Feuilleton, Geschichte, Religion, Funk & Fernsehen
, , , ,

Jan Hus wird zum zweiten Mal verbrannt

Zweieinhalb Stunden lang habe ich ihn ausgehalten, den 2*2=4 Stunden langen tschechischen Historien-Fernsehfilm von Jirí Svoboda (Buch: Eva Kanturková), deutsche Erstausstrahlung am 1. Juli 2015 auf arte. Eigentlich hätte ich mich am liebsten schon nach einer Stunde ausgeklinkt, aber ich wollte doch noch abwarten, ob die für die böhmische Reformation so immens wichtige Frage des Laienkelches, also des Abendmahls in beiderlei Gestalt, überhaupt noch erwähnt wird. Wird sie, aber eben erst nach sage und schreibe zweieinhalb Stunden.

Die Begeisterung der FAZ-Rezensentin Heike Hupertz bleibt unverständlich. Der Zweiteiler ist weder „glanzvolles Bildungsfernsehen von großer Ernsthaftigkeit, wie man es heute eigentlich nicht mehr zu sehen bekommt“, noch wendet er sich an ein „hochgebildete[s] Publikumssegment mit extrem langer, anscheinend durch entsprechende Gnade gesegnete Aufmerksamkeitsspanne“. Nein, er hat nichts gemein mit dem epochalen Martin-Luther-Fünfteiler aus der DDR von 1983 – obwohl sich das angesichts der FAZ-Besprechung vielleicht hoffen lies. „Jan Hus“ überfordert wirklich niemanden.

Der Film ist nicht ganz unterirdisch, bewegt sich aber doch durchgängig nur knapp über Knopp- oder Hollywood-Niveau – nur länger als die entsprechenden Erzeugnisse, das ist er in der Tat.

Die theologischen Debatten jener Tage werden ebenso oberflächlich referiert wie deren politischer Kontext. Die Machart des Films ist in fast jeder Hinsicht holzschnittartig zu nennen: Der hohe Klerus (gerade der nicht-tschechische) ist feist, verkommen, korrupt, dumm, dekadent und grausam – und dagegen begehren Hus und seine Mitstreiter auf. Das sind alles Tschechen, und alle sind sie klug, milde, sympathisch, volkstümlich und gottergeben – abgesehen von dem einen aus simpel-dramaturgischen Gründen notwendigen Verräter Stephan von Palec, der von den bösen Feinden vermittels der Folter umgedreht wird. Und die liebenswerten tschechischen Magister haben sich an der Universität Prag auch noch mit ganz finster dreinblickenden deutschen Doktoren auseinanderzusetzen. König Wenzel immerhin ist weder ganz gut noch ganz böse, sondern nur versoffen und machtbewußt – und das ist auch schon die größte Subtilität an Charakterzeichnung, die dem Zuschauer zugemutet wird.

Es geht darum, Christus und die Schrift wieder über die Kirche zu stellen. Die Leute sollen in der Bibel lesen – dumm nur, daß es noch keinen Buchdruck gibt. Reformation, auf Kindergarten-Niveau erzählt.

Die Darstellung der Inquisition erinnert an US-amerikanische, antikatholische Schauermärchen aus dem 19. Jahrhundert. Der Einfluß John Wyclifs auf die böhmische Frühreformation wird wohl überzeichnet.

Die Requisite scheint oft zweifelhaft: Folianten, die aussehen, als stammten sie aus dem 18. Jahrhundert, Trinkgläser, die offensichtlich maschinell hergestellt wurden, Stahlmesser in Kleine-Leute-Haushalten. Man rechnet geradezu damit, daß an der nächsten Tafel noch Pilsener Urquell ausgeschenkt wird.

Hus und seine Theologen-Mitstreiter baden immer wieder in einem Fluß und führen dabei launige Gespräche – das mag sehr reinlich sein, ist aber historisch unsauber. Überhaupt wirken die Kulissen und die Ausstattung oft klinisch rein. Liebe Tschechen, kein Deutscher und kein Franzose hält Euch heute noch für schmuddelig!

König Wenzel trägt fast immer eine Krone, auch in seinen Privatgemächern, der Gegenpapst Johannes XXIII. trägt, noch absurder, auch zu völlig unpassenden, alltäglichen Gelegenheiten eine Tiara. Königin Sophie steht bei Hus’ Predigten als einfache Zuhörerin mitten unterm Volk – in unglaublichem Maße ahistorisch!

Die erwähnte FAZ-Rezensentin hält es offenbar für ein Zeichen heute kaum noch faßbarer Bildungsbürgerlichkeit, daß „lateinisch gesprochene Passagen lediglich untertitelt [werden]“. Aber das betrifft nur allersimpelste Textabschnitte: das „in nomine patris et filii…“, die Taufformel, das Vaterunser und ähnliches! Auf jedem „Mittelaltermarkt“ dürfte mehr Latein zu hören sein.

Zum sehr schlechten Gesamteindruck mag die deutsche Bearbeitung beitragen: die Synchronsprecher verstärken möglicherweise noch die Melodramatik und Plattheit der Originalfassung. Die deutsche Übersetzung ist oft holprig: „gewählter (statt erwählter) römischer König“, „Kommission“ statt Kongregation, zahlreiche gequälte Historismen. Der Name Hus wird durchgängig mit langem u ausgesprochen – soweit ich weiß, ist das falsch. In Filmen, die im Mittelalter spielen, ist schon die Anrede „Ihr“ ebenso zweifelhaft wie unvermeidlich – aber hier werden Niedrigergestellte sogar manchmal mit „Er“ angesprochen („Hör er mir zu!“). Das preußisch-absolutistische „Erzen“ ist hier dermaßen anachronistisch, daß sich einem der Personalausweis aufrollt.

Und was die Musik angeht: entweder Streicherschwulst oder gregorianische Gesänge. Prima!

Dieser Film macht der großen tschechischen Fernsehfilmtradition keine Ehre, Jan Hus wird gelegentlich des 600. Jahrestages seiner Hinrichtung zum zweiten Mal verbrannt.

"Jan Hus wird zum zweiten Mal verbrannt", 5 out of 5 based on 4 ratings.

Antworten

:-) :-( ;-) :-D :übel: more »

rss Kommentare zu diesem Artikel als RSS-Feed