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Im Blumencronkasten: faz.net gegen Werbeblocker

Seit einigen Tagen fährt faz.net eine Kampagne gegen Browser-Werbeblocker: Leser, die einen Werbeblocker aktiviert haben, bekommen auf der Startseite und auf den meisten Artikelseiten ganz oben einen Kasten mir einem Dutzi-Dutzi-Text angezeigt (siehe Screenshot). Dieser Text ist vom Chef der Online-Redaktion, Mathias Müller von Blumencron, verantwortet und unterzeichnet und läßt sich folgendermaßen zusammenfassen:

„Wir machen für viel Geld und mit viel Personal eine wunderbare Nachrichten-Seite, die für Dich, lieber Leser, kostenlos ist. Geld können wird damit direkt nur durch Werbung verdienen, also sei so fair und schalte Deinen Werbeblocker zumindest für faz.net aus!“ Verlinkt werden eine Anleitung, wie dieses individuelle Ausschalten mit dem populärsten Werbeblocker – Adblock Plus (ABP) – zu bewerkstelligen sei, ferner eine Umfrage zur Akzeptanz von Online-Werbung.

Zuerst bemerkt habe ich die Kasten-Aktion vor zehn Tagen. Die „Anti-Anti-Werbeblocker-Liste“ von ABP bekommt diesen Kasten zur Zeit (noch) nicht unter Kontrolle, das heißt er wird von ABP (noch) nicht weggefiltert.

Ob diese Aktion mit einer zeitgleichen und ähnlichen, aber noch rabiateren Aktion der Online-Bildzeitung konzertiert ist, vermag ich nicht zu sagen. Auch möchte ich mich hier nicht über Grundsätzlichkeiten verbreiten: etwa darüber, ob derlei Texte nicht einen deutlichen Zug ins Weinerliche haben? Kann sich der Chefredakteur einer Druck-Zeitung darüber beklagen, daß Leser vor Beginn der Zeitungslektüre erst einmal grundsätzlich die Werbebeilagen rausschütteln und sofort wegschmeißen? Ist einer, der erklärtermaßen keine Werbung sehen möchte, ein Angehöriger eine besonders attraktiven Zielgruppe von Werbung?

Vielmehr halte ich Müller von Blumencrons (der auch noch ein kluger Kopf und ein sehr erträglicher Journalist ist) grundlegende Argumentation, siehe oben, für berechtigt. Und ich bin der Frankfurter Allgemeinen Qualitätszeitung und ihrer Online-Ausgabe buchstäblich seit Jahrzehnten in dauerhafter Haßliebe verbunden. Die ältesten und treuesten Leser dieses Blogs werden sich vielleicht noch daran erinnern, daß ich mein Abonnement der Papier-FAZ im Sommer 2008 nach zwei Jahrzehnten gekündigt habe – und auch das nur nach langatmigen und monate- bis jahrelangen Erwägungen, endgültig zur Kündigung motiviert erst durch die erinnerlich im Frühling 2008 eingeführten Fotos auf der Titelseite der Druckausgabe. Auch heute noch halte ich faz.net für das bei weitem beste deutschen Online-Nachrichten-Portal. Und ich bin der FAZ wirklich dankbar, angesichts der irrlichternden Flüchtlingsbegeisterung in diesem Spätsommer als so ziemlich einzige nennenswerte Stimme in Deutschland die Nerven behalten und das Gehirn eingeschaltet gelassen zu haben. Ich wäre also Müller von Blumencrons Appell durchaus zugänglich, wenn, ja wenn denn dieser Satz in dem Appell stimmte:

Auf unserer Webseite finden Sie in der Regel keine Pop-Ups, Layer oder ähnliche aggressive Werbeformen, sondern meist klassische Anzeigen.

