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Die Madonna des Jehan Fouquet

Jean Fouquet: MadonnaScipio hat gestern in seinem Weblog ein besonders hübsches Marienbildchen veröffentlicht. Aus diesem Anlaß möchte ich hier unbedingt auch auf die um 1456 entstandene Antwerpener Madonna des Jean Fouquet hinweisen.

Sein Namensvetter Jehan Huizinga hat zu diesem bemerkenswerten Bilde folgendes gesagt:

Hier kommt es entschieden zu jener gefährlichen Annäherung des religiösen und des erotischen Fühlens, die die Kirche in dieser Form aufs äußerste fürchtete. Nichts veranschaulicht vielleicht jene Berührung so lebendig wie die Jean Fouquet zugeschriebene Antwerpener Madonna, die einst im Chor der Liebfrauenkirche zu Melun als Diptychon mit dem jetzt zu Berlin befindlichen Schreinflügel vereinigt war, der den Stifter Etienne Chevalier, den Schatzmeister des Königs, mit dem heiligen Stephanus darstellt. Eine alte, im siebzehnten Jahrhundert durch den Altertumskenner Denis Godefroy aufgezeichnete Tradition will wissen, daß die Madonna die Züge der Agnes Sorel trägt, der königlichen Mätresse, für die Chevalier eine unverhohlene Leidenschaft empfand. Es ist in der Tat, bei allen hohen malerischen Qualitäten, eine Modepuppe, die wir vor uns sehen, mit der gewölbten, kahlgeschorenen Stirn, den weit auseinanderstehenden kugelrunden Brüsten, der hohen, dünnen Taille. Das Bizarre des hermetischen Gesichtsausdruckes, die steifen roten und blauen Engel, die sie umringen, alles trägt dazu bei, dem Gemälde einen Hauch dekadenter Gottlosigkeit zu verleihen, von dem die kräftige, schlichte Darstellung des Stifters und seines Heiligen auf dem anderen Schreinflügel wunderlich absticht. Godefroy sah auf dem blauen Samt eines breiten Rahmens den Anfangsbuchstaben E in Perlen, immer wieder durch Liebesbänder (lacs d‘amour) aus Gold- und Silberfäden verbunden. Liegt in dem Ganzen nicht eine blasphemische Freimütigkeit dem Heiligen gegenüber, die durch keinen Renaissancegeist zu überbieten war?

Johan Huzinga: Herbst des Mittelalters, Stuttgart: Kröner, 1975, S. 220 f.

Bildquelle: Wikimedia

Der andere Flügel:

jean_fouquet_zweiter_fluegel.jpg

7 Kommentare

  1. Vinneuil

    Das Gemälde hat mich immer schon fasziniert… phantastische Beschreibung von Huizinga!

  2. „Es ist in der Tat, bei allen hohen malerischen Qualitäten, eine Modepuppe, die wir vor uns sehen, mit der gewölbten, kahlgeschorenen Stirn, den weit auseinanderstehenden kugelrunden Brüsten, der hohen, dünnen Taille. Das Bizarre des hermetischen Gesichtsausdruckes, die steifen roten und blauen Engel, die sie umringen, alles trägt dazu bei, dem Gemälde einen Hauch dekadenter Gottlosigkeit zu verleihen, von dem die kräftige, schlichte Darstellung des Stifters und seines Heiligen auf dem anderen Schreinflügel wunderlich absticht.“

    Dieses Urteil Huizingas zur Anlage und Wirkung des Motivs scheint mir zutreffend. Auffällig finde ich die dominante und gleichmäßige Farbgebung, die mich – 300 Jahre zu früh – an den König Frankreichs und die Stadt Paris erinnert. Die zur Gottesmutter verklärte Agnes Sorel wäre dann ein monarchischer Vorläufer der republikanischen Marianne. Wie Fouquet die Farben vor die Formen stellt scheint mir aber auch etwas vor der Zeit zu sein.

    Was Huizinga mit der äußersten Furcht der Kirche vor einer Annäherung des religiösen und erotischen Fühlens meint, erschließt sich aus dem angeführten Zitat nicht.

