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70 Jahre Niedersachsen. Von der Zwangsheirat zur Vernunftehe

Gefeiert werden soll der Geburtstag nach landesobrigkeitlichen Vorstellungen morgen, am 1. November 2016. Die Verordnung der britischen Militärregierung zur Gründung des Landes stammt vom 8. November 1946, sie wurde aber rückwirkend zum 1. November 1946 ausgestellt. Nun denn, der 8. November ist 2016 wohl doch zu sehr von der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl besetzt, um Raum für landes-herrliche Geburtstagsfeiern zu lassen. Allerheiligen ist im mehrheitlich evangelischen Niedersachsen keine Konkurrenz – abgesehen vielleicht davon, daß es durch das mittlerweile allgegenwärtige Halloween doch wieder ein bißchen eine Konkurrenz geworden ist.

Im Internet ist man nicht vor Pfiffikussen sicher, die einem erzählen, daß Niedersachsen eine Konstruktion der Engländer, also der Weltkriegssieger, gewesen sei. So einfach ist es freilich auch nicht. Niedersachsen ist eben kein vollends künstliches Bundesland wie einige andere – am krassesten vielleicht Rheinland-Pfalz, das zusammengestoppelt wurde, damit die Franzosen auch noch ihre kleine Besatzungszone abbekommen, also sozusagen aus Gründen der Tradition des europäischen Mächtekonzerts. (Man kann sich schon fragen, warum Frankreich, nicht aber Polen als Siegermacht des Zweiten Weltkrieges gelten sollte. Aber das ist ein anderes Thema.)

Der Begriff Niedersachsen ist sehr alt, er stammt aus dem Spätmittelalter. Nötig wurde der Name, um das uralte Stammesland der Sachsenherzöge von dem „neuen Sachsen“ im heutigen Bundesland Sachsen zu unterscheiden – der Name Sachsen war aus rein dynastischen Gründen nach Südosten gewandert. Die Zeiten, in denen sich niedersächsische Regionalpatrioten über diese kleine historische Ungerechtigkeit aufgeregt haben, sind wohl vorbei.

Freilich war der Begriff jahrhundertelang territorial nicht ganz scharf definiert und hat zum Beispiel in Gestalt des „Niedersächsischen Reichskreises“ des Alten Reiches ab etwa 1500 ein doch recht anderes Gebiet bezeichnet als das heutige Bundesland – nämlich das heutige östliche Niedersachsen rechts der Weser, Holstein und Mecklenburg. Aber das war im Grunde eine reine Verwaltungskonstruktion, eine „reichspatriotische“ Kopfgeburt ohne regionale Verwurzelung und ohne faktische Macht.

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Königreich Hannover (Bildquelle Wikipedia, User kgberger)

Jedoch wird unter Niedersachsen allerspätestens seit dem Erwachen historischen (oder historistischen) Bewußtseins anfang des 19. Jahrhunderts durchaus das verstanden, was dann 1946 von den Engländern in rechtliche Formen gegossen wurde und was bis heute Bestand hat: das unter Napoleon durch die Säkularisationen von 1803 territorial erweiterte und zum Königreich Hannover beförderte Kurfürstentum Hannover (offiziell bis dahin „Herzogtum Braunschweig-Lüneburg“) plus seine kleineren, unabhängigen Enklaven, im wesentlichen das Großherzogtum Oldenburg und das Herzogtum Braunschweig. Jedenfalls sah man das in Hannover so. Dort wird zum Beispiel 1835 der Historische Verein für Niedersachsen gegründet. Hannover und Braunschweig werden beide vom Welfenhaus regiert, aber von unterschiedlichen Linien. Man ist einander in herzlicher, bis heute nicht ganz überwundener Abneigung verbunden.

