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Marlen Haushofer: Die Wand

Dieses Buch hat mich begeistert und mitgerissen. Ich bin in den letzten Jahren ein träger und schlechter Bücherleser geworden, und wenn ich einen Roman in zwei Tagen verschlinge, wie seit Jugendtagen nicht mehr, so wird das schon etwas zu bedeuten haben – zumal, wenn es sich über weiter Strecken um ein Katzen-, gar ein Hundebuch handelt. Übrigens vermöchte ich mir kaum ein Buch vorszustellen, das Hunde, Kühe und Katzen freundlicher beschriebe, ohne sie im mindesten zu vermenschlichen – empathischer geht es kaum.

Ich bin durch die (wundersamerweise übrigens gelungene) Verfilmung aus dem Jahre 2012 aufmerksam geworden, sie lief vor zwei oder drei Wochen auf arte.

Eine Frau anfang vierzig sitzt zu Beginn der 60er Jahre allein im oberösterreichischen Gebirge fest. Seit zweieinhalb Jahren ist sie im Jagdhaus ihres Onkels und den umliegenden Tälern und Almen hinter einer glasartigen, aber gänzlich unsichtbaren Wand gefangen.1 Bei ihr sind nur ein Hund, eine Kuh und eine Katze. Jenseits der Wand scheint alles menschliche und tierische Leben erstorben. In dieser Einsamkeit (die sie übrigens nie als per se bedrückend bezeichnet) sorgt sie für ihr Überleben und das ihrer Tiere. Nun schreibt sie in einem traurigen Winter ihre Erinnerungen nieder, ohne viel Hoffnung zu haben, daß das Manuskript je gefunden werden könnte. (Eine umfänglichere Inhaltsangabe findet sich hier.)

Vergleiche zu Daniel Defoes Robinson und Knut Hamsuns Segen der Erde drängen sich auf. Wie Robinson Crusoe verschlägt es die Erzählerin in die Einsamkeit ferne der Zivilisation, wie der Isak im Segen der Erde hat sie sich im Gebirge alleine durchzubringen und Landwirtschaft zu betreiben. Aber Haushofers Buch ist gänzlich frei von der Rechthaberei, der Borniertheit und dem beißenden politischen Eifer Defoes und Hamsuns. Der Robinson ist eine Ode auf den Mittelstand, die schaffende bürgerliche Wohlanständigkeit und die Whig-Partei. Der Segen ist ein eiferndes faschistisches Traktat gegen die Moderne: alles Unheil der Welt fängt damit an, daß Frauen nicht nur das Herdfeuer hüten und Kinder kriegen, sondern anfangen zu denken und womöglich sogar lesen und schreiben lernen. Nichts davon in der Wand. Die Erzählerin kommt aus der Stadt und weiß irgendwann, daß sie nun in die Einsamkeit gehört – mehr nicht.

Ich lese, daß das Buch erst durch die Frauenbewegung der späten 70er so recht bekannt geworden sei. Aber Feminismus vermag ich in dem Werk maximal in homöopathischen Dosen zu finden. Eine Frau lebt mit einer Kuh, einem Hund und ein paar Katzen allein – das hat es historisch hunderttausendfach gegeben. Einen Mann hat sie nicht, ihre beiden fast erwachsenen Töchter sind „hinter der Wand“ und werden nur ein oder zweimal erwähnt. Ob sie Mann und Familie vermißt, erfahren wir nicht: Sie sagt es nicht, sie bestreitet es nicht. Sexuelle Regungen übrigens werden nur hinsichtlich ihrer Katzen und ihrer Rinder verhandelt. Zu Ende des Buches erschießt sie ohne zu zögern den plötzlich wie aus dem Nichts auftauchenden Mann, der ihr ihren Stier und ihren lieben Hund getötet hat. Und dieser verwahrloste und schmutzige Mann wird auch noch als ehemaliger Anzugträger und Großbourgeois beschrieben. Wenn das Feminismus sein soll: bitte sehr und gerne mehr davon.

Und den Feministinnen sei der Bezug auf das Buch auch durchaus gegönnt, denn ein sehr weibliches Buch ist Die Wand in der Tat: Die Detailverliebtheit der Erzählung, der haushälterische Sinn der Erzählerin (in der sich die Autorin ganz offensichtlich selbst portraitiert) und ihre sorgende, aber lakonische und unpathetische Emotionalität sind wohl nur einer Schriftstellerin zuzutrauen.

Der Roman ist nicht in Kapitel untergliedert, die Erzählung springt zeitlich hin und her, ohne daß dies je zu Verwirrung führen würde – im Gegenteil, durch die Zeitsprünge kommt das todtraurige Ende den Leser weniger hart an. Er ist vorbereitet.

