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Die wahre Familie

„Nastojaschtschaja Semja“ – „die echte, die wahre Familie“. So lautet seit einigen Tagen das Motto einer Kampagne der russischen De-facto Staatspartei „Einiges Rußland“, mit der man die „traditionellen Familienwerte“ gegen teuflische Einflüsterungen aus dem Westen stärken und verteidigen möchte. Selbstverständlich ist die Aktion auch und vor allem als Gegenbewegung gegen die Bestrebungen zur Gleichstellung der Homoehe in den meisten westlichen Ländern zu verstehen.

manifDementsprechend ist das Logo der russischen Kampagne (siehe Bild oben – Bildquelle siehe unter dem obigen Link) auch ungeniert von der französischen Bewegung „La manif pour tous“ („Die Demo für alle“) abgekupfert, in der das traditionalistische Segment der französischen Gesellschaft seit 2012 ähnliche Ziele verfolgt. Mit dem erheblichen Unterschied allerdings, daß es Frankreich etwas gab, wogegen man demonstrieren konnte, und in Rußland eigentlich nicht. Vater, Mutter und Kinder als Silhouette – für die russische Seele muß es dann freilich ein Söhnchen mehr sein als bei den Franzosen. Nicht etwa, daß da jemand dächte, Rußland habe unter Putin noch demographische Probleme!

fazfamilieAuch die Familienrubrik der Online-FAZ ziert ein vergleichbares Logo – dort läßt man aber immerhin Omma und Oppa noch leben.

Damit nun auch der Dümmste kapiert, was die rußländische Obrigkeit von ihm erwartet, hat man das Logo in Rußland noch um den Twitter-Hashtag #WahreFamilie ergänzt: #НастоящаяСемья. Dessen Schriftsatz in Wellenform ist hier die größte Leistung der russischen Graphikdesigner.

Ein oder zwei Dunkelpostillen der deutschen extremen Rechten haben nun gar versucht, Rußland hier Bemühungen zur Schaffung einer „Hetero-Fahne“ zu unterstellen – natürlich als Gegenstück zu der in rechten deutschen Kreisen so verhaßten Regenbogenfahne der organisierten Schwulen, Lesben und Queer-Vögel. Aber dafür können die Russen nichts.

Kernfamilie

Als anzustrebender bzw. wiederherzustellender gesellschaftlicher Normalzustand wird hier also die Kernfamilie postuliert: ein Mann und eine Frau heiraten, bekommen Kinder, erziehen sie, bleiben ein Lebtag verheiratet und sind sich mehr oder weniger treu. So, wie sich Wertkonservative ein geordnetes, eben „wahres“, Familienleben vorstellen. Sprüchlein wie „Kinder brauchen Mutter und Vater!“ sind in rechtsdrehenden Kommentar im Internet bekanntlich wieder und wieder zu finden.

In ganz merkwürdigem Gegensatz dazu steht übrigens der ebenfalls in rechten Zirkelchen, aber auch über diese hinaus, nicht auszurottende Mythos von der Großfamilie als in früheren Zeiten angeblich üblicher Form des Familienlebens. Es ist dies und bleibt dies aber ein an Geschichtsklitterung grenzender Mythos. Denn daß wirklich mehrere Generationen unter einem Dach leben, hat es schon aus materiellen Gründen stets nur im hohen Adel und im reichen Bürgertum gegeben – also in sehr kleinen Minderheiten. Sogar in wohlhabenden Bauernfamilien ist die Kernfamilie der Regelfall; die Alten werden auf das sprichwörtlich gebliebene Altenteil abgeschoben. In der Tat, Kernfamilien haben früher im Durchschnitt mehr Kinder als heute, sind damit aber noch keine „Großfamilien“.

Es läßt sich nicht bestreiten, daß die Kernfamilie über weite Strecken der europäischen und wohl auch der außereuropäischen Geschichte die häufigste Form familiären Lebens gewesen ist und wohl auch noch immer ist. Dennoch gab und gibt es von diesem Regelfall so viele Abweichungen, daß er kaum noch als Norm gelten kann und schon einmal gar nicht als „wahr“ und „echt“.

Und sonst noch?

Väter können im Krieg sein und im Krieg fallen. Auf einem Kontinent, über den im letzten Jahrhundert zwei Weltkriege hinweggerollt sind, sollte das eigentlich noch erinnerlich sein – und zwar gerade in Rußland, wo man so gerne an seine mittlerweile 25 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg erinnert.