Ganz wichtig ist, daß der Begriff Niedersachsen schon damals erstens eine leicht antipreußische Spitze und zweitens eine „Groß-Hannoveraner“ Komponente hatte – zwei politische Konnotationen, die dann nach 1866, also nach der Annexion des Königreichs Hannovers durch Preußen, klar hervortreten. Wer nach 1866 mit dem Begriff Niedersachsen irgendwie politisch hantiert, gibt sich de facto als Anti-Preuße und „Groß-Hannoveraner“ zu erkennen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß diesem „Hannoveraner Imperialismus“ ausgerechnet durch die vollständige Niederlage und Zerstörung des Deutschen Reiches 1945 zum Siege verholfen wurde. Das Interesse der Engländer liegt darin, aus ihrer Besatzungszone (also den späteren Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen) halbwegs lebensfähige politische Einheiten zu schneidern. Alle Städte liegen in Trümmern, das Land ist von Flüchtlingen aus dem Osten überschwemmt, der schreckliche Hungerwinter 1946/47 steht erst noch bevor. Freilich sind viele Hannoveraner, die noch Sinn und Zeit für Politik haben, auch nicht gänzlich unglücklich über die Niederlage Deutschlands: „Der Erbfeind in Berlin liegt am Boden!“ Hannover wird jedenfalls nicht mehr preußische Provinz sein, wie es das seit 1866 ist.

Erster Ministerpräsident Niedersachsens.

Grab Hinrich Wilhelm Kopfs auf dem Stöckener Friedhof in Hannover. (Foto des Verfassers)

Und in dieser Situation bewähren sich die guten Kontakte des SPD-Politikers Hinrich Wilhelm Kopf zu den englischen Besatzungsbehörden – der Begriff Landesvater ist unendlich ausgenudelt, aber auf Kopf, den „roten Welfen“, dann unser erster Ministerpräsident, trifft er wirklich zu. (Und daher finde ich es auch falsch, daß der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz vorm hiesigen Landtag vor einiger Zeit eilfertig und devot umbenannt wurde, weil herausgekommen ist, daß Kopf in der Nazizeit an zwielichtigen „Arisierungs“-Geschäften beteiligt gewesen sein soll.) Kopf setzt durch, daß die Engländer Hannover, Braunschweig, Oldenburg und das Fitzel-Territorium Schaumburg-Lippe zu einem Bundesland Niedersachsen zusammenlegen, regiert von Hannover aus.

Daß man in Braunschweig und Oldenburg davon nicht begeistert war, versteht sich von selbst. Dort hätte man sich durchaus folgende Lösung vorstellen können: Aus dem Gebiet des heutigen Niedersachsens werden drei Länder: ein vergrößertes Oldenburg im Westen als Bundesland „Weser-Ems“, ein vergrößertes Braunschweig im Süden (also das subsaharische Niedersachsen, siehe Bild oben) und ein verkleinertes Hannover im Nordosten. Die Katholiken in Südoldenburg (Landkreise Vechta und Cloppenburg, vor dem Reichsdeputationshauptschluß von 1803 jahrhundertelang zum Hochstift Münster gehörig) hätten sich liebend gerne mit ihren Glaubensbrüdern im eigentlichen Münsterland zusammengetan. Jedoch dringen sie damit allesamt nicht beim Engländer durch. Hinnerk Willem Kopp siegt. Er hätte ganz gerne auch noch Detmold und Bielefeld gehabt, aber das klappt dann nicht mehr.

Zwar hat der Gegensatz der Braunschweiger und Oldenburger zu den Hannoveranern noch viele Jahre den Niedersächsischen Landtag vielleicht deutlicher gespalten als der formelle Gegensatz der Parteien, aber im Laufe der Jahrzehnte ist wohl doch Gras über die Sache gewachsen. Aus der Zwangsheirat von 1946 ist eine ganz solide Vernunftehe geworden, in der man sogar auch emotionale Anhänglichkeiten aneinander hat. Kein Mensch mehr in Oldenburg und Braunschweig will ernsthaft ein eigenes Bundesland – uralte Rivalitäten toben sich im Fußball aus. (Seitdem 96 nach seinem Abstieg mit der Eintracht in einer Liga spielt, geht das auch wieder besser.) Schaumburg-Lippe übrigens ward durch den Sitz des Niedersächsischen Verfassungsgerichts in Bückeburg (ein hübsches Städtchen) abgefunden. Gemeinsam wurden die Hauptaufgaben der Nachkriegszeit bewältigt: Wiederaufbau, Integration der Flüchtlinge und kollektive Verdrängung des Nazifaschismus. Später mögen sogar die Proteste gegen das Atommüllager in Gorleben zum Zusammenwachsen beigetragen haben.

