Ich empfehle leidlich guten Gewissens die Lektüre eines Interviews mit Jorge Semprún im Spon. Gefunden hat’s Amyklai- und Spon-Leser frei_sein.
Danke!
Eher amüsant ist zunächst einmal diese Anekdote:
Bei den Prozessionen zur „Semana Santa“, zur Karwoche, in Sevilla wird die Statue der Jungfrau von Macarena durch die Straßen getragen. Niemand erinnert daran, dass diese Statue noch heute, nach all den Jahren, bei den Prozessionen die Schärpe von Francos General Queipo de LLano trägt. Queipo de LLano ist der General, der Sevilla angegriffen hat, der für seine Unterdrückung und seine faschistoiden Ansichten bekannt war.
Aber hiermit hat Semprún ohne Zweifel völlig recht:
SPIEGEL ONLINE: Der Chef der konservativen Volkspartei PP, Mariano Rajoy, ist der Meinung, dass Wunden wieder aufgerissen werden, die mühsam geschlossen wurden.
Semprún: Als ob keine Wunden aufgerissen werden, wenn die PP und die Bischöfe zuhauf an Zeremonien zur Seligsprechung teilnehmen! Natürlich reißt das auch Wunden auf. Aber an die Verletzungen, die Franco und die Rechten dem spanischen Volk zugefügt haben – daran darf man nicht erinnern. Auch die Kirche hat sich immer noch nicht kritisch distanzieren können von ihren Positionen des Bürgerkriegs. Sie sieht den Krieg immer noch als Kreuzzug.
Natürlich. Diese „Seligsprechungen“ sind eine direkte Provokation der spanischen Mehrheitsgesellschaft durch die Dunkelmänner. Und man mag von Baltasar Garzón halten, was man will – man darf sich eben nicht wundern, wenn „die Linken“ dann auch austeilen.
Und überhaupt, dieses ewige Gejammer über die vor dem Bürgerkrieg und während des Bürgerkrieges ermorderten Pfaffen und Nönnlein – es nervt. Natürlich, ein Mord bleibt ein Mord. Aber als Historiker muß man auch nach den Ursachen des mörderischen Hasses vieler Spanier jener Tage auf die Kirche fragen, und kommt dann kaum umhin, an das Leid zu erinnern, daß die RKK im Laufe vieler Jahrhunderte über Spanien gebracht. Das fängt mit der kulturellen und wirtschaftlichen Zerstörung Andalusiens durch die sogenannte „Reconquista“ keineswegs an und hört mit der Rolle der Kirche als Stütze der spätfeudalen Gesellschaftsordnung Spaniens im 19. Jahrhundert nicht auf.
Das Ruhrgebiet ist auch katholisch, und dennoch gehen die Roten dort z.B. im Nachkrieg nicht den Pfaffen an die Gurgel. Wohl aber in Spanien. Warum wohl?


Also ich halte es durchaus für zweifelhaft, daß die Kommunisten nur deswegen die Nonnen vergewaltigt und ermordet haben, weil sie ein Zeichen gegen die Reconquista setzen wollten
Insgesamt kann man aber vermutlich trotzdem mit einiger Berechtigung Parallelen zu Rußland zur Zeit der bolschewistischen Revolution bzw. zum Südamerika der Nachkriegsära ziehen, wo sich die Kirche durch das Bündnis mit – sagen wir mal – überholten Machteliten geschadet hat.
Im von Dir erwähnte Ruhrgebiet, das ja preußisch dominiert war, spielte die RKK logischerweise eine völlig andere Rolle, war selbst ja teilweise schon „Feindpartei“ im Rahmen des Kulturkampfes und konzentrierte sich sicherlich stärker auf soziale Fragen, also die Umsetzung der katholischen Soziallehre, als in anderen Staaten. Daher fiel sie als primäres Haßobjekt sicherlich aus.
Unabhängig von ihrer tatsächlichen Rolle war die Kirche sowohl in Rußland, als auch in Spanien durch die nahezu 100%ige Identifizierung mit dem Staat natürlich auch das primäre ideologische Ziel für diejenigen, die diesen „alten“ Staat abschaffen und eine neue, säkulare Heilsbotschaft verkünden wollten. In Frankreich kooperierten nicht wenige Kleriker mit der Revolution, wir kennen das ja auch aus Südamerika, trotzdem wurde die Kirche nie als mögliche Verbündete sondern (natürlich) als Feind begriffen, da man eine eigene Ideologie durchsetzen wollte.
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Allerdings sehe ich auch keinen Grund dafür, zu fordern die Kirche solle sich von ihrer Haltung im Bürgerkrieg distanzieren. Dieses ständigen Forderungen, man solle sich distanzieren, etwas aufarbeiten, sich entschuldigen oder ähnliches, sind nervig und :übel:
Eben.
(Und das sollten sich auch die Leute mal klarmachen, die für eine Steinzeit-Katholizismus a la NGD schwärmen.)
Natürlich.
Außerdem muß man sicher noch erwähnen, daß sich die Lage in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich darstellt. Auch in Frankreich gibt es ja schon vor der Aufklärung und der Revolution – vielleicht wirklich bis ins Mittelalter zurückreichend, ich bin mir nicht sicher – sehr unterschiedlich fromme Region.
Aber mich nervt eben das Insistieren. Und diese kitschig kolorierten, nichtssagenden Pfaffen-Visagen, die man bei diesen „Seligsprechungen“ zu sehen bekommt, die nerven mich auch.
Noch zu dem von fs:
Systematische Vergewaltigung von Frauen in eingenommenen Städte war bekanntlich eine Spezialität der Franco-Truppen, ebenso die allfälligen Blutbäder und Massenexekutionen bei diesen Gelegenheiten. (Nun haben die Roten allerdings auch weniger Städte eingenommen, zugegeben, hatten mithin weniger Gelegenheit dazu.)
Der von Semprún erwähnte Queipo de Llano (zeitweise so eine Art Propagandaminister der Rechten) hat in seinen besoffenen Radio-Ansprachen höhnische Witze über die Massenvergewaltigungen gemacht. So in dem Sinne: „Ihr wolltet doch die freie Liebe, da habt ihr sie.“
Und nun ist er tot, der Semprún…