Aber er stimmt nicht, der Satz. Ich habe in den letzten Tagen dreimal testweise ABP für faz.net deaktiviert. Angezeigt wurde dann stets sich bewegende und blinkende Werbung mit Lauftext und ähnlichen Scheußlichkeiten, grundsätzlich mit einem „mitwandernden“ Seitenwerbeblock, der also beim Herunterscrollen auf dem Bildschirm bleibt – eben ein Layer. Das Blinke-Banner ist sehr hoch. Einmal ist mir daraus sogar bei einer Porschewerbung auf der Startseite ein Sportwagen geradezu ins Gesicht gefahren – passenderweise übrigens, während es im Hauptartikel gerade um den VW-Skandal ging. Bei den beiden anderen Versuchen wurden einmal Kredit-Zinsvergleiche und einmal irgendeine Yuppie-Wellness-Gesundheits-Wichse beworben – auch nicht gerade mein Interessengebiet. Offensichtlich kommen die Macher von Online-Werbung nicht davon los, in den Kategorien von Fernsehwerbung zu denken – anstatt in denen von Zeitungswerbung, wie es sein sollte. Ferner waren jeweils mindestens fünf kleinere Werbeblöcke über den Content-Bereich der Startseite und den Seitenbalken verstreut. Die Site lud deutlich langsamer und fühlte sich auf einem nicht allzu schnellen Rechner nach meinem Eindruck auch „teigig“ an. Was, wenn nicht das, ist aggressive Werbung? Ausgesprochene Popups werden nun wirklich seit mehr als zehn Jahren schon vom Firefox ausgefiltert – derlei ist Webdesign-Steinzeit und kein aktuelles Kriterium für nicht-aggressive Werbung.

Ich wäre durchaus bereit, auf Sites, die ich mag, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. So mache ich es zum Beispiel auf der Site der jungen Welt. Sozusagen für jene Zeitung, aus Sympathie für das Blatt – teils gar aus echtem Interesse an seiner Werbung, man denke. Die Bedingungen dafür sind aber diese:

  1. Es gibt nicht mehr als drei Werbeblöcke pro Seite.
  2. Es bewegt sich nichts, es blinkt nichts. Weder per Flash, noch per HTML 5, noch per GIF, noch sonstwie.
  3. Es wandert nichts mit, kein Element wird per Javascript-Layer (oder sonstwie) dem Scrollen entzogen.

Diese Regeln entsprechen grosso modo und „von ihren Geiste her“ sowohl den Regeln, die man einzuhalten hat, wenn man auf seiner eigenen Site Google-Werbung einbauen will, als auch den Bedingungen zur Aufnahme in das „Nicht aufdringliche Werbung zulassen“-Programm von ABP. Diese „Acceptable Ads“ von ABP sind seit ihrer Einführung im Jahre 2011 unter Netz-Puristen heiß umstritten – ich hingegen halte sie (jedenfalls grundsätzlich) für eine sehr kluge und gute Idee.

Nur: was faz.net da an Werbung veranstaltet, ist in keinem Fall akzeptabel. Und auch der Blumencronkasten ist erheblich erträglicher als die Werbung, die sich anzuschauen er den Leser auffordert. Die erwähnte und verlinkte Umfrage übrigens prüft die hier verhandelten Punkte keineswegs ab – auch daher dieser Text.

Übrigens: uBlock Origin, ein Konkurrenz-Produkt zu ABP, filtert den Blumencronkasten von faz.net durchaus weg. :-( Ich experimentiere gerade mit dem Add-on herum, ohne bis dato zu einem konzisen Urteil gekommen zu sein. Es gibt da keine „Acceptable Ads“. Auch scheint es mir überzogen, standardmäßig und nicht per default abschaltbar das Laden von Webschriften zu unterbinden. Warum? Webfonts sind seit Jahren ein weithin akzeptiertes Webdesign-Spielzeug, mit dem man zwar (wie mit den meisten Spielzeugen) Unheil anrichten kann, das aber nicht per se böse ist. Mir ist dieser Puritanismus unsympathisch. Des weiteren behauptet uBlock origin von sich, wesentlich ressourcenschonender zu sein als ABP. Schauma also mal.

"Im Blumencronkasten: faz.net gegen Werbeblocker", 5 out of 5 based on 2 ratings.

2 Kommentare

  1. Möchtegern

    Ich weiß nicht, ob du mittlerweile komplett auf uBlock Origin gewechselt bist. Falls nein, würde ich wirklich dazu raten. Die Benutzeroberfläche ist nicht sonderlich intuitiv, aber sobald man das Tool auf „advanced user“ setzt, lässt es eigentlich keine Wünsche mehr offen. Man kann damit komplett im Blacklistmodus arbeiten, den Blocker also nur auf „bösen“ Seiten einschalten. Man kann einzelne Werbenetzwerke oder Trackingdomains separat ein- und ausschalten. Und das Addon verbraucht wesentlich weniger Arbeitsspeicher als Adblock.

  2. Ja, ich bin dann in der Tat kurz nach der Abfassung des Artikels komplett zu uBlock Origin gewechselt und bin seither dabei geblieben – allerdings ohne, da nun tiefer einzusteigen oder mich weiter groß drum zu kümmern…

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:-) :-( ;-) :-D :übel: more »

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