Keine Robinsonade kommt ohne ein paar Tricksereien aus, ohne einige listige Begünstigungen ihres Protagonisten. Jedoch wird Haushofer hier nie so absurd wie Hamsun oder gar wie der schauderhafte Daniel Defoe. Der hauptsächliche Startvorteil der Erzählerin sind die üppigen Vorräte, die ihr Onkel aus Angst vor einem Atomkrieg in seinem Jagdhaus gehortet hat. Überhaupt ist das Buch ohne die Atomkriegsangst der frühen 60er Jahre (eine Zeit, in der sich auch Privatleute Atombunker unter ihren Häusern eingerichtet haben) kaum einzuordnen.

Wenn die Autorin detailverliebt und sorgsam ist, so darf es auch der Leser und Rezensent sein:

Zu Anfang des Buches (S. 67) bekommt die Erzählerin furchtbare Zahnschmerzen – ein Abszeß. Wie es damit weitergeht, erfährt der Leser nicht. (Worüber er freilich auch nicht unglücklich ist.) Ich habe mich die ganze Lektüre über gefragt, wie eigentlich in den zweieinhalb Jahren, angefüllt mit harter körperlicher Arbeit, ihre Schuhe gehalten haben. Erst auf S. 257 wird das ansatzweise und gleichsam entschuldigend aufgeklärt: Sie bezeichnet ihre Bergschuhe als „unverwüstlich“, neues Schuhwerk für die tägliche Arbeit in und bei dem Haus hingegen hat sie sich aus Rehfell geschneidert. Bitte sehr. Wie fällt sie eigentlich Bäume? Wie sie Holz sägt und hackt, wir geschildert, aber eben nicht das Fällen.

Überhaupt wundert man sich über die land- und forstwirtschaftlichen Kompetenzen der Erzählerin. Sie kommt doch aus der Stadt. Woher weiß sie, wann und wie man Kartoffeln setzt und Bohnen sät? Land umgräbt? (Ich selbst hätte das von meiner Großmutter lernen können, aber es hat mich als Kind nicht interessiert. Schade.) Woher weiß sie, wie man ein Reh schießt und wie man es ausnimmt? Wie man eine Kuh versorgt (was taugt als Streu, wenn man kein Stroh hat?), wie man melkt? Die Autorin ist eine Försterstochter und weiß das, aber ihre Heldin ist es offenbar nicht. Man erfährt nichts Näheres über den gesellschaftlichen Hintergrund der namenlosen Heldin – nur, daß sie irgendwie aus der höheren Bourgeoisie kommt, wird deutlich. Und hätte ein solches Stadtgeschöpf wirklich fast sofort begonnen, das Land zu bestellen, und hätte nicht erst einmal auf Wochen und Monate von den Vorräten gelebt und auf Hilfe gewartet?

Einerlei. Jedenfalls sieht die Autorin dankenswerterweise davon ab, ihre Heldin und damit sich selbst zu einem allwissenden Kräuterweiblein zu stilisieren, das um die Eßbarkeit oder Giftigkeit jeder Pflanze im Walde und auf der Alm wüßte und den Leser darüber belehrt. Mit Pilzen kennt sie sich nicht aus und läßt sie vorsichtshalber stehen. Ihre hauptsächliche Nahrung neben den Vorräten im Haus sind die Milch ihrer Kuh und Kartoffeln (das geht wirklich), dazu je nach Saison Brennessel-Gemüse, wilde Äpfel und Beeren.

Haushofer versteht es, die zwangsläufigen Ungereimtheiten einer Robinsonade geschickt dadurch abzufedern, daß ihre Heldin oft ihre eigenen Schwächen erwähnt: sie verstehe nicht viel (aber eben doch offensichtliche eine achtbare Menge) von der Landwirtschaft, sie sei nicht schwindelfrei (hinderlich im Gebirge), sie habe keinen Orientierungssinn (hinderlich überall) und so weiter.

Die Wand ist ein Loblied auf die Natur und die Tiere, auf die Verbundenheit von Menschen und Tieren (ihren Haustieren und dem Wild), auf die Stetigkeit und die Duldsamkeit. Und das alles ohne Pathos.

Ich empfehle diesen begeisternden und bewegenden Roman jedermann zur Lektüre. (Das schmierige, adjektivverseuchte und im allerunangenehmsten Sinne österreichische Nachwort der gelesenen Ausgabe, verfaßt von einem gewissen Klaus Antes, mag man bitte übersehen.)

 

Marlen Haushofer: Die Wand. Roman. Mit e. Nachw. v. Klaus Antes, 27. Aufl., Berlin: Ullstein, 2017, [In d. Ausg. zuerst 2004, Copyright 1968, Erstausg. 1963], 285 S., 10,- €

 

1) Daß sie zu Anfang ihrer Gefangenschaft vergeblich versucht, diese Wand mit dem Mercedes ihres Onkels einzurammen, ist übrigens ein Hinzuerfindung der Verfilmung – im Roman findet sich das nicht. Auch ist der Mercedes, der immer mehr vom Unkraut überwuchert und Mäusen und Vögeln zur Heimstatt wird, im Buch schwarz und nicht bordeauxrot wie im Film.

 

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