Hannover, Feuilleton, Geschichte
,

Zur Stadtentwicklung Hannovers im 19. Jahrhundert

Zunächst1 zwei Stadtpläne Hannovers, die genau den selben Ausschnitt im selben Maßstab zeigen: ein Stich von 1834 (Bildvorlage) und ein Screenshot aus dem freien Kartenprojekt Openstreetmap von heute. Zu sehen sind jeweils die heutige Altstadt – also das, was früher ganz Hannover gewesen ist – und die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaute und in die Stadtbefestigungen miteinbezogene Calenberger Neustadt im Westen der Altstadt.

Schließlich noch eine Übersichtskarte über das ungefähre heutige Stadtgebiet in viel kleinerem Maßstab. In allen drei Stadtplänen wurde die Lage des Wallgrabens aus der 1834er-Karte blau hervorgehoben. Zwischen den Stadtplänen 1 und denen 2 und 3 liegen 180 Jahre – (nur) sieben Generationen.

1

2

3

Wenn Sie heute 25 Jahre alt sind, hat Ihre Ururururur-Großmutter (wenn sie denn aus Hannover war, was nicht sehr wahrscheinlich ist) als junges Mädchen unsere Heimatstadt völlig anders zu sehen bekommen als Sie. Die Stadt ist seither gleichsam explodiert. Das sind viele andere Städte während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert auch, aber doch wenige so fulminant wie Hannover: dies vor allem wegen der bekannten Rolle der Stadt als Verkehrsknotenpunkt zwischen Nord und Süd, zwischen dem Ruhrgebiet im Westen und Berlin im Osten. Aus einer verschlafenen Residenzstadt wird eine Industriestadt. Übrigens hat sich zu dieser Zeit auch die jahrhundertealte Abneigung der Braunschweiger gegen Hannover nochmals verstärkt. Hannover war nun nicht nur dynastisch, sondern auch noch wirtschaftlich und demographisch ein ungeliebter Nouveau riche.

Die Stadtbefestigungen Hannovers wurden schon nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) weitgehend geschleift. 1834 existiert aber noch der zu ihnen gehörige Wallgraben – und auch der wird bald danach zugeschüttet. Wie man auf der neuen Altstadt-Karte (Karte 2) sieht, haben sich von den Stadtmauern kaum Spuren im heutigen Straßenbild erhalten – wenn man von einigen Straßennamen absieht: Steintor (1), Reitwall (2), Clevertor (3), Friedrichswall (4) oder Aegidientorplatz (5). Die Stadtbefestigungen wurden in Hannover früher als in anderen Städten geschleift, nämlich schon zu einer Zeit, in der man noch nicht zum großen städtebaulichen und stadtplanerischen Wurf neigt. Ende des 19. Jahrhunderts ist das anders: In Städten, deren Befestigungen erst dann geschleift werden, verwendet man das freiwerdende Terrain häufig zur Anlage eines großen Parks (wie in Bremen oder Münster) oder zum Bau einer Ringstraße (wie in Köln oder in Wien). In Hannover hingegen verwendet man das gewonnene Gebiet einfach „irgendwie“.

Man erkennt vielleicht ferner, daß sich das Stadtzentrum seit der Mitte des 19. Jahrhunderts um einige hundert Meter nach Nordosten verschoben hat – nämlich von der Marktkirche, dem Marktplatz und dem Alten Rathaus (A) hin zum heutigen Kröpcke (B). Der Ort des heutigen Kröpckes lag gerade noch innerhalb der alten Stadtbefestigungen – der Ort des heutigen Hauptbahnhofes schon nicht mehr. Die Georgstraße lag ganz im Nordosten des alten Hannovers. Das Zentrum urbanen Lebens hat sich im 19. Jahrhundert aus der Altstadt weg in Richtung auf den Hauptbahnhof (6) verschoben. Nicht mehr Kirche und Rathaus sind das Zentrum der Stadt, sondern der Bahnhof und der Platz in seiner Nähe. Hier liegt eine ganz charakteristische Entwicklung des städtischen Raums im 19. Jahrhundert bis heute klar zutage. (In Köln hat man derlei zu verhindern gewußt, indem man den Bahnhof direkt neben die Kirche gebaut hat.)

Auch eine für das 19. Jahrhundert typische Form von Repräsentationsbau – ein Opernhaus – wird in Hannover bezeichnenderweise in dieser Gegend errichtet (7).

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Hannoveraner Altstadt durch englische Bombenangriffe vollkommen zerstört. Sie ist in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943, „der Nacht, in der Alt-Hannover unterging“, vollständig verbrannt. Das sich dem Auge des heutigen Besuchers bietende Bild aus historischen Fassaden mit Kneipen und Geschäften im Erdgeschoß ist mithin in höchstem Maße ein Ergebnis von Rekonstruktion – und eben kein Originalzustand oder auch nur Kontinuität. Exemplarisch dafür mag das Leibnizhaus stehen (siehe Artikelbild, das linke Gebäude): außen eine Renaissance-Fassade, innen 80er Jahre-Zweckarchitektur mit Glas und nacktem Beton. Und außerdem steht es nicht genau da, wo das Original gestanden hat.

Artikelbild: AxelHH auf Wikimedia, CC

1) Diesen kleinen Text habe ich vor knapp zwei Jahren für ein Online-Projekt zu den Gegebenheiten in meiner Heimatstadt geschrieben. Da es dieses Projekt nun nicht mehr gibt, veröffentliche ich ihn hier in leicht überarbeiteter Form.

Antworten

:-) :-( ;-) :-D :übel: more »

rss Kommentare zu diesem Artikel als RSS-Feed