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Julia und Lieschen

juliaDie Schriftstellerin Julia Franck, ein Homo Heidelbergensis, hat der Welt ein Interview gegeben („Das Internet gefährdet die Existenz der Autoren“), und dieses Interview fordert zu einigen Bemerkungen heraus. Da hätten wir zunächst einmal eine ausgesprochene Unverschämtheit:

Wenn Googles Kunden in ihre Suchmaschine den Begriff „Gesellschaftsroman“ oder „Liebesgedicht“ eingeben, liegt es letztendlich in Googles Macht, in den ersten 1000 Suchergebnisse auf Lieschen Müller zu verweisen.

frei_sein hat das vorhin im Twitter schon hübsch und im Grunde hinreichend kommentiert:

Ob Frau Franck in der von ihr vorgeschlagenen „ästhetischen Hierarchie“ bei Google weit vor Lieschen Müller kommen würde, ist zweifelhaft.

Mir bleibt nurmehr, mich über die unbeleckte Formulierung „Googles Kunden in ihre Suchmaschine den Begriff“ zu wundern. Man merkt, hier spricht eine richtige Internets-Expertin!

Doch Schriftsteller können selten allein von Lesungen leben. Außerhalb Deutschlands ist die öffentliche Lesung fast unbekannt, die Spanier und Amerikaner lachen ungläubig, wenn sie hören, dass Menschen in Deutschland zu Hunderten abendfüllende Lesungen besuchen.

Ich oute mich hier gerne als Banause oder gar als amerikanisiert. Ich habe den Besuch von Lesungen stets für eine ausgesprochene Zeitverschwendung gehalten.

Ein Text, der digitalisiert im Internet vorliegt hat keinerlei autokratische Aura, keinen unveränderlichen Urhebernachweis mehr, er kann von jedermann jederzeit bearbeitet werden. Jeder macht mit, das ist die Freude der Netzbenutzer, […]

Sie überschätzt mutmaßlich das Interesse, daß im Web ihren Texten entgegengebracht wird. Ich könnte mir keinen Netz-Menschen vorstellen, der Zeit und Mühen investierte, die Texte von Julia Franck (oder von Lieschen Müller) zu überarbeiten.

Welcher einzelne Schriftsteller kann sich eine Klage gegen Google leisten? Womöglich verschwindet sein Name anschließend aus den Google Rankings. Stellen Sie sich vor, Google ließe Namen und Werke nach eigenem Ermessen einfach verschwinden.

Was für eine dumme, blöde und typisch skribentenhaft ungeschickte Paranoia.

6 Kommentare

  1. Zugegeben, aus Julia Franck spricht nicht gerade die geballte Medienkompetenz. Andererseits ist es ja tatsächlich so, daß Schriftsteller auf die Lesungen in der Regel existentiell angewiesen sind und für Leute, die ihre Netzwerke nicht über’s Internet knüpfen, sind die Besuche solcher Lesungen eben schüchternere Formen dessen, was andere im Netz auch machen, wenn sie irgendwelchen Koryphäen auf Twitter folgen etc.

    Daß sie befürchtet, ihre Texte könnten von „Netzbenutzern“ überarbeitet werden, ist angesichts ihres eigenen Hinweises auf eine jahrhundertelange mündliche Erzähltradition auf kuriose Art kulturbanausisch. Werke wie die „Odyssee“ von Homer (wer immer dies war) haben die Jahrhunderte bzw. Jahrtausende gerade deshalb überdauert, weil sie immer Gegenstand des Erzählens und Wiedererzählens waren und nicht lediglich ein museales Dasein fristeten.

    Amalgamierung ist ein wesentliches Merkmal der Kulturentwicklung. Die Griechen beispielsweise haben fast nur „geklaut“, aber idiosynkratisch, und heraus kam eine Kultur, die uns noch heute prägt. Vielleicht spricht aus Franck nur die Angst vor dem kreativen Wettbewerb und die Sorge, darin nicht bestehen zu können (von Besitzstandswahrung nach Art des öffentlichen Dienstes nicht zu reden).
    Die Zeit der priesterlichen Monologe ist aber höchstwahrscheinlich vorbei, die der großen Künstler-Individualisten dagegen ganz sicher nicht. Nur: Julia Franck gehört vielleicht nicht dazu.

  2. darkfalconheart

    Irgendwann, in irgendeinem der Einführungskurse der Germanistikstudiums, wurde uns erklärt, dass Literatur an sich ein fortlaufender Kommunikationsprozess ist, der vom Autor zum Leser und vom Leser zurück zum Autor und natürlich auch von Leser zu Leser geht. (En detail nachzulesen bei Foucault).
    In der netten Befürchtung der Autorin, dass ihre Texte im Internet editiert und verändert werden und der Leser dann nicht weiß ob er wirklich das Werk des Autors oder eine von jemandem anders editierte Version hat, würde sich doch mal eine praktische Umsetzung dieses Kommunikationsprozesses zeigen. Eine, die sich als richtig interessant für die Entwicklung eines Werkes erweisen könnte.
    Aber nein, was tut die Dame, sie jammert.

