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Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika. Triumph und Tragödie des Haile Selassie

Dem deutschen Leser geht dieses Werk vielleicht weniger nahe als Asfa-Wossens berühmtes Manierenbuch von 2003 oder seine Schriften über Deutschland und die Deutschen (Deutsche Tugenden, Draußen nur Kännchen). Das Buch ist jedoch nicht nur dem, der gerne über Hoheiten liest, sondern auch dem, der sich für Afrika und seine Geschichte interessiert, eine ebenso belehrende wie kurzweilige Lektüre.

Und daß wir uns vielleicht alle etwas mehr für Afrika interessieren sollten, zeigt uns mittlerweile jeder Einkauf in einem deutschen Großstadt-Supermarkt, wenn der nicht gerade in einem grünen oder schwarzen Bonzenviertel liegt. Zwischenzeitlich (2016) hat Asfa-Wossen noch ein Buch mit dem Titel Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten veröffentlicht. Sobald es als Taschenbuch erschienen ist, und das dürfte bald geschehen, lese ich es möglicherweise.

Niemand wird von Asfa-Wossen Asserate eine historiographische Neutralität auch nur vorschützende Biographie Haile Selassies I. erwarten. Bekanntlich ist er ein Großneffen des letzten Kaisers von Äthiopien. Sein Vater Leul-Ras Asserate Kassa war der letzte Präsident des Kaiserlichen Kronrates, sein Großvater Leul-Ras Kassa Hailu1 war einer der wichtigsten äthiopischen Fürsten und (im Gegensatz zu zahlreichen seiner Standesgenossen) von Anfang ein wichtiger Verbündeter des Kaisers im Inneren.

Die Tatsache, daß Asfa-Wossen hier kein Historiker sein kann, macht aber auch gerade einen der Reize des Buches aus. Als Historiker müßte er den Mythos von der dreitausend Jahre alten Salomonischen Dynastie, den angeblichen Nachkommen von König Salomon und der Königin von Saba, zumindest kritisieren. Als Zeitzeuge und Verwandter seines Protagonisten muß er das nicht und macht es auch nicht. Er kann es sich auch leisten, ab und zu in einen Stil zu verfallen, den man hierzulande früher wohl orientalisch genannt hätte: So ergeht er sich gelegentlich in recht langen Aufzählungen von Namen – wie ein vormoderner Chronist.

Um aber hier Mißverständnissen vorzubeugen: Das Buch ist, bei aller Verehrung und Bewunderung Asfa-Wossens für Haile Selassie, keineswegs nur Heldenverklärung oder gar Verkitschung des Kaiser. Asfa-Wossen sieht (zumindest bis zu einem gewissen, nicht unwesentlich Grade) durchaus die Schwächen Haile Selassie und macht sie auch namhaft.

Als Ras Tafari Makonnen im Jahre 1916 seine fast sechzigjährige Herrschaft beginnt – zunächst als Regent, ab 1930 dann als Kaiser Haile Selassie I. –, ist das äthiopische Kaiserreich eine mittelalterliche Feudalmonarchie, was die Machtstrukturen anbelangt vergleichbar dem Heiligen Römischen Reich des Späten Mittelalters. Der Negusa Negast, der „König der Könige“, der Kaiser, ist tatsächlich kaum mehr als Primus inter pares unter den mächtigen Provinzfürsten und von ihrem Wohlwollen abhängig. Mit großer Zähigkeit, politischem Geschick, Umsicht und einem unermüdlichen Arbeitseifer stellt Haile Selassie die Fürsten in den folgenden Jahrzehnten peu à peu kalt und etabliert sich als absolutistischer Monarch. Er treibt (aufbauend auf dem Werk seines großen Vorgängers Meneliks II., 1844-1913) die Modernisierung Äthiopiens voran, baut Straßen, Schulen, Krankenhäuser und Flugplätze. (Angeblich war er der erste Äthiopier überhaupt, der ein Flugzeug bestiegen hat, jedenfalls war er luftfahrtbegeistert.)

Mit patriotischer Härte und auch großem persönlichen Mut führt der Kaiser in den Jahren 1935-1941 den Widerstand gegen die barbarische Invasion des faschistischen Italiens. Die Faschisten hausen bestialisch in Äthiopien: sie setzen Giftgas ein, auch gegen die Zivilbevölkerung, und bemühen sich mit großem Erfolg, die neue, moderne Elite, die Haile Selassie in den Jahren vor dem Krieg herangezogen hatte, wieder auszurotten. Etwa eine halbe Million Äthiopier kommt zu Tode. Mussolinis Schergen können sich hier einmal so richtig austoben – und ferner zumindest eine Weile lang die militärischen Kompetenzen Italiens demonstrieren, was ihnen auf allen europäischen Kriegsschauplätzen bekanntlich verwehrt geblieben ist.

Haile Selassie I., ca. 1965

Nach dem Krieg setzt der Kaiser sein Modernisierungswerk im Inneren fort und laviert im Äußeren mit Geschick und einigem Erfolg zwischen den Großmächten. Im Inneren wie im Äußeren beherrscht er das Devide et impera, das A und O aller Politik. Er wird ein der wichtigsten Symbolfiguren der afrikanischen Unabhängigkeit und einer ihrer Väter.

