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Der Reformationstag als Feiertag in Niedersachsen? Nein!

Seit einigen Monaten wird hier in Niedersachsen und in einigen anderen norddeutschen Bundesländern darüber diskutiert, den „Reformationstag“, also den 30. Oktober, zum gesetzlichen Feiertag zu machen. Noch ist die Sache nicht vom Landtag beschlossen, aber es wird wohl so weit kommen. Ich bin dagegen. Warum?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, daß es in Deutschland eher zuwenige als zuviele Feiertage gibt. Und gerade Niedersachsen ist mit nur elf gesetzlichen Feiertagen unter den Schlußlichtern in der BRD. Dennoch kann und sollte hier gerade der Reformationstag keine Abhilfe schaffen.

Natürlich geht es mir nicht um das lächerliche politisch-korrekte Gemeckere der Bien-pensants über Luthers antisemitische und angeblich frauenfeindliche Äußerungen.

Aber auch wenn Niedersachsen historisch mehrheitlich vom lutherischen Protestantismus geprägt sein mag, so ist es doch kein evangelisch-lutherisches Bundesland – eine Systematisierung, de meinetwegen für Sachsen als Ursprungsland der Reformation gerade noch durchgehen mag.

Heute sind nicht einmal die Hälfte der Einwohner Niedersachsens mehr evangelisch. Aber dieses statische Detail scheint mir ebensowenig entscheidend wie seine vielfältigen Ursachen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Zuwanderung von katholischen Flüchtlingen nach 1945, Einwanderung aus dem Süden von den ersten Gastarbeitern bis zur Großen Invasion von 2015, Binnenmigration durch Mobilisierung der Gesellschaft, allgemeine Säkularisierung nach 1945, gerade nach „1968“. In Sachsen sind gar nur 21 % der Bevölkerung evangelisch, 73 % sind konfessionslos – dennoch scheint mir der Reformationstag als Feiertag in Sachsen zumindest nicht historisch absurd, wohl aber in Niedersachsen.

Und damit komme ich nun zu meinem eigentlichen Punkt: Die Gebiete des heutigen Bundeslandes Niedersachsen sind historisch keineswegs monokonfessionell evangelisch-lutherisch! Es gibt einige, sehr kleine evangelisch-reformierte Ecken in Niedersachsen, ferner gibt es den bemerkenswerten historischen Sonderfall des katholisch-evangelisch gemischten ehemaligen Bistums Osnabrück, schon vor 1803 unter starkem welfischen Einfluß, ab 1803 dann endgültig zu Kur-Hannover.

Und vor allem gibt es auch einige traditionell katholische (sehr katholische!) Gegenden im heutigen Niedersachsen, die ebenfalls durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 an evangelische (welfische oder oldenburgische) Landesherren gekommen sind. Dies betrifft einige kleinere Gegenden südlich von Hannover, die vor 1803 zum Bistum Hildesheim gehört hatten. Und vor allem geht es hier um die Hinterlassenschaften des Niederstifts Münster, das gemeinsam mit dem Oberstift Münster (das eigentliche Münsterland im heutigen Nordrhein-Westfalen) bis 1803 das Hochstift Münster, also das Fürstbistum Münster, gebildet hat. Das betrifft erstens die stockkatholischen (und heute sehr reichen) Landkreise Vechta und Cloppenburg, das „Oldenburger Münsterland“ – feste Burgen und Wehren der niedersächsischen Massentierhaltung und Gülleproduktion. Zweitens betrifft es das Emsland ganz im Westen Niedersachsens, das 1803 an die Hannoveraner Welfen gefallen ist.

Man muß die Südoldenburger nicht mögen, kann aber schwerlich leugnen, daß es sie gibt. Und wegen der auch auf regionaler Ebene typischen Wanderungen von den Peripherien ins Zentrum gibt es seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert auch in der Stadt Hannover eine nennenswerte katholische Minderheit. Ludwig Windthorst, der bedeutende Zentrumspolitiker und nebst August Bebel wichtigste innenpolitische Gegenspieler Bismarcks, ist in Hannover bestattet. (Und zwar in St. Marien in Hannovers Nordstadt – ich habe in meiner Jugend neben dieser Kirche gewohnt.)

Von einem rein historisch-kulturellen Standpunk aus (und nur um den geht es mir hier) ist es mithin genauso falsch wie von einem statistischen Standpunkt aus, Niedersachsen als evangelisch-lutherisches Land einzuordnen. Ganz offensichtlich versuchen hier die Evangelischen Landeskirchen etwas von dem von ihnen selbst herbeigeredeten bzw. imaginierten „Schwung des Reformationsjahres“ zu perpetuieren – und hirnlose und geschichtsvergessene Politiker spielen wie üblich mit.

Der Reformationstag kann in Niedersachsen billigerweise kein gesetzlicher Feiertag werden, es sein denn, man führte auch einen rein katholischen Feiertag wie etwa Allerheiligen als gesetzlichen, landesweiten Feiertag ein. (Von letzterem Vorschlag wäre allerdings der Hannoveraner Einzelhandel keineswegs begeistert – die verdienen sich, trotz der Aufweichung der Ladenschlußgesetze, immer noch eine goldene Nase, wenn an Allerheiligen Horden von Ostwestfalen zum Einkaufen in die Innenstadt Hannovers einfallen.)

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