Mütter können im Kindbett sterben und tun das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein sehr oft.

Väter oder Mütter können auf ungezählte anderen Arten ums Leben kommen.

Väter können zu saisonaler Wanderarbeit gezwungen sein. (Das gab es Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch in meiner Familie.)

Mütter können nolens volens zum Ernährer der Familien werden, weil sie Billiglohnjobs bekommen und die Väter gar keine. Dies war und ist ein ganz gängiges Schema in Gesellschaften, die die ersten Schritte zur nachholenden Industrialisierung tun.

Willy Brandt, IV. Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Geboren als Herbert Frahm, aufgewachsen bei seiner unverheirateten Mutter und seinem Stiefgroßvater.

Willy Brandt, IV. Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Geboren als Herbert Frahm, aufgewachsen bei seiner unverheirateten Mutter und seinem Stiefgroßvater.

Daß Männer Frau und Kind sitzenlassen, ist bei weitem kein Phänomen, das erst mit der Moderne oder der Postmoderne aufgekommen wäre.

Heute wird ein Drittel der bundesdeutschen Ehen geschieden. Das bedeutet zwar auch, daß zwei Drittel der Ehen nicht geschieden wird. Aber ebenso sehr bedeutet es, daß es in Deutschland Millionen von Scheidungskindern (ich bin eines) und Kindern in „Patchwork-Familien“ gibt.

Es ist schlechterdings keine Erscheinung unserer Tage, daß Großmütter und Großväter, Stiefväter und Stiefmütter, Onkel und Tanten, ältere Brüder und Schwestern bei der Kindererziehung aushelfen (müssen). Situationen, in denen die Kernfamilie ganz einfach und plötzlich nicht mehr da ist, hat es seit eh und je so viele gegeben, daß es absurd erscheint, die Kernfamilie zur „echten“ und „wahren“ Familie zu erklären. Das ist Kitsch und sonst gar nichts.

Auch freiwillig, durch Konsens

Neben den durch materielle Umstände erzwungenen Abweichungen vom unausgesprochenen Ideal oder vom Regelfall der Kernfamilie hat es immer auch mehr oder weniger freiwillige oder durch gesellschaftlichen Konsens bedingte Abweichungen gegeben. Wie immer gehen hier gesellschaftlicher Konsens und gesellschaftlicher Zwang nahtlos ineinander über.

Daß sich Aristokraten und „Royals“ bis heute so gerne als „ganz normale Familien“ präsentieren, ist ein Phänomen, das erst im mittleren 19. Jahrhundert einsetzt – und zwar genauer mit der englischen Königin Viktoria, die sich etwa auf einmal mit ihrem Prinz Albert und ihren Kindern unterm Weihnachtsbaum vorm Kamin darstellen läßt. Verbreitet wird das herzerwärmende Bildchen von der gerade aufgekommenen Presse. Damit hat sie nicht nur den weltweiten Siegeszug des Weihnachtsbaumes eingeläutet und vermutlich die englische Monarchie gerettet (nachdem ihre welfischen Vorfahren alles getan hatten, deren Ruf zu ramponieren) – sie hat auch das bisherige aristokratische Familienideal preisgegeben, das eigentlich ein Nicht-Familien-Ideal war. Seit der Zeit Viktorias geht es bei Aristokraten-Hochzeiten nicht nur und vor allem um die Sicherung der dynastischem Erbfolge, sondern auch um das Kopieren (klein)bürgerlicher Familienideale. Hach, sie lieben sich doch so – und irgendwann wird dann Diana „die Königin der Herzen“.

Undenkbar, daß sich etwa Ludwig XV. von Frankreich, Friedrich II. von Preußen oder auch Napoleon als treue, quasibürgerliche Familienväter hätten darstellen lassen! Friedrich läßt seine Frau bekanntlich gleich nach der Hochzeit einsperren. Der hohe Adel hat nicht nur selbstverständlich Geliebte, diese Geliebten haben als „Titularmätressen“ oft auch einen klar definierten gesellschaftlich Rang.

Antoine_de_Bourgogne

Anton, Großbastard von Burgund. Gemälde von Rogier van der Weyden. Um 1460.

