Die JF linkt mal nach außen, da muß schon etwas außergewöhnliches passiert sein. Aber es war ja gar nicht die FAQ, die da recherchiert hat, sondern Leute, die für das DA reherchiert haben… Einerlei, wenn endlich der Schuldige für das Schreckensjahr 1968 gefunden ist, tanzen bei denen anscheinend die Puppen.
Und ich bleibe dabei: Wir alle verdanken „den 68ern“ unendlich viel, fast schon die Luft zum Atmen, fast alles. Geht auf’s Land. Laßt Euch erzählen, wie es da in den 50ern zugegangen ist, gibt noch genug Leute, die sich daran erinnern. – Link
Kindheit in Israel, 1960er
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da stimme ich dir sogar teilweise zu, allerdings haben genau diese 68er bzw. diejenigen, die den Marsch durch die Institutionen angetreten haben, den selben Mief verbreitet, gegen den sie einst ankämpften, nur daß er heute linksliberal ist.
Laß Dir einfach mal erzählen, wie’s hier auf dem Lande in den frühen 50ern ausgesehen hat. In einer Dorfschule, wo dann die Schüler den Garten des Lehrers machen dürfen. Das wird als normal empfunden.
Das ganze alte Nazipack ist immer noch da, ohne je geschoren worden zu sein.
In den Moorkolonien, in denen die evangelische Kirche („Diakonie“) ihre jugendlichen Arbeitssklaven schuften läßt. Bei allgegenwärtiger Prügel- und Hungerstrafe. In den frühen 60ern noch!
„den selben Mief“ Am besten noch Nietzsche als Nobelpreisträger, was?!
So ein Schwachsinn!! Du hast überhaupt keine Vorstellung, wie das hier ausgesehen hat, bevor in den 60ern aufgeräumt wurde.
Wenn die Amerikaner, Feiglinge wie immer, auch nur ein Bruchteil ihrer Umerziehungspläne durchgesetzt hätten, hätten meine Eltern eine bessere Kindheit gehabt.
Nein, daß es das nicht mehr gibt, daß ich das nicht mehr selbst erlebt habe, verdanke ich ganz konkret und nachvollziehbar der deutschen studentischen Linken der 60er, die nachgeholt hat, was die Allierten dann nicht machen wollten oder nicht machen konnten.
Und Du Schwachkopf auch.
Ja, Nietzsche…der z.B. dies hier schrieb:
Oder die Lederjacke des russischen Kommissars, könnte man hinzufügen.
Paßt doch irgendwie, oder ?
Gruß,
Coriolan
Ich bin auch froh, daß 68 diesen westdeutschen Mief durchgelüftet hat. Seitdem wird die Frage auch der sexuellen Identität nicht mehr so engstirnig gesehen wie vorher. Ich weiß auch nicht, was dieser ganze „zurück-zur-trauten-Familie“-Kitsch, Kirche und Weihrauch soll. Werdet mal locker, Jungs, es ist alles so schön Bunt hier!
:d: Sehe ich ganz genauso.
Allerdings herrschte vielerorts, gerade auf dem Lande, auch in den 70ern (teils auch noch später) noch ein ausgesprochen reaktionäres Klima inklusive Rassismus (z.B. gegen Kinder (!) aus gemischten Beziehungen zwischen farbigen GIs und Deutschen). Und in bestimmten Vierteln Stuttgarts konnte es noch Anfang der 70er geschehen, daß Männer mit längeren Haaren am hellichten Tage von einem in Windeseile sich sammelnden Mob krankenhausreif geschlagen wurden und ihnen dazu mit Taschenmessern u.ä. die Haare abgesäbelt wurden.
Von den Zuständen bei der Bundeswehr damals gar nicht zu reden. Wer aus Gewissensgründen damals den Wehrdienst ablehnte, der bekam, sofern er eine Ausbildung im öffentlichen Dienst machte oder gemacht hatte, einen Vermerk in seine Unterlagen, die eine Anstellung im öD für alle Zeiten unterbinden sollte. Sozusagen ein „kaltes“ Berufsverbot. Ganz zu schweigen von sonstigen Schikanen. Ich weiß von Leuten, die seinerzeit bei der Bundeswehr auf eine Weise psychisch kaputt gemacht wurden, wie man das sonst nur von der NVA oder Stasi gehört hat.
