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Hans Conrad Zander: Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition

Einige Historiker (nicht alle) kennen den Begriff Leyenda negra – historischen Laien hingegen sagt er in der Regel nichts. Das ist bedauerlich, wird mit Schwarzer Legende doch seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine der langandauerndsten und wohl auch erfolgreichsten Propagandakampagnen der europäischen Geschichte bezeichnet. Es geht in und mit ihr um die dauerhafte Zerstörung des Rufes und des Ruhmes Spaniens durch seine äußeren Feinde – zunächst durch die Holländer, dann durch die Engländer und die US-Amerikaner.

Die Schwarze Legende unterschlägt die einzigartige kulturelle, militärische, politische und religiöse Blüte Spaniens in seinem Goldenen Zeitalter, dem 16. und frühen 17. Jahrhundert, und unternimmt es erfolgreich (jedenfalls außerhalb Spaniens), die Erinnerung daran auszulöschen. Spanien wird als Hort der klerikalen Reaktion, des Obskurantismus, der Grausamkeit, der Hinterwelterei, Debilität und Verschlagenheit diffamiert. Geradezu rostfreie Sargnägel für das Image Spaniens sind dabei bis heute der Herzog von Alba (tatsächlich einer der bedeutendsten Feldherren der europäischen Kriegsgeschichte) und natürlich und vor allen Dingen die Spanische Inquisition.

Der Schweizer Essayist, katholische Satiriker und Hörfunkautor (Wie soll man ihn bezeichnen? Er ist eben ein Unikum.) Hans Conrad Zander versucht sich in seiner Kurzgefassten Verteidigung der Heiligen Inquisition an einer Ehrenrettung der Spanischen Inquisition und der anderen Inquisitionen, nämlich der päpstlichen Inquisition des Hohen Mittelalters und der römischen Inquisition. Letztere gibt es unter dem Namen Kongregation für die Glaubenslehre bekanntlich bis heute – wenn auch mit gegenüber der Frühen Neuzeit erheblich veränderten Arbeitsprinzipien und Kompetenzen.

Zander wählt für seine Verteidigung diese Erzählperspektive: Es spricht der Großinquisitor, der insgesamt fünf Vorträge hält. Zeitlich und geographisch präzisiert wird seine Herkunft nicht. Das ist natürlich eine Anlehnung an den Großinquisitor in Dostojewskis Brüder Karamasow – freilich mit der umgekehrten Stoßrichtung. Gelegentlich unterbrochen wird der Zandersche Großinquisitor durch die Unmutsäußerungen und Zwischenrufe des linksliberal oder auch liberal deutsch-katholisch zu denkenden Publikums.

Es handelt sich um folgende Vorträge, also Kapitel des Buches:

  1. Die Heilige Inquisition war jung und fortschrittlich. S. 6-42. – Es geht um die Begründung der Päpstlichen Inquisition im Zeichen der Ausbreitung des Katharertums in Südfrankreich und um die Betrauung des Dominikaner-Ordens mit der Inquisition.
  2. Die Heilige Inquisition war frauenfreundlich. S. 43-72. – Es geht um das energische und erfolgreiche Einschreiten der Spanischen Inquisition gegen den aus Deutschland stammenden, via Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien vordringende Hexenwahn.
  3. Die Heilige Inquisition war effizient. S. 73-116. Es geht vor allem um die für ihre Zeit sehr modernen und humanen Untersuchungsmethoden der Inquisition und die außerordentlich niedrige Zahl ihrer Opfer. Vermutlich siebenhundert Todesurteile in dreieinhalbhundert Jahren Geschichte der Spanischen Inquisition – China allein schafft heute in einem Jahr mehr, wie Zander irgendwo feststellt.
  4. Die Heilige Inquisition hatte recht. S. 117-153. Es geht um die Causa Galilei.
  5. Die Heilige Inquisition war heilig. S. 154-192. Es geht um Pius V. alias Michele Ghislieri (1504, 1566-1572), den „Großinquisitor auf dem Papstthron“.

Um es ganz deutlich zu sagen: Für jemandem, der sich auch nur halbwegs ernsthaft mit der Geschichte der Inquisitionen befaßt hat, sind die von Zander namhaft gemachten Fakten nichts Neues. Es kommt aber Zander das Verdienst zu, sie in lesbarer, oft ironischer und auch überspitzter Form (eben in der einzigartigen Zander-Schreibe) auf den Punkt gebracht zu haben.

