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arte: „Vom Kämpfen und Sterben der Internationalen Brigaden“

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Mit einiger Erleichterung nimmt man zur Kenntnis, daß dieser Film mit seinem schönen deutschen Titel keine ganz typisch französische Geschichtsdokumentation ist: Schwulst, Pennälerhaftigkeit, Simplifizierung und Pathos halten sich in erträglichen Grenzen; größenwahnsinnige Intellektuelle, die alles ganz genau wissen, kommen nicht als Interviewpartner zu Wort. Es gibt erfreulicherweise überhaupt keine Interviews, erst recht nicht mit „Erbzeugen“, also Kindern und Enkeln von Beteiligten – eine Wohltat im Vergleich zu den deutschen Guido-Knopp-Geschichtchen. Vollends zu überzeugen vermag das Opus Patrick Rotmans allerdings auch nicht.

Es handelt sich im Grunde um einen halbwegs akzeptablen Abriß der Geschichte des Spanienkrieges vom ersten bis zum letzten Tag. Die Vorgeschichte spielt überhaupt keine Rolle, die Nachwirkungen nur kurz in Gestalt einiger Bemerkungen über die spanischen Flüchtlinge in Frankreich.

Daß eine Beleuchtung der sozioökonomischen und historischen Ursachen dieses „Schlüsselkonfliktes des 20. Jahrhunderts“ ganz und gar unterbleibt, wäre akzeptabel, wenn es dann wenigsten konsequent um die Interbrigaden ginge, aber das ist nicht der Fall. Mindestens eben so ausgiebig wie um die Brigaden geht es um das Wirken und Fühlen von prominenten Mitgliedern der europäischen und US-amerikanischen Intelligenz, die es damals bekanntlich in ganzen Mottenscharen nach Spanien gezogen hat, und zwar um die allseits bekannten: André Malraux, Ernest Hemingway, George Orwell und vor allem um den Fotografen Robert Capa. Sehr interessant, nur waren das sämtlich Leute, die nichts Direktes mit den Internationalen Brigaden zu schaffen hatten. So ganz scheinen Franzosen einfach nicht ohne Großköpfe auszukommen, die ihnen sagen, wo’s lang geht. Ludwig Renn übrigens, der sowohl Schriftsteller als auch Offizier der Brigaden war, wird gerade einmal erwähnt.

Wichtige Namen (Hans Beimler, Manfred Stern) fallen gar nicht, dafür aber dutzende Male die Namen Hemingway und Capa. Militärische Details bleiben schwammig bis dunkel, ebenso die Organisationsstruktur der Brigaden und ihre ungefähre nationale Untergliederung (XI. Brigade = deutsch, XII. Brigade = italienisch etc.). Der Titel ist mithin fast irreführend – es geht eben gar nicht so sehr um das Leben und Sterben der Internationalen Brigaden.

Die Kritik an den spanischen und internationalen Kommunisten gerät maßlos überzogen. Immerhin waren die Interbrigaden von der Komintern aufgestellte Einheiten, was seinerseits nur andeutungsweise erwähnt wird. Von der Rekrutierung der Brigadisten in ihren Heimatländern und ihren abenteuerlichen Wegen nach Spanien ist überhaupt nicht die Rede. Hingegen wird einmal mehr das anarchistische Chaos in Barcelona idealisiert und die Rolle der POUM dort übertrieben – diese katalonische sozialistische Splitterpartei wäre heute längst vergessen, wenn sich nicht Orwell ihrer Miliz angeschlossen hätte.

Eine nicht ganz läßliche Sünde ist auch, daß Ereignisse, von denen es nun einmal leider keine Filmaufnamen gibt, mit Bildern präsentiert werden, die irgendwie passen oder eben auch gerne mal irgendwie nicht. So wird beispielsweise der legendäre Parademarsch der XI. Brigade durch Madrid vom 8. November 1936 mit Bildern von irgendwelchen Freiwilligen, die mit dem Koffer in der Hand irgendwo ankommen, visualisiert. Daß Filmaufnahmen von Kampfhandlungen kaum je richtig zuordenbar sind, aber dennoch zugeordnet werden, gehört allerdings ebenso zum Genre wie die Nachvertonung von stummen Aufnahmen mit Zischen, Trappeln, Knallen und Knattern aus der Konserve – das ist nun einmal so. Kaum vermeidlich auch, daß man die meisten Filmaufnahmen schon einmal gesehen hat – zwar war der Spanienkrieg der erste durchfotografierte und auch durchgefilmte Krieg der Geschichte, das Material ist aber bekanntlich keineswegs unbegrenzt.