    Huizinga bezieht diese Aussage auf die Übertragung religiöser Wendungen auf das Liebesleben, vor allem auf die Verwendung von heiligen Ausdrücken für „unehrbare Körperteile und schmutzige und häßliche Sünden“. Huizinga, Johan, Herbst des Mittelalters, Stuttgart: Kröner 2006, S. 223f.

    Mir aber fällt es nicht nur schwer eine erotische Wirkung der Darstellung auszumachen; ich kann in dieser nicht eine Andeutung von Geschlechtlichkeit erkennen und halte Huizingas Beleg deshalb für ungeeignet.

    Tiberius

  3. Also, bevor wir uns mißverstehen und – wahrscheinlicher – mißverstanden werden: Huizinga ist weit davon entfernt „kirchenkritisch“ zu sein, jedenfalls nicht in dem Sinne, den man vielleicht in den von mir zitierten Text hineininterpretieren könnte.

    Huizinga ist Historiker, Kulturgeschichtler. Das Hauptthema seines Werkes ist die Suche nach dem „Schönen Leben“, nach der schönen Form in der burgundisch-niederländischen Kultur des 15. Jahrhunderts. Natürlich, ab und zu spürt so eine Art von Empörung des aus einer mennonitischen Predigerfamilie stammenden Holländers über das Ausgreifen dieser Lebens- und Frömmigkeitsformen einerseits ins Barbarische, andererseits ins Dekadente. Aber das ist nicht das Thema dieses gänzlich unaufgeregten Buches. Es geht allerding sehr oft um die Sucht nach der schönen Form, auch um „Oberflächlichkeit“, um Selbstinszenierung – die aber eben nicht geschmäht, sondern konstatiert wird.

    Später hat Huizinga das dann im Homo ludens zu einer Theorie vom „Ursprung der Kultur im Spiel“ auszubauen gesucht.

    Mir aber fällt es nicht nur schwer eine erotische Wirkung der Darstellung auszumachen; ich kann in dieser nicht eine Andeutung von Geschlechtlichkeit erkennen

    ??? (Es handelt sich hierbei um drei Fragezeichen, nicht etwa um irgendwelche Code-Zeichen, die der Browser nicht interpretieren könnte.)

  4. Die Einschätzung zu den Intentionen Huizingas teile ich.

    Was die Geschlechtlichkeit der Darstellung angeht, ist es vielleicht ein bißchen stark, nicht einmal eine Andeutung davon erkennen zu wollen.

    Im Grunde aber sind weder primäre noch sekundäre Geschlechtsmerkmale als solche dargestellt. Neben dem unweiblichen Zuschnitt des Oberkörpers und den merkwürdig angesetzten Brüsten, die um der runden Form willen eher auslassen, was Säuglings Mund und Mannes Auge sucht, fehlt auch das Haupthaar, als eines der wichtigsten Attribute fertiler Weiblichkeit. In meinen Augen hat das Bild etwas Verstörendes, weil es trotz baren Busens asexuell bleibt. Die von Huizinga angesprochene Verwandtschaft zur Modepuppe scheint mir gerade hier, in dieser Asexualität der Darstellung zu liegen.

    Huinzinga frag: „Liegt in dem Ganzen nicht eine blasphemische Freimütigkeit dem Heiligen gegenüber, die durch keinen Renaissancegeist zu überbieten war?“ Ich denke, daß es in dieser Darstellung etwas gibt, was der Renaissancegeist nicht überbieten kann, das aber ist nicht die Freimütigkeit dem Heiligen gegenüber, sondern die Ordnung des Motivs unter die Form und die Farbe des Bildes und damit der Vorzug des abstrakten vor dem konkreten Element des Bildes. Ich möchte aber auch gleich anfügen, daß ich dieses kunsthistorische Urteil der Kraft eigener Arroganz mehr verdanke als den profunden Kenntnissen dieser Kunstepoche.

    Tiberius

  5. Gut, ich gebe zu, die drei Fragezeichen waren auch übertrieben. Das Unheimliche, Kalte der Darstellung ist natürlich ganz offensichtlich.

