Einen unbedingt empfehlens- und lesenswerten, subtil beobachtenden, vielleicht etwas zu langen Artikel über die Deutsche Bahn haben Patrick Bahners und Edo Reents von der FAZ verfaßt: „Hier sind wir bedient“. Es geht im Asserateschen Sinn um den Verfall der guten Sitten, des Stils und der Manieren in der „Dienstleistungsgesellschaft“ und darum, wie die Bahn diese Prozesse begünstigt. Die Leute sollen sich wie zu Hause fühlen, und wenn sie das schon aus verschiedenen Gründen nicht können, dann benehmen sie sich wenigstens so.
Die Bahn irrt jedoch, wenn sie annimmt, dass ihre Fahrgäste auf diese Dinge, die fast alle ins Leere laufen, einen Anspruch erheben. Sie sind ihnen zusehends lästig. Vermutlich hat sich die Bahn ins Bockshorn jagen lassen von dem Gerede über die „Servicewüste Deutschland“. Also rüstete sie ihren Service dermaßen auf, dass der Betrieb immer störanfälliger wurde.
Erfreulicherweise spießen die beiden auch diese unsäglichen englischen Ansagen auf. Man möchte wirklich jedesmal vor Scham im Boden versinken:
Ein Ärgernis für sich sind die Durchsagen auf Englisch. Alle planmäßigen Anschlusszüge werden zweimal durchgegeben, den englischen Dom-Touristen zuliebe, die in Hildesheim den „Regional train to Quedlinburg“ erwischen wollen. Offenbar traut man diesen Besuchern unseres Landes nicht zu, Deutsch zu verstehen oder sich allein zurechtzufinden, obwohl die gelben Fahrplanplakate auf den Bahnsteigen für jedermann lesbar sind, in dessen Herkunftsland die arabischen Zahlen in Gebrauch sind.
Sehr hübsch sind vor allem die Überlegungen zum Thema Platzresrvierungen, man beachte vor allem den letzten Absatz:
Platzreservierungen leisten der Verkümmerung sozialer Instinkte Vorschub. Die Leute fühlen sich immer weniger dazu verpflichtet, ihren Platz zu räumen, sobald Alte oder Gebrechliche auftauchen, weil sie ja zusätzlich gezahlt haben. Umgekehrt gehen die Platzkarteninhaber immer rücksichtloser vor, wenn es um ihre erworbenen Rechte geht. Und das ist auch kein Wunder; im Gedränge lassen Skrupel schnell nach, jeder ist froh, wenn er sitzen darf. In Bussen und Straßenbahnen gab es früher an einigen Sitzen Schilder, die darum baten, diese Plätze für Mütter mit Kindern zu räumen.
Unhöflichkeitsrisiken
[...]
Vielfahrer erhalten die „Bahn-Comfort“-Karte. Sie gibt ihrem Besitzer das Recht auf einen Platz in einem besonders markierten Wagenbereich, also das Recht, denjenigen, der auf einem solchen Platz sitzt, zu vertreiben, sofern er nicht seinerseits Kartenbesitzer ist. Man weist sich nicht etwa gegenüber dem Schaffner aus, dem es dann obläge, das Verhältnis von „Comfort“-Berechtigten und „Comfort“-Plätzen zu sondieren. Vielmehr hat man sich an den Platzinhaber mit der Frage zu wenden, ob dieser ebenfalls „Comfort“-Kunde sei. Um also die durch Vielfahren erworbene Vergünstigung nutzen zu können, muss man einen Mitreisenden mit der Einschätzung konfrontieren, er sehe nicht wie jemand aus, der häufig unterwegs ist. In eine solche unmögliche Situation des Abschätzens von Unhöflichkeitsrisiken bringt die Bahn die Reisenden, deren Treue sie belohnen will!



Und noch ein Jingle –> Frohe Weihnachten


Die Beurteilung der Comfort-Kartenrechte trifft haargenau zu, allerdings glaube ich nicht, daß Platzkarten der Verkümmerung sozialer Instinkte Vorschub leisten, zumal die Reservierungen ja nicht Teil eines neuen Service-Konzeptes sind, sondern schon seit ich denken kann, existieren. Sie bieten allenfalls die Möglichkeit dazu, fehlende soziale Instinke auch zu demonstrieren.
Chaos und Verteilungskämpfe entstehen meist in hoffnungslos überfüllten Zügen, bei denen weder Alter noch Gebrechlichkeit, sondern lediglich die nähe zum Platz das Auswahlkriterium sind.
Problematisch wird es beim Gepäck: Eigentlich geht der Trend weg vom Schrankkoffer zum kleinen, handlichen, auf Fluggepcä fürs Handgepäck zugelassenen Trolley, aber irgendwie stelle ich auf Bahnreisen immer wieder fest, daß de Gänge von Unmengen riesiger Behältniisse verstopft sind, die zu groß und zu schwer für die Gepäckablagen sind. Früher wäre sowas wohl im Gepäckwagen untergekommen, heute hat jeder seinen Schrankkoffernachfolger am Mann, aber die Züge sind weiterhin nur auf kleines Handgepäck ausgelegt.
Beides trifft sicher zu. Nur wird heute wohl mehr reserviert als früher… Und diese Comfort-Carten-Rechte sind wirklich ganz unmöglich, insofern sie darin bestehen, die Comfort-Carten-Rechte anderer kontrollieren zu dürfen.