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Kolonnaden, Savoir vivre
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Freiwild

freiwildHeute morgen bin ich vom D-Radio mit dem Selbstbezichtigungsschreiben eines großstädtischen Fahrradfahrers geweckt worden: „Freiwild Radfahrer“. Je nun, die Sache mag sich in Berlin dramatischer darstellen als im gemächlichen Hannover, aber ich empfinde das alles nicht so.

In der ganzen ersten Hälfte des Textes hat man den Eindruck, daß da einer das Standardprogramm abspult, das sie ihm auf der Journalisten-Schule beigebracht haben: „Wie fessele ich mein Leser?“ Ziemlich fad, würde ich sagen.

Sicher, sicher, viele richtige Detailbeobachtungen, aber in der Montage dann maßlos überdreht und schematisch – um dann einen allerdings überzeugenden Lösungsansatz noch etwas überzeugender präsentieren zu können, so mein Eindruck. Und auch als zwar keineswegs aggressiver, aber doch zuweilen energischer Radfahrer bin ich wirklich noch nie mit Zigarettenkippen oder mit irgendwas anderem beworfen worden.

Der Lösungsansatz wäre dann dieser:

Jeder macht einmal einen Fehler, und jeder bricht, wenn’s dem Weiterkommen nutzt, einmal die Regeln. Das eigentlich Unerträgliche – übrigens nicht nur im Straßenverkehr – ist heute die Tendenz, DIE Radfahrer, DIE Autofahrer, DIE Taxifahrer zu verurteilen oder mit Schimpfworten kollektiv abzuqualifizieren. Es ist einer sich sozial wähnenden Gesellschaft nicht würdig, dass die Gruppen sich wie Feinde bekämpfen, statt sich zum gegenseitigen Nutzen im Großstadtdschungel als Partner zu helfen; dass die Zahl derer wächst, die rücksichtslos ihre eigene Interessen durchsetzen; dass alle sich Freiheit nehmen, ohne nach der Freiheit der anderen zu fragen; dass sie prinzipiell Regeln brechen, und sich dabei im Recht wähnen. Man muss kein Law-and-order-Anhänger sein, um diese Form der Anarchie zu verabscheuen.

Aber Anarchie muss nicht der Kampf jeder gegen jeden sein. Man kann die Anarchie im Straßenverkehr zum Prinzip erheben. In Bohmte in Niedersachsen haben sie das gewagt. Sie haben die Tauglichkeit der Anarchie im Straßenverkehr getestet. Dafür haben sie Ampeln und Schilder abgeschraubt, Bordsteine eingeebnet und Zebrastreifen beseitigt. Bohmte nimmt am EU-Projekt „Shared Space“ teil.

Nun ja, es steht ja jedem frei, selbst damit anzufangen, zumindest mit dem im ersten Absatz – und er wird feststellen, daß er zumindest ab und zu und manchmal sogar von „DEN“ Autofahrern positive Resonanz bekommt.

Was ich von dieser „positiven Anarchie“ halten soll, weiß ich nicht recht. Auf dem Dörpe mag das funktionieren, aber wie soll man sich das in einer Großstadt vorstellen? Jedenfalls gibt’s in romanischen und slawischen Ländern, wo man halt anarchischer fährt, weniger bis gar kein Radfahrer, weil’s eben nicht geht, dort radzufahren.

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