Ein mäßiger, aber nicht unansehbarer Film. 90 Minuten statt 110 hätten es auch getan.

 

In der arte-Mediathek noch bis Mittwoch, 2. November 2016, greifbar.

"arte: „Vom Kämpfen und Sterben der Internationalen Brigaden“", 5 out of 5 based on 1 ratings.

8 Kommentare

  1. Angtarion

    Eine umfassende Würdigung!
    Wo siehst Du die Kritik an den Kommunisten als überzogen an? Meiner Meinung nach haben Sie das Clausewitzsche „Ziel-Mittel-Weg“ aus ideologischen Gründen bei militärischen Aktionen mißachtet und sind deswegen z.B. Am Ebro gescheitert.

    • Zumindest kann man sagen, daß sie II. Spanische Republik ohne die Disziplin und Organisationsfähigkeit der Kommunisten Ende 36 oder spätestens Anfang 37 am Ende gewesen wäre. Die Modelltruppen der Republik waren nun einmal kommunistische Einheiten – eben die Interbrigaden und das V. Regiment. Wenn Anarchisten und Linkssozialisten ohne Offiziere kämpfen wollten und das auch tapfer getan haben, ist das auch nicht gerade reiner Clausewitzscher Geist… Die Schaffung des spanischen „Volksheeres“ im Verlaufe des Jahres 1937 wäre ohne die Kommunisten undenkbar gewesen. Man kann einfach kein Heldenlied der Interbrigaden singen wollen und gleichzeitig permanent gegen die Kommunisten treten – das macht aber der Film.

      Klar ist das Urteil problematisch – die Geschehnisse in Spanien fallen zeitlich immerhin mit dem Höhepunkt des Stalinschen Terrors in der UdSSR zusammen. Neben Orwell dazu übrigens auch Willy Brandt in seinen Erinnerungen.

      Aber man muß auch sehen, daß die spanischen Kommunisten durch eine merkwürdige Verknüpfung von innerspanischen Gegebenheiten und dem außenpolitischen Interesse Moskaus kurioserweise den äußersten rechten Flügel der spanischen Arbeiterbewegung gebildet haben. Gut, sie haben Terror in den eigenen Reihen ausgeübt – aber den „wilden“ Terror anderer Linker gegen vermeintliche oder tatsächliche Rechte, den haben sie konsequent beendet.

  2. Angtarion

    „Man kann einfach kein Heldenlied der Interbrigaden singen wollen und gleichzeitig permanent gegen die Kommunisten treten“

    Zustimmung. Aber wollten Sie den ein Heldenlied singen? Es ist eine französische Doku. Unsere Nachbarn haben einen melancholischen Hang zur Tragik der gescheiterten. Und über Militär – sofern es der richtigen Sache dient – ohne Phatos zu sprechen geht bei ihnen auch nicht.

    Ich glaube Du siehst die Kommunisten zu blauäugig. Sie haben wilden Terror durch geordneten Terror ersetzt. Nicht nur nach innen. Aber ich will mich hier nicht zu weit raus hängen, da das alles Versatzstücken sind, die ich im Laufe der Jahre irgendwo gelesen habe.

  3. Aber was ist blauäugig daran zu sehen, daß es die Kommunisten waren, die halbwegs Ordnung in den Laden gebracht haben? Schon bei Orwell scheint durch, was für ein chaotischer (wiewohl sehr tapferer) Haufen die Milizen der Anarchisten und der diversen Links-Sozialisten Ende 1936 gewesen sind. Und Orwell gibt sich noch alle Mühe, diese Milizen zu verteidigen! (Er war immerhin selbst Mitglied einer dieser Milizen.) Franz Borkenau („Kampfplatz Spanien“) wird da, obwohl selbst unorthodoxer Marxist, sehr viel deutlicher, teilweise fast höhnisch gegenüber den Spaniern.

    https://janwilhelms.wordpress.com/2012/01/17/kampfplatz-spanien-7-bei-guadalajara-im-monat-maerz/

    Beide Autoren und Zeitzeugen machen sich übrigens auch über die militärischen Fähigkeiten der Nationalisten lustig – es war wohl keineswegs so, daß da eine perfekte Berufsarmee gegen Amateure gestanden hätte. Die Moros und die Fremdenlegionäre waren eher wegen ihrer Bestialität gefürchtet, nicht wegen ihrer Kampfkraft, und Orwell schildert den durchschnittlichen nationalistischen Soldaten als einen halbverhungerten, geprügelten Gezogenen. Als Orwell im Frühling 1937 bei Lérida im Aragón im Graben liegt, passiert nach seinen Schilderungen folgendes: Das Artillerie-Feuer der Faschisten liegt auf einmal halbwegs gut. Sofort denken er und seine Genossen, daß da jetzt deutsche Nazi-Truppen das Kommando und die Feuerleitung übernommen hätten.

