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Leo Brawand: Die Leute vom Damme

Der Damm, das ist der Engelbosteler Damm, die Hauptstraße des Hannoveraner Stadtteils Nordstadt. Dort hat der Verfasser dieser Zeilen in den 80er und 90er Jahren seine Jugend verbracht. Brawand auch, dieser freilich in den 30er und 40er Jahren.

Leo Brawand, Jahrgang 1924, war kein (oder jedenfalls: nicht nur ein) Heimatforscher und Lokalpatriot. Er hat 1946 zur Gründungs-Redaktion des Spiegels (der ja in Hannover gesessen hat) gehört. Als Rudolf Augstein während der Spiegel-Affäre 1962 einige Monate im Kittchen gesessen hat, hat Brawand ihn als Chefredakteur vertreten. Es gibt die Anekdote, daß er sich während der Durchsuchung der Spiegel-Redaktion am 26. Oktober 1962 schnell mit einem Telefon im Schrank versteckt und so die Presse alarmiert habe – dieses Dönecken läßt sich natürlich auch der Film „Die Spiegel-Affäre“ von 2014 nicht entgehen.

Ab 1972 war Brawand dann Chefredakteur des Manager-Magazins.

Aus diesen biographischen Details wird wohl deutlich, daß da jemand schreibt, der auch schreiben kann.

Ob das Buch freilich trotz seines gefälligen und amüsanten Stils auch für jemandem von Interesse ist, der keinen persönlichen Bezug zum Stadtteil hat? Ich kenne buchstäblich jede Straßenecke, von der da die Rede ist. Im Erdgeschoß des Hauses Nr. 45, in dem Brawand mit Mutter (zeitweilig auch mit Vater) und zwei Schwestern gewohnt hat, ist heute mein Stammfahrradladen Fleischmann, rechts daneben mein Zahnarzt. Hinterm Haus liegt der Schulhof der Lutherschule, auf der ich 1987 Abitur gemacht habe. Das Buch tangiert mich also mehr als andere.

Von übergeordnetem Interesse mag sein, wie da ein Stadtteil sein Gesicht verändert hat: durch die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs und durch die gewaltigen soziologischen Veränderungen, die seitdem eingetreten sind (und um die es bei Brawand nicht mehr geht).

In Brawands Jugend war die Nordstadt ein Arme-Leute-Stadtteil. Die Klos auf halber Treppe oder gar noch in den Hinterhöfen. Man wählt SPD oder KPD. Die Straßen werden von Horden von Gassenjungen bevölkert – von „Dammer Butjern“. Über die Nazis gibt es gelegentliches Gemurre, aber keinen ernstzunehmenden Widerstand.

Heute ist die Nordstadt ein sich für schick haltendes Multikulti-Viertel: viele Studenten, viele Ausländer, viele Kneipen, viele etwas merkwürdige Leute. Immer noch ein paar Punks wie zu Zeiten der Chaostage. Auch immer mehr grüne Gentry, besonders in den sanierten Altbauten westlich des Engelbosteler Damms; nach Norden hin wird die Gegend schäbbiger, der Ausländeranteil entsprechend höher. Östlich des E-Damms wohnen für Nordstädter Verhältnisse relativ viele Normalos: Die Häuser dort wurden im Krieg komplett zerstört und dann in den 50er Jahren wieder aufgebaut – entsprechend unspektakulär ist das Bild der Straßenzüge.

Die Bezeichnung „auffem Damme“ konnte man, als ich dort gewohnt habe, nur noch von alten Leuten hören. Spätestens in den 70er Jahren hatte sich die Bezeichnung E-Damm, „auffem E-Damm“ durchgesetzt – ein feinsinniges Wortspiel, das freilich die allgemeine Bekanntheit und Verfügbarkeit von Edamer Käse voraussetzt, also erst frühesten zu Zeiten des Wirtschaftswunders aufkommen konnte.

Recht impressiv (freilich auch wiederum nicht singulär) sind die Schilderungen der proletarischen Lebensverhältnisse in der späten Weimarer Republik: die Enge der Wohnungen, das unbekümmerte Verhältnis der Leute zum Alkohol, ihr grober und oft obszöner Humor, die Schmutzigkeit der Kinder.

Immerhin, jedem, der die Nordstadt kennt und mag, ist dieses Buch unbedingt zu empfehlen. Es ist noch lieferbar. Der Autor ist 2009 im Alter von 84 Jahren gestorben.

 

Leo Brawand: Die Leute vom Damme. Familiäres und Geschichtliches aus Hannover, Hannover: Leuenhagen & Paris, 1998, 289 S.

 

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