    Seien wir mal ganz ehrlich, dass ein Werk von jemandem genommen, verändert und dann als das Originalwerk wieder im Internet verteilt wird… nun das ist bisher noch nicht passiert. Das höchste der Gefühle in dieser Hinsicht waren die Fangeschriebenen Harry Potter Bänder (Order of the Phoenix!), die vor Veröffentlichung des 5ten Bandes durchs Netz gegeistert und nach Erscheinen des fünften Bandes leise wieder verschieden sind.

    Bei jedem anderen Editieren, Umschreiben, anderweitig verändern, geben die Autoren meist an, dass es nicht ihr Material mit dem sie arbeiten und dass sie damit nur rumspielen/verändern/alternative Versionen schreiben, sowas nennt man Fanfiction und das ist nun wirklich nix neues mehr unter der Sonne.

    Von daher nehme man es mir nicht übel, wenn ich die Furcht der Autorin ihr Werk könnte verändert/editiert/entstellt und dann immernoch als ihr Originalwerk Leuten angedreht werden, für etwas paranoid halte.

    DFH

  3. @ B.C. Richter

    daß Schriftsteller auf die Lesungen in der Regel existentiell angewiesen sind

    Ja, subjektiv ist der Standpunkt, sind zumindest die Ängste hier nachvollziehbar. Das ist ja auch okay. Aber sie hat eben vom Web ganz offensichtlich so wenig Plan, das man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß die Homini Heidelbergensis von ihren Verlegern in Stellung gebracht, aufgehetzt worden sind. Wie das schon die verfluchte Musikindustrie mit ihrem Klampfern gemacht hat.

    und für Leute, die ihre Netzwerke nicht über’s Internet knüpfen, sind die Besuche solcher Lesungen eben schüchternere Formen dessen, was andere im Netz auch machen, wenn sie irgendwelchen Koryphäen auf Twitter folgen etc.

    Auch klar. Es ist ja auch sicher reizvoll, sich mit Autoren zu treffen, die man mag, Aber sich von ihnen dann über geraume Zeit was vorlesen zu lassen?! Ich habe echt nie verstanden, wo da dere Reiz liegt…

    Homer.

    Na ja, die Werke werden ja nicht mündlich tradiert, sondern schon abgeschrieben/kopiert. Nur ist es eben Usus unter Gebildeten, sie auswendig zu kennen. (Wenn ich recht unterrichtet bin.)

    Die Zeit der priesterlichen Monologe ist aber höchstwahrscheinlich vorbei, die der großen Künstler-Individualisten dagegen ganz sicher nicht.

    Exakt: :d:

    Für die Vermittler und Möchtegern-Sortierer wird’s schwieriger. Deswegen jammert halt die FAZ.

  4. @darkfalconhart
    Daß Literatur via Internet zum Material für neue Bearbeitungen des Stoffes geworden wäre, habe ich auch noch nicht gehört, würde es aber nicht völlig ausschließen.

    YouTube ist dagegen ein Paradebeispiel dafür, daß und wie Nutzer vorhandenes Material samplen oder zum Ausgangspunkt eigener kreativer Lösungen machen. Daß vieles auf YouTube schlicht Trash ist, braucht dabei kein Gegenargument zu sein.

    @ Harki
    Der Balkan, wo auch die homerischen Stoffe entspringen, hat eine uralte orale Erzählkultur (ohne Verschriftlichung).
    Homer gilt nicht als der Erfinder der unter seinem Autorennamen bekannten Epen, sondern ist nur derjenige, der eine bestimmte Version des Stoffes irgendwann niederschrieb. Und auch bei Homer ist in der Altphilologie wohl immer noch strittig, ob es sich bei ihm um eine Person gehandelt hat.

  5. @ BC_R

    Und auch bei Homer ist in der Altphilologie wohl immer noch strittig, ob es sich bei ihm um eine Person gehandelt hat.

    Hm, das ist ein Klassiker… Wobei meines Wissens mittlerweile doch viel mehr dafür als dagegen spricht, daß es eine Person war. Und gerade vor einem Jahr gab es ja diese Diskussion um Raoul Schrotts „Türkei“/Orient-These. Dazu ein alter k2-Thread:

    http://konjunktiv2.de/eos-rhododaktylos-ex-oriente-t20688.html

    Ferner:

    http://amyklai.net/232/zweimal-zu-schrott.html

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