@ Philipp
Diejenigen, die heute „linken Mief“ verbreiten — gemeint ist wahrscheinlich ein im Kern illiberaler Hyper-Moralismus —, haben das auch schon „68″ (genaugenommen nach 68) getan: als Maoisten, Pol-Potisten, K-Gruppen-Sektierer aller Art. Das hat in meinen Augen nichts mehr zu tun mit dem antiautoritären Aufbruch, der in den frühen Sechzigern (Subversive Aktion) begann und mit dem Attentat auf Dutschke (ausgeführt übrigens auch von einem unter eigenartigen Umständen aus der DDR gekommenen Menschen, Josef Bachmann) endete.
Dieser Aufbruch wurde erst durch die Gründung der Grünen (mit dabei: Rudi Dutschke und in Bremen: Olaf Dinné) wieder aufgenommen, wenn es auch nicht allzu lange vorhielt. Aber bei der grünen Basis ist davon auch noch immer sehr viel vorhanden. Weiter oben mag das anders sein. Doch das gilt ja für jede Partei.
Ich kann auch einfach dieses infantile Gelaber über den „Mief“ der hier angeblich herrschte, nicht mehr hören. Wer nicht auf’s Land fahren mag, kann sich ja mal bei Leuten umhören, die die DDR noch mitbekommen haben (und die nicht von der Ostalgie-Krankheit infiziert sind), wenn er wissen will, was „Mief“ ist. Oder er kann nach Rußland fahren – da riecht er’s dann wirklich.
Tut mir leid wegen der harten Worte gestern nacht, aber mir langt’s echt.
Mir paßt die EU auch nicht, auch nicht die Meinungsparagraphen und die Zensursula-Mentalität, der Gesinnungs-Skandinavismus etc. pp.
Aber von Mief merke ich höchstens was, wenn ich die Junge Freiheit aufschlage oder Dieter Stein über Carl Schmitt schreiben sehe.
Ansonsten kann hier jeder halbwegs lesen, sagen, denken, was er mag. (Und er kann zumindest erstmal lesen lernen und sich in die Dorfbücherei verfügen, auch das eine Errungenschaft der 60er. Ohne die Euch etwelcher „Mief“ gar nicht bewußt würde.)
Wenn sich hier Du, Nigromontanus, oder Lisson oder sonstwer, vor irgendwas „ekeln“, ist das Euer Problem. Wandert aus. Auch das ist ohne Probleme drin – im Gegensatz zur DDR.
Außer reden, lesen, im Netz surfen, reisen, denken dürft Ihr hier unter anderem noch folgendes: schwul sein, nicht schwul sein, schwarz sein, die Klamotten anziehen, die Ihr anziehen wollt, religiös sein oder auch nicht, Kinder kriegen oder auch nicht. Und das war vor den 60ern anders.
Ich find’s auch Scheiße, daß das IfS Probleme hat, einen Saal in Berlin zu kriegen. Aber bleib mir vom Leibe mit dem „Mief“! Wie habe ich mir die reine Luft vorzustellen?!
Kurzum: Die Klagen über den Mief sind Teenie-Gelaber, so wie halt Nietzsche Jugendliteratur ist.
Wie es abzusahen war, ward im Laufe des Tages ein Wikipedia-Artikel zu Kurras gebastelt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Heinz_Kurras
Das mit den drei Jahren in Sachsenhausen stimmt also. Ist es denkbar, daß so einer zum überzeugten Kommunisten wird? Das fragte vorhin BCR im Twitter.(Andererseits: Wäre das für die Stasi denkbar und glaubhaft gewesen?)
Dann weiter: die Zeit war bei alten Herrn zu Besuch:
http://www.zeit.de/online/2009/22/kurras-ohnesorg?page=1
Und das klingt alles auch nicht so ganz nach einem eiskalten Agenten.
Und überhaupt machen die Rechten (auch SiN) – und nicht nur die – einen Fehler, wenn sie glauben, sie hätten jetzt so etwas wie die Ursache von „1968″ zur Hand. Die liegen wohl doch ein bißchen tiefer. Siehe bitte oben, einschließlich der Kommentare.
Allerdings. Darüber gibt’s auch Untersuchungen. Auch darüber, wie beispielsweise in kirchlichen Kinderheimen mit denen verfahren wurde.
Ich habe inzwischen den gesamten Text auf ZEIT Online über Kurras gelesen und frage mich mittlerweile, ob bei dem Mann nicht eine Psycho-Pathologie vorliegt.
Allein der Satz:
Hier ist schon keine Rede mehr von der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Ganz abgesehen davon, daß Ohnesorg als Theologe, der noch dazu zum ersten Mal überhaupt auf einer Demo gewesen sein soll, kaum ein aggressiver Demonstrant gewesen sein dürfte.
