International, Religion
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Zur Lage der Türkei

In einem gestern von der FR unter dem Titel „Kein Rückschritt, sondern Fortschritt“ veröffentlichen (und ziemlich schusselig aus dem Englischen übersetzten) Text wertet die türkische Politologin Seyla Benhabib die Diskussion um die Zulassung der Kopftuches in staatlichen Schulen und Universitäten unter dem Strich als gesellschaftlichen – Fortschritt.

Zu dieser Ansicht kommt sie, indem sie die Besonderheiten des türkischen (Nicht-)Laizismus in Rechnung stellt, der Türkisch-Sein inkonsequenterweise immer auch über Muslim-Sein definiert hat. Sie konstatiert in dieser Hinsicht Veränderungen:

Die bürgerliche Gesellschaft der heutigen Türkei widmet sich mit noch nie da gewesenem Eifer der Selbstbetrachtung und Vergangenheitsbewältigung. Die Gräueltaten von 1915 gegen das armenische Volk; Repressalien gegen Nicht-Muslime durch die Erhebung der so genannten „Varlik Vergisi“, einer Vermögenssteuer, die hauptsächlich dazu diente, den Reichtum der Juden, Griechen und Armenier auf das aufstrebende türkische Bürgertum zu verteilen; die repressive kemalistische Ideologie der herrschenden Eliten; und der Ursprung des Kurdenproblems, das auf den Kompromiss zurückgeht, der zwischen eben diesen kemalistischen Eliten und den kurdischen Feudalherren geschlossen wurde – all diese Themen werden im Fernsehen und in den Zeitungen besprochen, in der Kunst und im Theater aufgegriffen und von Gelehrten wissenschaftlich untersucht.

Vor diesem Hintergrund geht es bei der Kopftuch-Debatte eigentlich um die Pluralisierung einer post-nationalistischen demokratischen Gesellschaft und nicht um die Regression zu einer islamistischen Republik, wie viele Säkularisten behaupten. Die kemalistischen Eliten – das Militär, die zivile Bürokratie, Lehrer, Anwälte, Ingenieure und Ärzte – betrachten diese Entwicklung als ein Scheitern des republikanischen Experimentes, wo sie doch im Gegenteil ein Zeichen für ihr Gelingen ist.

Einige Passagen des Textes, nämlich ihre verfassungsrechtlichen Darlegungen, sind (zumindest für Außenstehende) ziemlich ungenießbar, ihre Grundpositionen jedoch scheinen schlüssig, zumal sie sich weder auf die Seite des islamistischen Regierungslagers noch der nationalistischen Opposition schlägt. Sie argumentiert pluralistisch und liberal, gut so.

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