    Lenin sagt irgendwo, daß die Revolution, die sich nicht zu verteidigen weiß, nichts wert ist. Und das stimmt auch.

  4. Angtarion

    Mir geht es nicht um die militärischen Leistungen. Mir geht es um den Terror. Ich meine mit „blauäugig“ folgendes: Dein Kommentar impliziert das der geordnete Terror gut und der ungeordnet böse ist (vereinfacht gesagt). An der Stelle verteidigt Du den Terror als irgendwie okay. Ich vermute mal aus Sympathie mit den Interbrigadisten. Dem Schwein das erschossen würde ist egal das es damit dem Abhacken des Kopfes entkam! Ob der geordnete Terror mehr Todesopfer als der ungeordnet verursacht, weiß ich nicht, will ich auch nicht wären. Die Frage wofür man kämpft ist schon eine die man stellen kann. Und dort machst Du es Dir bei Deiner Apologese – meiner Meinung nach- zu leicht.

  5. Angtarion

    Nachklapp: Meiner Meinung nach hat es im spanischen Bürgerkrieg, Heldenmut und große Barbarei auf allen Seiten gegeben. Als tragisch empfinde ich, das die große Energie, welche in den Bürgerkrieg geflossen ist, nicht in konstruktiveres fließen konnte. Manchmal denke ich bei aktuellen Nachrichten aus Spanien an das letzte Drittel des 19.Jh (für das ich mich mal interessiert habe). Wenn sie nicht aufpassen, gehen sie den gleichen destruktiven Weg noch einmal.

  6. Nun denn.

    Erstens und im Sinne des Themas vielleicht am wichtigsten muß man feststellen, daß die Internationalen Brigaden 1936-1938/39 niemals direkt an Repressionen gegen Linksabweichler (Anarchisten/Trotzkisten etc.) beteiligt waren. Weder in Barcelona im Mai 1937 noch sonstwo. Sie waren als disziplinierte und starke Truppe natürlich ein Gewicht auf Seiten der Komintern-Parteien/Moskaus, aber sie sind in diesem Zusammenhang nie eingesetzt worden.

    Zweitens hätte ich mich auf den schwammigen und seit 2001 fast toxischen Begriff „Terror“ ohnehin nicht einlassen sollen. Zu diesem Begriff hat mein Lehrer im Jahre 2009 Kluges geschrieben.

    Drittens konnte man sich gegen den Faschismus der 30er/40er Jahre und kann man sich heute gegen den Neoliberalismus – beide im marxistischen Sinne als Extremformen des Kapitalismus verstanden – nicht mit Benjamin-Blümchen-Methoden verteidigen. Deutschland wurde 1945 nicht mit Online-Petitionen befreit, sondern unter unsäglichen Blutopfern von der Roten Armee.

  7. Angtarion

    Zu 1 und 2 Zustimmung – darauf können wir uns einigen.
    Zu 3 der Nationalsozialismus ist von einer Mehrheit in Deutschland gewollt worden, aus dieser Verantwortung kann man dieses Volk nicht entlassen. Von den Westmächten und der Sowjetunion durchaus für ihre Zwecke als nützlich befunden worden und haben einen Anteil am Aufstieg zw. 1933 und 1935. Die deutschen Kommunisten haben zusammen mit der NSDAP das Kabinett Schleicher gestürzt, das ist ihre Verantwortung. Das alles erstmal nur festgestellt.
    Krieg ist die letzte Option der Politik, diese muss als Drohung glaubhaft sein. (1939 war sie das im Westen nicht). Solange es geht sind friedliche Methoden anzuwenden. Hitler wäre vor 1939 auch ohne Gewalt zu stoppen gewesen. Soviel zu Benjamin Blümchen Methoden. Wir können das gern mal bei Gelegenheit ausdiskutieren. Zum Thema Neoliberalismus – das ist ähnlich schwammig wie der Begriff Terror. In Abhängigkeit von der Definition widersetzt ich mich der Gleichsetzung Faschismus / Neoliberalismus. Auch das etwas zum ausdiskutieren!

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