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„ganz viel“ – Der Siegeszug der Atta-Atta-Sprache

Z 025

Nein, einen Radiosender wie NDR Info oder eine Fernsehsendung wie Hallo Niedersachsen (die hiesige vorabendliche Landesschau des NDR-Fernsehens) können Sie nicht einschalten, ohne daß Sie nach spätestens zwei Minuten jemanden „ganz viel“ sagen hören: „Da haben wir ganz viele neue Möglichkeiten, Flüchtlinge unterzubringen – wir müssen uns nur ganz viel Mühe geben.“ „Es muß endlich mal wieder ganz viel regnen, sagen die Landwirte.“ Die Floskel ist bei Journalisten und Interviewten gleichermaßen beliebt.

Das noch peinlichere „ganz doll“ hört man nicht ganz so oft, aber noch ganz oft genug. Und die Beispiele für das Vordringen der Babysprache (oder dessen, was man dafür halten kann) in die Alltags-Hochsprache ließen sich vermehren:

  • xy war selten – „Soviel Aufregung war selten.“
  • xy war gestern – „Carsten Maschmeyer war gestern – heute heißt das Stadion HDI-Arena.“
  • xy gar nicht! – „Autobahnen geht gar nicht!“ „Pasta weich kochen geht gar nicht!“ Diese Marotte gibt es schon seit vielen Jahre, sie scheint aber nicht aus der Mode zu kommen.
  • xy kann + Substantiv im Nominativ Singular – „Peer Steinbrück kann Wirtschaft.“ „Unsere Lena kann auch Chanson!“
  • total – „Das finde ich total spannend!“ Gut, das ist uralt und fällt kaum noch auf, gehört aber wohl in die gleiche Kategorie.
  • lecker (undekliniert) – „Und gestern gab es dann lecker Spargel!“ (Ein besonders ekel- und übelkeiterregender sprachlicher Infantilismus :bäh: Woran erkennt man eine niedersächsische Berufsbeamtin des gehobenen Dienstes? Daran, daß sie ihre Arbeitszeit damit verbringt, „lecker Schoki“ zu essen, und in der üppig bemessenen Mittagspause „lecker Eis essen“ geht.)
  • Infantile Diminutive – das schlimmste, was ich neben „Schoki“ bis jetzt gehört habe, war „Rucksi“ für Rucksack. Dieser Unflat scheint bei Linksautonomen übrigens genauso beliebt wie bei den erwähnten Beamtinnen.

„Hallo, ich bin der Martin!“ hat Dieter Krebs schon vor zwei Jahrzehnten geblödelt. In Süddeutschland wird bekanntlich oft ein Artikel vor den Vornamen gesetzt („Das war der Beimler Hans.“), außerhalb jener Dialekte aber ist es ranschmeißerisch-infantiler Sozialarbeiter-Jargon.

Man könnte hier ferner an das auf Grünen-Parteitagen offenbar zwingend vorgeschriebene „’ne“ denken: „Wir werden da ’nen Antrag einbringen! Und dann wird es ’ne Abstimmung geben!“ :übel:

Wie erklärt sich diese allgegenwärtige Adaption von Infantilismen? Warum lieben die Deutschen die Atta-Atta-Sprache so heiß und innig?

Möchte man sich dadurch den Anschein von „Authentizität“, von Ursprünglichkeit und Unverbildetheit geben? Möchte man möglichst harmlos und lieb und nett klingen? Ist es schlichte Ranschmeißerei an einen als ohnehin verblödet gedachten Zuhörer? Hat unsere Gesellschaft Kinder mittlerweile so lieb („lieb haben“ wäre wohl auch fast eine Wendung des nämlichen Genres), daß sie meint, auch sprechen zu müssen wie die Kleinkinder?

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2 Kommentare

  1. Rakir

    Ja, auch die Variante „Wir geh‘n in ’nen Café“ ist mir öfter zu Augen gekommen – von Muttersprachlern wohlgemerkt.

    • Also, wenn man das oder ähnliches mal so umgangssprachlich sagt, finde ich es völlig unauffälig und undramatisch – nur wenn es wie bei grünen Rednern oder auch bei interviewten Grünen-Politikern klar erkennbar eine Zwangshandlung ist, wird’s lächerlich. Zumal die Grünen bekanntlich nicht gerade eine überdurchschnittlich junge Wählerschaft und Mitgliederstruktur haben…

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:-) :-( ;-) :-D :übel: more »

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