In diesem Sinne scheint mir das zweite Kapitel, das über die Hexen, das wichtigste. Bis heute finden sich – leider nicht nur im Internet, sondern auch in den Vorstellungen des Volkes bis weit in die Höheren Stände hinein – diese jeder historischen Grundlage entbehrenden, halbpornographischen Spukgespenster von „von der Spanischen Inquisition“ gefolterten „Hexen“. Komischerweise sind auf ihren bildlichen Darstellungen ihnen grundsätzlich junge, barbusige Frauen zu sehen – protestantische Spießerphantasien von leider bis heute außerordentlicher historischer Wirkungsmächtigkeit. Es sei wiederholt: Die Spanische Inquisition hat den Hexenwahn mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft. Und in Italien, also im Machtbereich der Römischen Inquisition, wurde nachweislich keine einzige „Hexe“ verbrannt – zehntausende von Frauen und Männern verdanken in diesem Sinne der Inquisition ihr Leben.

Trotzdem [obwohl die Spanier nicht weniger abergläubig waren als die Deutschen, KB] ist es eine historische Tatsache, dass mit dem Hexenwahn aus Deutschland, als er sich über Frankreich verbreitete, an den Pyrenäen Schluss war. Am spanischen Charakter lag das nicht. Am Zufall noch viel weniger. Eine ganz präzise Massnahme hat Spanien den deutschen Hexenwahn erspart: Die Inquisition war an den Pyrenäen eingeschritten und hatte dem wahnsinnigen Import beizeiten ein drastisches Ende bereitet. Die wahre Inquisition. Die echte Inquisition. Ich spreche ihren Namen mit Ehrfurcht aus:

Die Heilige Spanische Inquisition.

S. 59

Ziemlich vierschrötig fällt das Kapitel über Galileo Galilei aus. Rücksichtlos (freilich auch nicht zu Unrecht) hackt Zander ein Bild von Galilei als borniertem Rechthaber, Scharlatan und Hochstapler hin. „Der Großinquisitor“ bedauert, daß die „Softies“ vom Jesuitenorden mit dem Fall betraut wurden, und läßt keinen Zweifel daran, daß er selbst Galilei hätte verbrennen lassen. Das Publikum tobt vor Wut.

Überhaupt sind die empörten Zwischenrufe des liberalen Publikums eines der amüsantesten Stilmittel Zanders, dessen er sich ruhig noch häufiger hätte bedienen sollen. Luzide gut gesehen ist zum Beispiel dies hier: Der Großinquisitor bezeichnet sich mehrmals als Bewunderer Karl Poppers. Aus dem Publikum kommt jeweils der Zwischenruf: „Sir Karl Popper!“ Prächtig wird mithin die kaum versteckte Obrigkeitshörigkeit des deutschen Linksliberalismus aufgezeigt. Genau so funktionieren Linksliberale: Ihr Lebensprinzip ist das Treten nach unten und das Katzbuckeln nach oben.

Etwas weniger amüsant hätte hingegen der Schutzumschlag des Bandes ausfallen dürfen: Gut, es ist ein witziges Buch und soll eines sein – aber das Umschlagbild ist einfach nur albern; es ist viel zu kraß und wird dem Buch nicht gerecht.

Hin- und mitreißend das fünfte Kapitel über Pius V. Aus einfachsten bäuerlichen Verhältnissen in der Lombardei stammend, steigt Michele Ghislieri im Dominikaner-Orden zum Großinquisitor auf. Als Papst (schon als todkranker Mann) mistet er (im übertragenen und im wörtlichen Sinne) in Rom aus, wird ferner zum eigentlichen Architekten der gegen die Osmanen gerichteten Heiligen Liga (Spanien, Venedig, einige kleinere italienische Seestädte), deren kurze Existenz in dem gewaltigen Sieg über die Türken in der Seeschlacht bei Lepanto am 7. Oktober 1571 kulminiert. Pius V. schmiedet die Allianz, der strahlende Held Don Juan de Austria – illegitimer Sohn des großen Kaisers Karls V., der als Karl I. König von Spanien war, mit einer Regensburger Handwerkertochter – führt sie in die siegreiche Schlacht.

Wußten Sie übrigens, daß die Kongregation für die Glaubenslehre einen Betriebsfeiertag hat? Es ist dies der 30. April, der Gedenktag Pius’ V. (Übrigens ist der 30. April auch der Camerone-Tag der Fremdenlegion, der Tag vor der Walpurgisnacht und der Jahrestag der Einnahme Saigons durch den Vietkong. War viel los da – aber das gehört eigentlich nicht hierher.)

Wer dieses Büchlein in sein Herze schließen will, so wie wir es getan haben, muß sich mit der kuriosen Schweizer Rechtschreibung arrangieren: Gute Witze und kluge Bemerkungen – auch einige Tritte gegen die „Bischöfin“ Margot Käsemann, das Merkel-Wesen, den Dalai Lama und weitere Lieblinge der BRD-Bien-Pensants – findet man in dem Buch zuhauf, ein ß hingegen sucht man vergebens.

 

Hans Conrad Zander: Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition. Es spricht der Großinquisitor, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2007, 191 S.

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