Und derlei ist keine Erscheinung erst des paradisvogelhaften Rokoko! Schon im 15. Jahrhundert führt der illegitime Sohn Herzog Philipps des Guten von Burgund den stolzen (!) Titel „Anton, Großbastard von Burgund“. Der Großbastard ist der Sohn Herzog Philipps und seiner Lieblingsmätresse Jeanne de Presle, damit Halbbruder Herzog Karls des Kühnen. (Und etwas normaler in der Birne als Karl.)

Einer der treuesten Mitstreiter der tapferen Jeanne d’Arc ist Jean de Dunois, der „Bastard von Orleans“, illegitimer Vetter des französischen Königs. Diese stolzen Bastarde führen ganz selbstverständlich das Wappen ihrer Väter, nur ergänzt um einen diagonalen, meist roten Strich, den „Bastardfaden“. Das ist nur einen Schritt von offizieller Polygamie entfernt. Die Kernfamilie war damals zwar auch „wahr“, aber ganz sicher nicht echt und schön.

Ferner ist das mittelalterliche Minne-Ideal sowenig mit der Vater-Mutter-Kind-Familie kompatibel wie das abendländische Mönchstum, wie Nonnenklöster und unverheiratete Kräuterweiblein. Es hat nicht nur immer Kinder ohne Vater und/oder Mutter gegeben, sondern immer auch gesellschaftlich vollkommen akzeptierte Leute ohne Kinder. Auch wenn das heute Sozialkassen-Akrobaten und Abendlands-Retter nicht gerne hören. Daß Kinderreichtum umgekehrt auch als Zeichen von Asozialität kann, ist ebenfalls kein exklusives Phänomen der deutschen Nachkriegszeit. Ob es nun Iren aus englischer Perspektive, Zigeuner in Mitteleuropa oder Tschetschenen in Südrußland waren – immer ist das Stereotyp: „Die haben nichts – nur viele Kinder!“

Noch im viktorianischen England werden die Söhne der Oberschicht denkbar unfamiliär erzogen, trotz Viktorias Tannenbaum: Sie werden in elitäre Public Schools gesteckt und dort geschliffen und geprügelt, bis sie hinreichend austauschbare Charaktere sind. Ihre Eltern lernen sie im Grunde erst als junge Erwachsene kennen.

Wer säugt die Kinder der besseren Leute? Richtig, Ammen. Und Tragetücher sind auch noch kein schickes Accessoire für „neue Väter“.

In der DDR war es ebenso wie in der Sowjetunion bekanntlich üblich, daß Väter und Mütter in Vollzeit gearbeitet haben, daß hingegen die Erziehung auch ganz kleiner Kinder zumindest tagsüber vom Staat übernommen wurde. Auch daran sollte man sich im heutigen Rußland noch erinnern können. Auch daran, daß die Hausarbeit dann dennoch fast ausschließlich von den Frauen gemacht wurde. (Ohne seine tapferen Frauen, die so oft die Defizite der Männer kompensieren müssen, wäre Rußland schon längst untergegangen.)

Auf die Spitze getrieben wurde diese „linke“ Negierung der Kernfamilie vielleicht im alten, sozialistischen Israel der Kibbuzim. Alle Erwachsenen sollen arbeiten, auch die Mütter. Die Kinder werden daher im Kibbuz fast vollständig von den Eltern getrennt. Sie wachsen im Kinderhaus auf. Ein bißchen wie im alten Sparta mit seinen Knaben-Rotten, nur daß man in Israel damit unmittelbar nach der Geburt angefangen hat und natürlich auch die Mädchen in das System einbezogen wurden. (Und daß die sozioökonomischen Gründe in Sparta ganz andere waren als in Israel, ich weiß.) Es ist übrigens nicht bekannt, daß israelische Kinder durch dieses System der Kibbuz-Erziehung etwelche psychischen Schäden davongetragen hätten. Der Mensch kann eine ganze Menge ab.

Wer ist (nicht) schuld?

Und für all die genannten Abweichungen von der „wahren und echten“ Kernfamilie sind mit Sicherheit keine Schwulen, keine „Homo-Lobbys“, keine „Gender-Terroristen“ und keine dekadenten Westler verantwortlich, wie sich das AfD-affine FAZ.net-Kommentatoren und andere Putin-Fans so gerne vorstellen, sondern eine Fülle von materiellen, sozialen, mentalen und kulturellen Faktoren.

Und das Ideal?