Drei oder vier Jahre Speziallager bei den Sowjets sind gravierend, eine Traumatisierung (posttraumatische Belastungsstörung) der einen oder anderen Art ist nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich. Gut möglich, daß irgendwelche psycho-traumatischen „Trigger“ die hochaggressive Kurzschlußhandlung ausgelöst haben und daher auch noch immer solche Formulierungen wie die zitierte „auslösen“.
Ob es eine Untersuchung auf psychische Eignung für den Polizistenberuf gegeben hat? Und nach dem Attentat eine Untersuchung auf eine Persönlichkeitsstörung? Daß er im Lager saß, wird er ja nicht verheimlicht haben.
Warum hat Soukup in dem ZEIT-Interview nicht nach Kurras‘ Erlebnissen im Lager gefragt? Oder danach, was ihn zum Polizeiberuf motiviert habe?
Zudem muß es Leute, Mithäftlinge, geben, die ihn aus dem Lager kennen. An was für eine Persönlichkeit erinnern sie sich?
Also, ich denke, in der Sache ist noch längst nicht alles gesagt und das Wenigste ist bis jetzt wirklich klar. Auch deswegen sind die bei manchen zu beobachtenden Anti-68-Reflexe auch völlig deplaziert:
Die 68er waren von der DDR/Stasi ferngesteuert.
Kurras war von der DDR ferngesteuert.
Also hat ein 68er auf 68er geschossen!?
:eek:
Ich bin mir fast sicher, daß es damals beides noch gar nicht gegeben hat.
Absolut. Ich fand die (beiden) Schnellschüsse gestern und vorgestern auch deplaziert.
Dank 68 ist in Deutschland so etwas wie Demokratie möglich. Man kann seine Meinung frei sagen, die Musik hören, die man will und auch andere Frisuren sind möglich. Ich komme auch vom Land – was meine Mutter so erzählt: es muß der blanke Horror gewesen sein. Volksmusik, Eintopfgestank, gröhlende Nazi-Opas, die Ihr an die Wäsche wollten – und alle sahen weg. Schlimm. Jetzt ist alles irgendwo viel offener und nicht mehr so repressiv. Wer nicht heiratet und keine Kinder hat wird auch nicht blöd angemacht …
Schöner Artikel — :D — , erstaunlicherweise schon über 10 Jahre alt, passend zur Diskussion hier und in Harkis Randbemerkungen schon angerissen:
Angelika Willig: Abschied von rechts
Da gibt’s eigentlich nichts hinzuzufügen.
Geistreicher Artikel von Angelika Willig. Wo ist sie heute publizistisch aktiv?
@ Barbara Ernst
Sie war bis vor einigen Wochen Chef-Redakteurin der Zeitschrift „hier & jetzt“. Die Zeitschrift wird von der Sachsen-NPD herausgegeben und steht für die sächsischen, intellektuellen Flügel der NPD. Jetzt macht das Arne Schimmer. *Klick* Was AW jetzt macht, weiß ich nicht.
Das heißt: Die NPD steht links von der JF? :hmpf:
Nein, natürlich nicht…
Aber erstens ist Angelika W. halt mit ihrem „Abschied von rechts“ eben nicht konsequent gewesen. Zweitens ist sie mit ihrem modernistischen, antinostalgischen (und etwas nihilistischen) Kurs auch in der etwas feineren Sachsen-NPD meines unmaßgeblichen Erachtens auch am falschen Ort gewesen.
Ihr diesbezüglicher Artikel war ja auch ihr letzter in der Hier&Jetzt ;)
Wahrscheinlich hat der Deutsche-Stimme-Versand Geschäftsschädigung befürchtet ;)
Hähä, ja. :D
(Vielleicht entfernt ähnlich den Problemen, die die Sez bekommt, wenn Ellen K. zu laut auf die Alten schimpft. :D )
Nachgetragen: Halten wir einfach mal fest, daß AW eine sehr kluge Frau ist – und das es immerhin bezeichnend ist, daß es anscheinend keine rechte Zeitung/Gruppierung gibt, die damit klarkommt. Etwas naseweis formuliert vielleicht, so als Halbaußenstehender, aber sicher nicht ganz neben der Spur.
Wäre es nicht toll, wenn Angelika Willig bei SiN publiziert? Die sind doch mutiger als die Spießer von der JF.