Jedoch verliert er im Laufe der Jahrzehnte auch immer mehr die Fähigkeit, seine Lage und die seines Vaterlandes realistisch einzuschätzen. Er will die Modernisierung Äthiopiens mit vormodernen Mitteln erreichen – nämlich mit denen des Absolutismus. Er will alles selber machen – wie der Alte Fritz zwei Jahrhunderte zuvor in Preußen versucht er, ausschließlich persönlich zu herrschen: mit Audienzen, Besuchen und Inspektionsreisen. Die Bedeutung einer Ministerialbürokratie für einen modernen Staat hat er nie begriffen, die Einführung einer konstitutionellen Monarchie lehnt er kategorisch ab. (Obwohl Äthiopien gerade auf sein Betrieben schon sehr früh eine Verfassung bekommen hat – aber wohl mehr um des modernen Scheins Willen.) Die Regelung seiner Nachfolge verabsäumt er bis zum Schluß – wie so viele starke Männer hält er seine Söhne für Schwächlinge.

Als Haile Selassie im Jahre 1924 seine erste Auslandsreise unternimmt (er besucht inkognito auch das damals noch geächtete Deutschland), ist das für äthiopische Verhältnisse geradezu revolutionär. (Um den erwartbaren Umsturzversuchen während seiner monatelangen Abwesenheit vorzubeugen, nimmt er die wichtigsten Aufruhr-Kandidaten einfach mit auf die Reise.) In den letzten Jahrzehnten seiner Herrschaft wird er zum Reise-Kaiser, der schließlich fast jeden Staat der Erde besucht hat. Er ist eine Persönlichkeit, die jeder auf der Welt kennt. Die Mißstände in der Heimat hingegen nehmen zu. Die schreckliche Hungersnot in den nördlichen Provinzen in den frühen 70er Jahren wird bei Hofe und vom Kaiser kaum mehr zur Kenntnis genommen. Auf dem Land ist alles fast so geblieben, wie es immer war – die dringend gebotene Landreform zugunsten der abhängigen Landpächter wurde nie in Angriff genommen.

Und natürlich: Die Studenten rebellieren, wir sind in den 60ern und 70ern. Der Kaiser versteht es nicht: Er selbst hatte ihnen doch erst das Studium im Ausland ermöglicht!

Es gibt im Umfeld Haile Selassies zahlreiche Getreue, die die Mißstände sehen (nach Darstellung Asfa-Wossen Asserates gehört dazu auch sein Vater Asserate Kassa) und die doch nichts gegen den Starrsinn des Kaiser vermögen und meist lieber schweigen.

Die Macht Haile Selassies erodiert, schließlich kollabiert seine Herrschaft im Jahre 1974, ein Jahr später stirbt er im Hausarrest.

Der Titel des Buches ist wohl ein bißchen arg bombastisch geraten. Wurde er zum Zwecke der Verkaufsförderung vom Verlag gewählt? Der letzte Kaiser von Afrika. Da fragt man sich schon, wer denn der erste Kaiser von Afrika gewesen sei – aber Haile Selassie war ja gar nicht Kaiser von Afrika, sondern ein Kaiser in Afrika, nämlich der von Äthiopien. Aber das mag Rechterei sein.

Gewidmet ist die Biographie der Urgroßmutter Asfa-Wossens, der Kaiserin Menen Asfaw, Ehefrau Haile Selassies. Aber wie kann Asfa-Wossen der Großneffe des Kaisers, aber der Urgroßenkel der Kaiserin sein? Ganz einfach und doch etwas überraschend: Menen war vor ihrer Ehe mit Ras Tafari schon zweimal verheiratet, aus jeder Ehe stammen zwei Kinder. (Mit Haile Selassie hat sie weitere sechs Kinder.) Ein Stammbaum in Anhang hilft ein wenig beim Durchschauen der weitläufigen Verwandtschaftsverhältnisse im äthiopischen Kaiserhaus, freilich nicht bei der Klärung der erwähnten Verständnisschwierigkeit. Zumal man – wieder einmal – ein Personenregister vermißt. Ja, seine Erstellung hätte Arbeit gekostet, freilich auch nicht gar zuviel Arbeit. Für einen renommierten Verlag wie Propyläen sollte derlei Ehrensache sein. Wie prächtig hingegen der Schutzumschlag! Das sind wirklich sehr gute Bildbearbeitung (=Kolorierung) und Graphikdesign.

Es finden sich im Anhang dankenswerterweise ein Glossar zur Aufschlüsselung der äthiopischen Fachbegriffe und eine Übersicht über die diversen äthiopischen Fürstentitel. Sehr gut, aber wären hier vielleicht nicht noch einige Hinweise zur Aussprache des Amharischen angezeigt gewesen? Wie man Ras (Herzog, Fürst) so ungefähr ausspricht, kann man sich vorstellen, aber Dejazmatch (Graf)?

Ich habe dieses Buch mit Gewinn gelesen – mangels Kenntnissen der äthiopischen Geschichte vermag ich es jedoch kaum einer detaillierteren und angemesseneren Kritik als der hier versuchten zu unterziehen.

 

Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika. Triumph und Trägodie des Haile Selassie, 3. Aufl., Berlin: Propyläen, 2015, 414 S., 24,99 €, [Seit 2016 auch als Taschenb., 12,99 €].

 

1) Diese Abfolge vom Großvater über den Vater auf den Enkel demonstriert übrigens sehr schön das patronymische äthiopische Namenssystem. Es folgt dem Schema „Persönlicher Name – Persönlicher Name des Vaters“. Familiennamen gibt es nicht. Daß ich Asfa-Wossen Asserate hier kurz als Asfa-Wossen bezeichne, ist also keineswegs mit dem linksautonomen Brauch zu verwechseln, in Deutschland lebende Afrikaner grundsätzlich mit Vornamen anzuquatschen. Es kündet lediglich von meinem Stolz, das System verstanden zu haben.

Bildquelle des Kaiserportraits: Wikipedia.

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