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Kolonialismus (und Kopftücher)

Walter van Rossum verbreitet auf den NachDenkSeiten hanebüchenen Unsinn (leider ist dieses ansonsten kaum genug zu preisende Web-Projekt nicht immer ganz frei von derlei):

Und mit ein paar Wikipedia-Studien könnten sogar TTT-Autoren herausbekommen, dass „der“ Islam vor allem in den Ländern mächtig ist, die nach über zweihundert Jahren westlicher Kolonialherrschaft gewissermaßen als politische Missgeburten das Licht der Welt erblickt haben und als Staaten eben deshalb nie funktioniert haben.

Es sei dahingestellt, ob es besonders geschmackvoll und angemessen ist, jene nicht namhaft gemachten Staaten als „Mißgeburten“ zu diffamieren – es geht uns um die angeblichen „zweihundert Jahre westlicher Kolonialherrschaft“ in ihnen oder über sie.

Die einzigen nennenswerten heutigen Staaten der islamischen Welt, auf die das halbwegs – nämlich mit vielfältigen zeitlichen, geographischen und sachlichen Einschränkungen – zutrifft, sind Aserbaidschan, Bangladesch und Indonesien. Staaten also, die in dem heutigen Islam-Geschrei in Deutschland zumindest keine Hauptrolle spielen. Alle drei sind ferner keine islamistischen Staatswesen und waren es in ihrer unterschiedlich kurzen Geschichte auch nie.

Das heutige Pakistan ist viel zu spät an den anglo-indischen Raj gekommen, als daß die zitierte Behauptung zu halten wäre. Und die Abspaltung Pakistans von Indien und später Bangladeschs von Pakistan waren freilich auch keine Idee der ehemaligen Kolonialherren.

Das ziemlich gründlich (nämlich mit Siedlern und Landnahme – das hat es ansonsten in der islamischen Welt nirgendwo gegeben) durchkolonialisierte Algerien war nur ein gutes Jahrhundert lang französisch, nämlich von den 1840er bis in die frühen 1960er Jahre.

Der direkte britische Einfluß in Ägypten hat nur ein gutes halbes Jahrhundert gedauert. Und Ägypten mit seiner buchstäblich jahrtausendealten staatlichen Tradition kann man auch nun wirklich nicht als „Mißgeburt“ bezeichnen!

Wenn die Engländer denn den Sudan als „politische Mißgeburt“ zu verantworten gehabt haben sollten: Die Schlacht von Ombdurman ist auch erst gut hundert Jahre her. Und den fraglichen Staat gibt es nicht mehr, die Mißgeburt ist tot – ohne daß die Probleme aufgehört hätten. Überhaupt ist die ganze (für Europa schändliche!) koloniale Aufteilung Afrikas inklusive seiner islamischen Regionen ein Ergebnis erst der 1880er Jahre.

Syrien, der Libanon und der Irak (wie auch Jordanien/Palästina) sind erst nach dem Ersten Weltkrieg aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches zu französischen oder britischen Protektoraten gemacht worden und sind nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängig geworden. Die Zahl „zweihundert“ ist hier nahezu um den Faktor zehn übertrieben.

Und Saudi-Arabien, der Iran und Afghanistan gar waren nie westliche Kolonien.

Die Türkei natürlich auch nicht – die war Kolonialmacht in der islamischen Welt. (Falls man denn das Osmanische Reich als Kolonialreich bezeichnen kann – was ebenso zweifelhaft ist wie beim Russischen Reich. Eher nicht…)

Von den ebenso grausamen wie kläglichen, kurzlebigen und letztlich folgenlosen Kolonial-Experimenten der Spanier und Italiener in Marokko und Libyen können wir hier wohl schweigen.

Was van Rossum da schreibt, ist schlechterdings Unfug, gegründet offensichtlich in der Tat exklusiv auf „ein paar Wikipedia-Studien“. Gerade angesichts der Länder, in oder aus denen der Islamismus/Dschihadismus und „der Islam“ in unseren Tagen Schlagzeilen produzieren, ist die Behauptung van Rossums hirngespinstig.

Und noch das hier:

Ansonsten erkläre ich mich bereit[,] bis zur nächsten Ausgabe von TTT ein Dutzend Muslima vors Mikrofon zu bringen, die durchaus charmant und sexy und wahlweise in fünf Sprache[n] sehr präzise erklären können, warum ihnen das Kopftuch so wichtig ist, an dem die westliche Toleranz seit 20 Jahren zerbricht.

Auch hier wollen wir von den stilistischen Qualitäten des zitierten Satzes schweigen – wir neigen selbst gelegentlich zu fragwürdigen, dem eigenen Alter kaum noch angemessenen erotischen Anspielungen und zu Macker-Gestus. Fahrten im öffentlichen Personen-Nahverkehr einer Großstadt können freilich jedermann davon überzeugen, daß die allermeisten „Muslimas“ mit Kopftuch nur zwei Sprachen sprechen, und zwar beide nicht sehr gut, dafür aber durcheinander.

Das fundamentalistische Moslems irgend etwas präzise und überzeugend erklären können, wäre uns bis jetzt auch entgangen. Fanatismus und Eifer sind keine Präzision. Religiöse aller Schattierungen sind stets eifrig und überzeugt, aber nie „präzise“.

Also: guter Wille und gute Gesinnung führen nicht immer zu guten Ergebnissen; „gut gemeint“ ist bekanntlich das Gegenteil von gut. Gute Menschen sind freilich per se gut, analysieren aber gelegentlich ausgesprochen schlecht. Und so auch hier.

Es bringt überhaupt nichts, den jahrzehntealten Jammergestus der korrupten Eliten der islamischen Welt über die Folgen des Kolonialismus nachzuahmen.

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