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Bürgerliche Tapferkeitsmedaille – ein Vorschlag

Die tapfere deutschtürkische Studentin, die in Offenbach totgeschlagen worden ist, hätte eine respektablere Auszeichnung verdient als das elende Bundesverdienstkreuz. Daß ich den Fall Tugce A. nur anhand dessen zu beurteilen vermag, was in den Medien zu lesen ist, brauche ich kaum zu betonen – wir alle müssen aber zumindest bis auf weiteres davon ausgehen, daß sie eine junge Frau war, die ihren uneigennützigen Mut mit dem Leben bezahlt hat. Jeder mag sich fragen, ob er selbst diesen Mut gehabt hätte.

Und für eine solche Courage sollte man staatlicherseits würdiger geehrt werden als mit dem gefürchteten Honoratioren-Selbstbeweihräucherungs-Kreuzchen. Der geneigte Leser ist gehalten, sich einmal in seinem regionalen Umfeld umzuschauen, wer da so alles das Bundesverdienstkreuz hat: er wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein ganz grauseliges Provinzbonzen-Panoptikum vorfinden. Daß das Bundesverdienstkreuz ferner durch eine Frauenquote diskreditiert ist, dürfte wohl bekannt sein, daß es allen Ernstes ein jährliches Sonder-Deputat an Bundesverdienstkreuzen eigens für Bundestagsabgebordnete gibt, läßt sich leicht ermitteln.

Man kann wohl nicht sagen, daß das Bundesverdienstkreuz eine posthume Beleidigung für die bedauernswerte Tugce A. wäre – aber angemessen scheint es auch nicht. Und auch nicht für den am Ende des verlinkten Artikels erwähnten Mann. Oder man denke an den Fall einer Kindergärtnerin vor einigen Jahren: Auf einem Ausflug fällt ein Kind in einen stillgelegten Bergwerksschacht und landet nach freiem Fall von nicht unerheblicher Tiefe im Wasser. Die Frau springt hinterher. Der Opa-Orden Bundesverdienstkreuz paßt hier einfach nicht.

Es müßte mithin ein anderer Orden her. Nennen wir ihn ad hoc und provisorisch Bürgerliche Tapferkeitsmedaille und formulieren wir die Verleihungsbedingungen ebenso provisorisch folgendermaßen:

Die Bürgerliche Tapferkeitsmedaille wird Zivilpersonen verliehen, die sich unter realer und bewußt in Kauf genommener erheblicher Gefahr für Leib und Leben mit außerordentlichem Mut uneigennützig für ihre Mitmenschen eingesetzt oder sich dergestalt um die Allgemeinheit verdient gemacht haben.

Näheres:

  • Die Medaille sollte Zivilisten vorbehalten sein. Für Uniformierte – Soldaten und Polizisten also –, bei denen die Tapferkeit sozusagen zum Beruf gehört oder gehören sollte, sollte es andere, eigene Orden geben. Wie es mit Feuerwehrleuten und Rettungsdienstlern zu halten sei, dessen sind wir uns nicht sicher.
  • Die Verleihungskriterien sollten strenge gehandhabt werden; die Medaille sollte nicht allzu oft verliehen werden. Nicht ganz so selten wie das englische Viktoria-Kreuz, versteht sich, aber auch nicht öfter als vielleicht 25 Mal im Jahr. Sie sollte wirklich etwas wert sein. (Also anders als das Bundesverdienstkreuz.)
  • Die Verleihung findet in der Hauptstadt statt und wird vom Staatsoberhaupt vorgenommen – Unkosten für die Geehrten gehen zu Lasten der Staatskasse.
  • Die Medaille sollte mit einem kleinen, lebenslangen Ehrensold von vielleicht 1000 € im Jahr verbunden sein.
  • Ausgezeichnete ohne deutsche Staatsbürgerschaft können diese sofort und ohne Aufgabe ihrer bisherigen Staatsbürgerschaft bekommen. Wenn sie sie nicht gleich wollen, bleibt der Anspruch darauf auf Lebenszeit erhalten.
  • Die Medaille wird auch posthum verliehen.
  • Ein etwas schneidigerer Name als Bürgerliche Tapferkeitsmedaille könnte nicht schaden. Vielleicht sollte die Auszeichnung die Form eines Sternes haben. Das sage ich nicht unbedingt, weil ich dabei an die Helden-Sterne der alten Sowjetunion oder der DDR dächte, sondern weil mir der Blick in die Sterne am Himmelszelt mit „Mut machen“ verbunden scheint. Aber auch eine andere, außergewöhnlichere Form wäre denkbar. Nur bitte kein Kreuz.

Daß es Helden des Alltags gibt, von deren Taten nie jemand etwas erfährt (und das wäre wohl auch bei Tugce A. der Fall gewesen, wenn ihr Mörder nicht zugeschlagen hätte und/oder ihre Intervention Erfolg gehabt hätte), versteht sich von selbst und läßt sich nicht ändern.

(Zum Abschluß dieser Überlegungen sind Sie gebeten, wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen, daß ich in ihnen das Wort „Zivilcourage“ nicht verwendet habe.)

Bildquelle: Wikimedia, User: Brandenburg Foto, Frank Langhanke, CC

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