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Licht aus

mond

Also gut, wenn es denn den sächselnden Protofaschisten gelungen ist, einen kleinen Sieg, einen allerersten Anfangserfolg gegen die übermächtige und allgegenwärtige Dauer-Anstrahlerei jedes auch nur halbwegs sehenswerten Gebäudes in wirklich jeder langweiligen Mittelstadt zu erringen, so sei ihnen von Herzen gedankt.

Lutz, bitte noch ’ne Bratwurscht! Und meine Mendy, Jahrgang ’75: Ich liebe Dich! :love:

Seit fünfzehn Jahren bin ich auf dem Weg nach links. Hier, wo ich jetzt stehe, werde ich wohl eine Weile bleiben. Ich hoffe mithin, gegen den Vorwurf, „Kulturkritik“ zu betreiben, halbwegs gewappnet zu sein.

Es ist mir ferner klar, daß es ein typisch ahistorisches und struktur-konservatives Fehlurteil ist (gegen das freilich auch Historiker keineswegs immer immun sind), die Zustände der eigenen Kindheit für uralte Traditionen zu halten.

Und dennoch: Muß denn wirklich jede Dorfkirche, jedes Opernhaus in jeder Provinzgroßstadt, müssen auch noch der Bibliotheks-Pavillon im Herrenhäuser Berggarten und die mickrige Marktkirche in Hannover des nachts angestrahlt werden? Und muß der Einbruch der Dunkelheit im Sommer durch eine „Sommerzeit“ noch weiter verschleppt werden, damit die Kneipiers in Hessisch-Oldendorf ein paar Bier mehr und die Würstchen-Brater in Dresden eine Bockwurst extra verkaufen können?

Ist es denn so erstaunlich, unnatürlich oder beängstigend, daß es in Mitteleuropa nächstens dunkel ist?

Selbstverständlich sei hier nicht dafür plädiert, nachts etwa die Straßenbeleuchtung abzuschalten, schon gar nicht, um „Energie zu sparen“. Ein bißchen Zivilisation muß schon sein. Auch sollte der ehemalige Berufseinbrecher Lutz B. aus Dresden durch übertriebene Verdunkelung keineswegs ermutigt werden, sein altes Gewerbe wieder aufzunehmen. Vor Fliegerangriffen hingegen muß man heuer nicht einmal mehr in Dresden Angst haben.

Und die armen Sterngucker haben nun einmal einen schlechten Stand im Lichtmüll einer Großstadt oder auch nur in dessen Nähe. Derlei ist unvermeidlich.

Aber muß man es übertreiben? Muß alles, was für irgend jemanden irgendwann sehenswert sein könnte, immer und zu jeder Zeit angestrahlt werden? Und das gar ohne Bewegungsmelder? Kennen Sie übrigens noch den Begriff „Asylanten-Jagdanlage“? So nannte man im Volksmund vor Jahren diese 500-Watt-Strahler mit Bewegungsmelder vor irgendwelchen Hauseingängen und Garageneinfahrten in Spießershausen. Auch das eine besonders lästige Form von Lichtmüll.

Nähmen denn die Kölner Schaden an ihrer Seele, wenn sie ihren geliebten Dom nachts nur als Schemen sähen und nicht unausgesetzt zuckrigsüß beleuchtet? Vielleicht wäre ein Kompromiß denkbar: Die Lamberti-Kirche in Münster darf angestrahlt werden – aber eben nur in Verbindung mit einem Bewegungsmelder.

Übrigens ist heute Julmond, also der erste Vollmond nach der Wintersonnenwende. Es ist also eh die ganze Nacht hell genug, um alle Heiligen Eichen, klandestinen Versammlungsorte, Dome und Semperopern zu finden, auch wenn sie nicht angestrahlt werden.

Bild: Frits Thaulow: Fluß im Mondenschein

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2 Kommentare

  1. Moechtegern

    Habe eben herzhaft gelacht bei der Einleitung. Tatsächlich bin ich immer wieder froh, in Orten zu sein, wo es keine solche Beleuchtung gibt. Ein Nachtspaziergang ist auch viel schöner, wenn die Gebäude nicht bestrahlt werden.

    Sogar Straßenbeleuchtung ist vieler Orts übertrieben. Im Heimatort meiner Freundin wird diese um 22 Uhr abgeschaltet (tiefstes Mecklenburger Land). Das ist sehr angenehm und ich schlafe besser. Hier in der Stadt wache ich nachts auf, wenn bedeckt ist, weil die Stadt so hell ist, dass die Wolken die Beleuchtung zurückreflektieren.

  2. Hm. Was die Straßenbeleuchtung angeht, bin ich mir – ich hatte das ja schon im Artikel angedeutet – nicht sicher. Klar, auch das „normale“, also Nicht-Anstrahl-Licht, kann ganz schön nerven. Hier wird sogar der Innenhof nachts ausgeleuchtet, also mit Dauerbeleuchtung über jedem der ca. zehn Kellereingänge, und das ist wirklich nur noch störend, schlafraubend – und einfach peinlich.

    Ich habe mir aber auch mal sagen lassen (von einer Frau, die in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb lebt, in dem auch nach zehn die Straßenlaternen ausgehen), daß es ganz schön lästig sein kann, ohne Taschenlampe nicht mal mehr vom Auto am Straßenrand zum Hauseingang zu finden…

    Außerdem halte ich Straßenbeleuchtung wohl auch für eine zivilisatorische Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. (Osterhammel schreibt interessant über die Einführung der Straßenbeleuchtung, zuerst mit Gaslampen, dann mit Glühbirnen.)

    Über die Kirchen und die anderen öffentlichen Bauten werden wir uns aber sicher einig. Klar ist das ein grandioses Bild: der Kölner Dom und davor Groß St. Martin nachts angestrahlt, von Südosten her über den ollen Vater Rhein hinweg gesehen. Aber es muß ja eben nicht immer ein Feiertag sein, und tagsüber sieht das auch noch sehr schön aus.

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