    Gegen die Wahrnehmung als unerotische Puppe spricht aber zum Beispiel die ausgesprochen elegante, stolz-laszive, jedenfalls überhaupt nicht puppenhafte Körperhaltung. Und auch der Blick, den Huizinga hübsch, aber nicht besonders präzise als „hermetisch“ bezeichnet.

    Zur Monochromie (oder besser: Oligochromie ;-) ): das ist ja in der spätmittelalterlichen Malerei keine Seltenheit, man denke an diese Grisaille-Bilder.

    Und zur Rennaissance: Die läuft ja zur gleichen Zeit ab, nur eben südlich der Alpen, während sich Burgund ihr geradezu verweigert.

  6. Michael Wenzel schreibt dazu:

    „Die Darstellung folgt dem Typus der Madonna lactans. Sie unterscheidet sich aber – und dies ist bisher zu wenig beachtet worden – darin von dem Großteil ähnlicher Darstellungen, daß zwischen Kind und Mutterbrust keine direkte (Vorgang des Stillens, Berührung mit der Hand) oder indirekter Beziehung (etwa durch den Blick) besteht. Die linke Brust ist zum Zweck des Stillens zwar sorgsam aus dem aufgeschnürten Gewand hervorgeholt, doch durch die Kombination aus „naturalistischer“ Verortung in dem nach außen gewendeten Gewand- und Hemdstoff und einer „Idealrundung“ der Brust, die in dieser Position kaum der Realität entsprechen kann, ergibt sich – unterstützt durch die Funktionslosigkeit der Entblößung – eine Lesbarkeit der Brust als autonomes Zeichen von einiger haptischer Qualität – eine Inszenierung, die m. E. nicht anders als „erotisiert“ beschrieben werden kann. [Fußnote 461: Außer man folgt der Zivilisationstheorie von Elias und nimmt an, daß es im 15. Jahrhundert noch gar keine Erotisierung der weiblichen Brust gegeben haben kann und folglich hier ein ganz natürlicher Vorgang wiedergegeben ist.]„

    [Michael Wenzel, Heldinnengalerie - Schönheitsgalerie. Studien zur Genese und Funktion weiblicher Bildnisgalerien 1470-1715, Phil. Diss. an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 2001, S. 142f.]

    Die „Idealrundung“ scheint mir offensichtlich, auch das die ausgestellte Brust, die ob der schieren Größe durchaus auch andere Bezeichnung verdient hätte, keinen Zweck erfüllt. In der Tat scheint mir die Frage berechtigt, warum die Brust entblößt ist, wenn Maria hier nicht als Maria lactans funktioniert. Ich denke aber nicht, daß die Funktionslosigkeit die dargestellte Brust sogleich „erotisiert“ und folge damit wohl Elias. Unabhängig von der Interpretation der Darstellung freut mich die Bedeutungsschwere, die es erlaubt, von „autonomen Zeichen“ und „haptischer Qualität“ zu sprechen.

    Interessant finde ich die Beziehung, die zwischen der Gottesmutter, dem Kind und dem Stifter hergestellt wird. Hier habe ich den Eindruck, daß die Brüste nur deshalb so weit nach außen gerückt wurden, um den Blick von oben auf den Zeigefinger des Kindes zu ermöglichen, der ja auf den Stifter deutet. Diesen Blick kann man ob seiner Abgeschlossenheit sehr gut als hermetisch bezeichnen.

    Tiberius

    P.S.: Zur stolz-lasziven Haltung von Modepuppen

  7. Vinneuil

    Hm… das erotisierende, und damit auch etwas blasphemierende Moment war es, das mich fast schockartig gefesselt hat, als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe. Sicher auch die rätselhafte Glatzköpfigkeit der Madonna. Und die roten und blauen Engel.

    Freilich bin ich in solchen Urteilen immer ein wenig unsicher; Sehgewohnheiten können sich drastisch ändern. Insofern erschien mir ebenso verblüffend wie einleuchtend, daß Huizinga den Vergleich mit einer „Modepuppe“ bringt.

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