@Harki
Du hast sicher recht, die Frage ist nur: warum? Warum kommen „die Rechten“ mit Frauen wie AW nicht klar? Die Antwort hat sie in dem Artikel selbst gegeben — die Abneigung ist gegenseitig:
Übrigens nicht nur von den Ultra-Konservativen rechter Provenienz, sondern auch den „Ultra-Konservativen“ aus einem ganz anderen Milieu: in der Stasi z.B. gab es nur 15 Prozent Frauen. Und auch davon nur circa 1,5 Prozent in leitender Funktion.
Das hat sicher auch damit zu tun, daß Frauen Probleme im Allgemeinen nicht ideologisch, sondern pragmatisch betrachten (und nie auf die Idee kämen, einen Apparat wie das MfS zu etablieren).
Das mag kurioserweise sogar eine Folge ihrer freiwilligen oder unfreiwilligen Geschlechterrolle sein!
Wohin sollen wir denn dann?!
Hier irrt Kubitschek. :D
Nun, immerhin ein Rotkehlchen. :)
Wirklich? Auch vor 45/49? Ganz genauso? Als der damalige Gutsbesitzer den Dorfschullehrer ausgesucht hat? Und die Leute, die da heute „Itzibitzi“ singen, zur Arbeit im Rittergut antanzen mußten? War es da wirklich ganz genauso?
Also, ich komme aus einer ländlichen Gegend in Niedersachsen. Da gab es keine Gutsbesitzer. Aber eben die verhaßten „Buern“, die ländliche Oberschicht. Da waren das die Leute, die Antanzen lassen konnten. Klar, daß deren Kinder in der Schule noch so blöd sein konnten und dennoch gute Noten bekommen haben.
Und das mit den Dorfschul-Kindern, die in den 50ern den Garten des Herrn Lehrers machen mußten, habe ich mir ebensowenig ausgedacht, wie die anderen Gruselbeispiele.
Gut, „die Nazi-Opas in den 70ern“, die ich erwähnt hatte… Die hatten halt das Pech, Ihre Jugend und ab und zu ein paar Gliedmaßen in einen verlorenen (und für jedermann absehbar nur zu verlierenden) Krieg investiert haben zu müssen. Klar waren sie dann verbittert und arg neidisch auf die Leute Jahrgang 44 ff. ;) (Nochmals aber, bitte: Ich komme aus Kernniedersachsen. Das war nationalsozialistisches Stammland.)
Ach gna, was soll’s eigentlich? Fragt Euch mal lieber, warum der typische Rechte in Deutschland folgendermaßen aussieht: Männlich, größenwahnsinnig, albtraumsgeplagt, verkomplext, Single oder schwul. Einflußlos allemal.
Guten Morgen.
Ich komme gerade von SiN hierher und bin positiv überrascht.
Danke für diesen Diskussionsverlauf und die interessanten An- Einsichten. Ich selbst betreibe ein BLog und bin damit gegen die Wand gefahren. Es heißt „Rechtskonservativ“ und sollte mein Beitrag zu einer Gegenöffentlichkeit sein. Inzwischen habe ich aber für mich konservative Grenzen (und Teil 2) entdeckt und stehe jetzt auf dem sprichwörtlichen Schlauch.
Ihr habt ja nun hier viel Richtiges geschrieben, mein Problemfaktor ist allerdings die Wirtschaftspolitik, wo ich keine Lösungen von rechter/konservativer Seite sehe. Vielleicht hat ja jemand Lust mal bei mir zu lesen und nüchtern zu interpretieren.
Vielen Dank
kurze nagelprobe:
männlich – stimmt
größenwahnsinnig – stimmt
albtraumsgeplagt – stimmt nicht
verkomplext – stimmt nicht
single – stimmt nicht
schwul – stimmt wohl auch nicht
einflußlos – stimmt oder stimmt nicht (je nach bezugsgröße: weltweit stimmts, aber es stimmt nicht des morgens, wenn ich meine auf dem rittergutsplatz angetretenen leibeigenen mit der geißel zur arbeit treibe)
ergebnis: teiltypisch.
@Harki
Der Liste fehlt: trinkfest bis mindestens drei Bier.
@Kubitschek
Solche beim Trinken enthüllten Gemeinsamkeiten können allerdings schnell zum Albtraum geraten.
Ohne die 68er, die mittlerweile in das besagte Alter von 68 geraten, wäre die westdeutsche Gesellschaft an ihrem Muff erstickt. Hätte es diese Bewegung nicht gegeben, dann eine andere. Es war einfach nötig; jene die das Vorher und Nachher nicht miterlebt haben, haben gut reden.