Folgende Konstellationen hingegen entsprechen perfekt dem silhouettenhaften Ideal der Kernfamilie:

  • Vater säuft (das gibt es sogar in Rußland, man denke!), Mutter prügelt die Kinder.
  • Mutter vergräbt gelegentlich ein überzähliges Neugeborenes im Blumenpott.
  • Vater reibt sich im Mittelschichten-Job auf, Mutter schluckt Psychopharmaka.
  • Vater ist Hubschrauber-Vater, Mutter ist Tigermutter – Kinder sind „hochbegabt“. Oder wenn sich letzteres nun wirklich gar nicht mehr behaupten läßt, dann haben sie halt ADHS.
  • Vater glotzt RTL, Mutter glotzt SAT1, beide fressen Chips dazu – und die Kinder tun es ihnen nach.
  • Vater und Mutter setzen aufgrund von politischen oder religiösen Wahnvorstellungen Kinder in die Welt wie die Blöden.

Oh ja, gewiß: „Kinder brauchen Vater und Mutter.“ Oder in den genannten Fällen nicht vielleicht doch eher ein Kinderheim?

manif_parodie

Und so etwas wie auf nebenstehender Manif-pour-tous-Logo-Parodie soll gar in den besten Familien vorkommen.

Gerade in Rußland sollte man sich vielleicht auch einmal fragen, was die echtrussischen und wahren Familien mehr bedroht: die notorisch unzuverlässigen, mackerhaften und versoffenen russischen Männer? Die materiellen Verwerfungen seit dem Ende Sowjetunion? Oder wirklich die paar armen Schwulen, die in Rußland Lichtjahre davon entfernt sind, die Homo-Ehe fordern zu können. Wie so oft in Rußland: man kämpft gegen Windmühlen, vorzugsweise gegen solche aus dem „verfaulten Westen“. Man imaginiert einen Feind, den es nicht gibt. Und wie spätestens seit Dostojewskis Tagen finden sich im Westen genug Trottel, die das ganz toll finden.

Nochmals und Plöp

Nochmals: Die Kernfamilie ist wohl über Jahrhunderte und bis heute der Normalfall, die häufigste Form der Aufwachsens von Kindern. Man sollte sich über und für jeden freuen, der aus einer funktionierenden Kernfamilie kommt oder der eine hat. Aber sie ist weder „wahr“, noch „echt“, noch per se richtig oder gut oder schön. Sie ist einfach nur „ein bißchen normal“.

Plöp: Jeder weiß, daß sich fast alle Schwulen und Lesben vor Kindern geradezu ekeln. (Kann ich ab und zu verstehen.) Die ganze Debatte ist mithin eine Scheindebatte und ein Tummelplatz für Wichtigtuer aller Art.

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2 Kommentare

  1. Revilo

    Noch im viktorianischen England werden die Söhne der Oberschicht denkbar unfamiliär erzogen, trotz Viktorias Tannenbaum: Sie werden in elitäre Public Schools gesteckt und dort geschliffen und geprügelt, bis sie hinreichend austauschbare Charaktere sind. Ihre Eltern lernen sie im Grunde erst als junge Erwachsene kennen

    Sehr richtig (überhaupt ein schöner und erhellender Aufsatz, den Sie da geschrieben haben, Herr Wilhelms).
    Hinzuzufügen wäre, daß die Kinder auch vor Erreichen des Alters, in dem die Jungs auf sog. Preparatory Schools gegeben wurden, nicht allzu viel mit den Eltern zu tun hatten, weil sie die meiste Zeit in der Obhut von Nannys und Gouvernanten verbrachten. In englischen Herrenhäusern war die nursery nicht einfach ein Kinderzimmer, sondern eine abgeschlossene Welt für sich.

  2. Jäp, danke für die netten Worte und die Ergänzung.

    Ich muß gerade an den (mir jedenfalls) sehr unsympathischen Georg V. von England denken, bekanntlich der Enkel Königin Viktorias und der Großvater Elisabeths II. Und zwar genauer an dessen unglücklichen jüngsten Sohn John. Der war körperlich und geistig behindert. Was passiert mit ihm? Er wird eben nicht irgendwo „inkludiert“, sondern weggesperrt… Und wenn man weiß, daß es in vormodernen Zeiten überall im ländlichen Europa üblich gewesen ist, überzählige Geburten und erst recht welche „mit einem Fehler“ einfach verhungern zu lassen (sozusagen nachgeburtliche Abtreibung), vermag man derlei nicht einmal rundheraus verurteilen.

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