Ich selbst habe von diesen alten Gegensätzen übrigens in meiner Kindheit in den 70er Jahren überhaupt nichts mehr mitbekommen. Das lag freilich auch daran, daß ich aus der Gegend stamme, in der Niedersachsen am niedersächsischsten ist: nämlich aus der Gegend etwa im Dreieck der Städte Bremen, Osnabrück und Hannover. Dort, in Sulingen im Landkreis Diepholz, gehörte man seit Jahrhunderten zu Hannover und hatte keinerlei dynastische, religiöse oder historisch-kulturelle (wie etwa in der Heide, im Weserbergland, im Wendland oder natürlich in Ostfriesland) Sonderidentitäten.

Und zum Schluß noch eine kleine, persönliche Blogger-Anekdote. Zur Illustration des Schlagwortes „Niedersachsen“ in diesem Blog habe ich lange Zeit das niedersächsische Landeswappen verwendet. Vor einem Jahr ist mir Staubgeborenem tatsächlich ein Brief aus der Niedersächsischen Staatskanzlei ins Haus geflattert. Die Herrschaften dort hatten (auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise!) offenbar nichts Besseres zu tun, als sich um die illegale Verwendung ebendieses Wappens zu besorgen. Es ward mir mitgeteilt, daß zur Verwendung des Landeswappens ausschließlich die Behörden des Bundeslandes Niedersachsen und von ihnen befugte Personen und Körperschaften berechtigt seien – jedenfalls nicht ich. Ich solle das entfernen und schriftlich erklären, das nicht wieder zu tun, widrigenfalls mir gar ein Bußgeld drohe. Ton und Modalitäten des Schreibens waren aber freundlich und in Ordnung. Modester Tonfall, der Hinweis, doch bitte statt des Wappens irgendwelche Landes-Logos zu verwenden, großzügige Fristsetzung, keine Abmahngebühren oder derlei. Ich habe den Aufforderungen dann auch gerne Folge geleistet und mich nett entschuldigt. Im Grunde hatten sie ja recht. Wo kämen wir da hin, wenn das jeder machen würde?

Bildquelle: Wikipipi

Bildquelle: Wikipipi

Typisch für Niedersachsen ist wohl auch, daß es hier zwar keine großen Stilisten gibt, daß man aber halbwegs vernünftig und freundlich miteinander umgeht. Man kann miteinander reden. Das widerspricht partiell meinem persönlichen Temperament, aber man kann sehr gut damit leben. Man ist ein bißchen langweilig, aber erträglich.

Ein niedersächsischer Ministerpräsident wird maximal Bundeskanzler oder Bundespräsident. Und/oder er sucht sich vielleicht in fortgerückteren Tagen zum allgemeinen Gaudium eine erheblich jüngere Frau. Bitte sehr. Aber er liegt eben auch nicht tot in der Badewanne in einem Genfer Hotelzimmer, er ist nicht schwul, hat kein MS und radebrecht nicht auf englisch. Der bis dato peinlichste Ministerpräsident hier war wohl der Evangelikale Ernst Grinsebrecht, der Vater von Frau Dr. med. von der Leyen. Grenzwertig. Sehr schade, daß es damals Wilfried Hasselmann, ein echter Niedersachse, nicht geworden ist.

Zum Beginn des Gedenktages erhebe ich mein Glas auf das Andenken unseres Landesvaters Hinrich Wilhelm Kopf.

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