weser-Ems“ (ein auf Kosten Hannovers arrondierter Freistaat Oldenburg, möglicherweise unter Einschluß Bremens), im Südost-Bürzel des heutigen Niedersachsens ein Land Braunschweig (ebenfalls auf Kosten der alten Provinz Hannover arrondiert) und eben „Rest-Hannover“ im Nordosten. Und die Südoldenburger hätten sich am liebsten mit ihren katholischen Brüdern im Münsterland wiedervereinigt. Aber wie angedeutet: Die Engländer hatten 1946 was anderes zu tun, als sich um die Wünsche querulatorischer Kleinst-Provinz-Bonzen zu bekümmern – bzw. der Klein-Provinz-Bonze H. W. Kopf hatte den besseren Draht zu den Engländern.

Heute ist das Verhältnis recht entspannt, nur gelegentlich hört man aus Braunschweig die Bezeichnung „Verbotene Stadt“ für Hannover; in Hannover habe ich auch schon mal „Messeparkplatz Ost, auf Landkarten manchmal auch als ‚Braunschweig‘ ausgewiesen“ gehört. Oder eben ähnlichen typisch deutschen, regionalistischen, kantönli-geistigen, aber letztlich harmlosen Unfug.

Es bleibt freilich der Fußball. Und da ist nun der kommende Freitag in der Tat ein Ereignis, da Hannover 96 und Eintracht Braunschweig doch eher selten in der gleichen Liga spielen – es ist sicher keine Hannoveraner Vermessenheit, daraufhin zu weisen, daß 96 in der Regel nicht in der niedrigeren Liga spielt. Für den Hormonhaushalt von 96-Fans dient in den meisten Jahren der VfL Wolfsburg als Ersatz-Erzfeind. Am Freitag spielen die Eintracht und 96 zum erstenmal seit 37 Jahren (!) wieder in der ersten Liga gegeneinander.

Möge der Bessere gewinnen, mag die Zahl der Toten zweistellig bleiben.

1) Ich weigere mich, für die Abfassung dieses Artikels irgendeine Website oder ein Nachschlagewerk zu bemühen – ich klöppel einfach mal freihändig drauflos. Edit: Um hier eine Karte einbauen zu können, habe ich nun doch noch einmal die Wiki bemüht.

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2 Kommentare

  1. Florian

    Danke für die Geschichtsstunde! Ich verfolge aus dem Exil die Vorfreude der niedersächsischen Fussballfreunde auf das Derby am Freitag. Kann mir schon vorstellen, dass es in BS knallt. Es gibt viele, die beim Thema Fussball keinen Spaß verstehen.

  2. Danke für die Geschichtsstunde! Ich verfolge aus dem Exil die Vorfreude der niedersächsischen Fussballfreunde auf das Derby am Freitag.

    :-)

    Es gibt viele, die beim Thema Fussball keinen Spaß verstehen.

    Hähä, ja. Nicht alle werden’s so locker nehmen, wie man’s nehmen sollte: Wenn 96 gewinnt, ist die Welt in Ordnung, wenn nicht, ist zumindest was Interessantes passiert.

    In der Papier-HAZ hatte es in den letzten Tagen auch noch einen guten Artikel zur Geschichte des Verhältnisses von BS und H – online finde ich ihn gerade nicht. (Dafür aber einen Riesenhaufen anderer Artikel zum Spiel, unter anderem diese recht hübsche Übersicht über Derbys an sich und über bekannte andere Derbys.)

    Dessen Autor hatte natürlich vorher nachgeschlagen… Die Erlangung der Kurwürde hatte ich knapp hundert Jahre zu früh angesetzt, sie war tatsächlich erst 1692. Na, egal…

    Ansonsten war der Tenor aber der gleiche: Stolze, alte, etwas schläfrig gewordene Stadt gegen dynamischen, erfolgreichen „Neureichen“. Wichtiger als eine Jahreszahl ist sicher noch eine andere Tatsache, auf die besagter HAZ-Artikel hinweist: Daß Hannover nämlich während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erheblich stärker geboomt hat als Braunschweig, unter anderem wegen seiner bekannt günstigen Verkehrslage zwischen Ost und West, Nord und Süd.

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:-) :-( ;-) :-D :übel: more »

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