So, ich begebe mich fröhlich auf ein Terrain, auf dem ich mich nun gar nicht auskenne, auf dem mir aber doch den ganzen Nachmittag wohl zu Mute gewesen ist. Ich spreche nicht von Politik (für die das auch zuträfe), sondern von Parfums. Ich verwende seit fünfzehn Jahren wirklich täglich welche, ohne viel davon zu verstehen. (Mir wurde allerdings verschiedentlich bestätigt, daß mein Wahlen nicht ganz schlecht gewesen seien.)
Vor einer Handvoll Tage nun hatte ich eine liebe, duftbegeisterte Bekannte auf einen FAZ-Artikel aufmerksam gemacht. Es geht um die traditionsreiche Londoner Parfümerie Floris (gegründet 1730), die auch sehr geschickt mit ihrem Traditionsreichtum Marketing betreibt, z.B. indem sie ansonsten überhaupt kein Marketing betreibt. (Einen Webauftritt haben sie aber immerhin.) Sie machen einen Gutteil ihres Geschäfts mit „historischen“ Parfums und haben eine Reihe von Duftnoten im Angebot, die im 19., teilweise sogar im 18. Jahrhundert kreiert wurden. Parfums aus der Zeit vor der Französischen Revolution – wie faszinierend für einen Reaktionär!
Nun, für L. war es auf Anhieb offenbar noch faszinierender als für mich: Sie hat dort, drei Düfte bestellend, zugeschlagen. Ich hatte fast schon ein schlechtes Gewissen, sie zum Geldausgeben inspiriert zu haben, aber bald wurde mir klar, daß das ein wenig weitherziger Reflex war. Die Preise sind übrigens (vgl. den FAZ-Artikel) natürlich nicht ganz niedrig, aber auch keineswegs Wucherpreise. Sie sind, nun, solide, würde ich sagen. Ihr scheint’s Freude gemacht zu haben, heute nachmittag ist hier ein Päckchen von ihr mit Probefläschchen von den drei Parfums angekommen. (Auch hier nochmals: Danke!)
Es handelt sich um:
- Special 127, von 1890, kreiert für den russischen Großfürsten Orlow – mit dessen Zustimmung in Serie hergestellt.
- Edwardian Bouquet, ein Damenparfum von 1902 (1901 Krönung Eduards VII.)
- Stephanotis, ein Damenduft, dessen Formel allen Ernstes im Jahre 1786 (!) geschaffen wurde.
Alle drei sind sehr gradlinig, altmodisch und sozusagen bestimmt, prägnant und stilrein. Natürlich ist da überhaupt keine Bemühung um Dynamik oder Rasanz zu verspüren, schon gar nicht von hektischer Suche nach Originalität. Der Duft kommt selbstsicher, aber unaufdringlich auf einen zu. Man spürt auch, scheint mir, daß den Parfumeuren damals noch nicht die Marketing-Abteilung im Nacken gesessen hat.
„Special 127″ ähnelt von den Grundkomponenten (Bergamotte und Sandelholz) einem Parfum, das ich als junger Mann viel verwendet habe, ist aber, hm, „gedeckter“, kantiger und in meiner Nase gewürzhafter. Es wirkt ein bißchen betulich, man kann sich dazu wirklich sehr gut einen Herrn in der Belle Epoque vorstellen. Schön.
Immerhin: Sooo fremdartig wirken die Düfte nun auch nicht – ganz beruhigend, daß unsere ehrwürdigen Ahnen doch grosso modo die gleiche Nase hatten wie wir.



Händewaschen in der Pfütze


Nachtrag: Diese Parfums sind auch zäh und unnachgiebig wie großbritannische Königinnen oder wie Margaret Thatcher.
Bemerkenswert, habe ich noch nie so gehabt.
Ich habe mir Edwardian Bouquet gestern abend gegen 19:00 reichlich, aber keineswegs unmäßig auf den Handrücken aufgetragen. Seitdem habe ich mir (man denke) mehrmals die Hände abgeseift, heute nachmittag mein volles Sportprogramm (eine Stunde Hanteln, 1/2 Stunde schnelles Laufen – mit allem Schwitzen) gemacht. Danach Duschen mit vollem Einseifen. Davor wiederum umfänglicher Abwasch mit der Hand in Spüli-Lauge.
Und das ist immer noch da! Sie halten wirklich außerordentlich lange…
(Stephanotis ist immerhin noch andeutungsweise auf dem Unterarm, „Nr. 127″ – meinen eigentlichen Favoriten also – habe ich mit was anderem übersprüht, weiß also nicht.)
Na, das freut mich jetzt aber, dass diese Duftessenzen Dich so in Beschlag nehmen!
Sie sind aber auch zuu schön und – naja – made to last. Daher ist Dein Vergleich mit den zähen Briten schon sehr passend.
Ja, sie halten wirklich unglaublich lang, ohne jedoch penetrant aufdringlich zu sein.
Können Sich Kenner von Floris 127 vorstellen, dass diesen Duft auch eine Frau (nicht jung) „tragen“ kann? Ich leide schwer darunter, dass bestimmte Parfümcreationen, die mir gefallen haben und an die ich mich gewöhnt habe, zuletzt z.B. „eté“ von Kenzo oder „zen“ von Shiseido entweder nach kurzem (2-3 Jahre) verändert werden oder ganz von der Bildfläche verschwinden und es unendliche Mühe kostet, Vergleichbares zu finden. Auf Floris 127 bin ich erstmal schriftlich in einem „Pro Idee“-Katalog gestoßen, dort hieß es, dass dieser Duft auch von Frauen geschätzt wird, ich weiß nur nicht mehr, ob an den Männern oder auch an sich selbst … Jedenfalls habe ich nach der Firma geforscht im Internet und was ich da gefunden habe, klingt zumindest nach Dauerhaftigkeit der Angebote. Und dass Sie nun schreiben, auch die Düfte selbst sind langlebig, behagt mir auch: ich mag es schon lange, dass, wenn meine Kinder mich umarmen, egal wann und wo, es heißt: ach Mama, du riechst immer so gut … Jetzt ist aber die Schwierigkeit entstanden: passt einer der vielen Duftmöglickeiten, die von der Firma Floris (und ihren Partnern) angeboten werden, in mein Spektrum und wenn, welcher am besten? Bisher habe ich hier noch keine Parfümerie gefunden, wo man mal schnuppern und ausprobieren kann und für Blindversuche scheint mir die Angelegenheit doch ziemlich teuer. Kennt einer von den Floris-Kennern einen deutschen Laden, am liebsten im Raum Franken oder in Berlin, wo das möglich wäre? Für jede Antwort dankbar perquemgaudet
@ perquemgaudet
In diesem Blog ist die Wahrscheinlichkeit, daß Du auf Deine Fragen eine Antwort bekommen wirst, nicht so besonders groß… Ich empfehle Dir einen Blick in dieses Forum.
@ perquemgaudet
In Nürnberg gibt es das Geschäft Green Box/Rosegardens. Wenn Du dort vorbeikommen solltest, findest Du da ein großes Floris-Sortiment vor.
Das Unternehmen führt auch einen guten Onlineshop und wenn Du Fragen bzgl. Floris hast, lade ich Dich gerne ein, diese bei mir zu stellen, da das Team von Rosegardens in meinem Forum regelmäßig u.a. Fragen zu Floris-Düften beantwortet.
Ich denke, mit Floris liegt Du auf einer guten Seite, da es dort keine kurzlebigen Trenddüfte gibt, sondern eben zeitlose Klassiker, die in ihrer Rezeptur nicht verändert werden.