Geschichte eindimensional als Abfolge von Folgerichtigkeiten zu betrachten geht meist fehl, wie beim Traum erschaffen zahlreiche Ursachen zahlreiche Folgen, die einander beeinflussen. Also führt 68 nicht allein zu RAF-Terror, Fahrstuhlfahren durch die Institutionen bis zu Ministerposten, linksdralliger politischer Mittigkeit, sondern eben auch zu wacherer Anteilnahme an allem Politischen: Geister wurden geweckt, Denken eingeschaltet.
Davon profitierten und profitieren immer noch alle, die es möchten.
:D
So heftig, das Sportprogramm bei den Akademien?
Also, ich hoffe mal nicht, daß bei den Rechten die Chefs „typisch“ sind…
Und meine vulgärsoziologische Zusammenfassung des Milieus ist wohl nicht ganz von der Hand von der Hand zu weisen. Und man kann sich schon fragen (wie Angelika Willig es ja letztlich auch getan hat) ob es da einen Zusammenhang zu der Tatsache gibt, daß die Rechte nicht sieht, daß in den 60ern eben auch Dinge geschehen sind, die kaum einer (der diesem Schema nicht entspricht) wird rückgängig machen wollen.
harki, ließ mal unsere studie zum thema „68er“, da steht genau das drin: von uns will keiner im ernst das rad zurückdrehen. aber die aufklärung muß durch die gegen-aufklärung vollendet werden, und dazu gehört nunmal, daß man den 68er ihr gutes gewissen nimmt. ich weiß beispielsweise bis heute nicht, wie man noch in den siebziger Jahren kommunist werden konnte und dabei die taten maos usf. vor sich hertragen. ich kann überhaupt die erfolgsmeldungen über die ein oder andere reform nicht nachvollziehen, man denke an die massenuniversität oder die sozialpädagogisierung unseres landes.
also: vielleicht verlinken Sie mal zur studie des ifs über „68″.
Jesses! DIE 68er gibt es nicht, genausowenig wie DIE Deutschen.
Jeder ist so deppert, wie er es zuläßt, also konnte einer in den 70ern Maoist sein, später vielleicht Grüner, heute Weiß-der-Geier-Was. Oder er ist immer noch angemessen eingestaubter Maotreuer. Kurras scheint, seinen Aussagen nach, solch ein Individuum, des Sich-Änderns unfähig: Sprüche ersetzen Nachforschen und –denken SO leicht.
Daß die 68er eine Aufklärung waren, also ein Wiedererstehen der Aufklärung des 18. Jh., möchte ich bezweifeln. Ebenso wie die Renaissance nicht allein ein Neuentdecken der Antike war, sondern ebenso Fortführen des Mittelalters.
Geschichte wiederholt sich nicht in solchen Formen.
Eher würde m.E. auf 68 ‚Abschütteln’ zutreffen: ein Sich-Durch-Rütteln, das die alten aus Verdrängen entstandenen Beschränkungen der Nachkriegszeit in Frage stellte und neue Möglichkeiten öffnete, persönlich wie gesellschaftlich.
Jenem, das nun nicht gelungen ist, in die schiefe Bahn geriet, wieder zu erstarren droht, dem muß nun mit neuer Energie entgegengehalten werden.
Eigentlich habe ich keine Lust auf eine 68er-Diskussion, deswegen nur eine kurze Anmerkung: Betrachte ich meine Familiengeschichte, die Stadt und Land umfaßt, so stelle ich fest, daß die größeren „Befreiungen“ wie es oben bezeichnet wurde, vor den 68ern stattgefunden haben. In meiner Familie, die natürlich „konservativ“ war, mußten die Kinder jedenfalls in den 50ern keine Volksmusik hören, sondern hatten natürlich amerikanische Platten und studieren konnten die Mädchen auch. In der Kindererziehung begann der große Umbruch (z.B. weg von „Gewalt“, Ernstnehmen der Kinder) vor dem Krieg, teilweise sogar vor dem Ersten Weltkrieg. Solche konkreten Details halte ich für wichtiger, als eine nebulöse „Muff-“-Debatte.
Dazu kommt, daß viele der beklagten Unerfreulichkeiten auf dem Land eine Folge der wirtschaftlichen Abhängigkeiten waren, zu deren Beendigung 68 originär nichts beigetragen hat. Ich halte es jedenfalls das Schema Muff -> 68er -> Befreiung für arg simplifizierend, speziell wenn man unter 68er die eitlen Protagonisten versteht. Die Freiheiten und Emanzipationen haben sich gesellschaftlich m.E. ohne die Studentenrevolten ergeben, ganz zwangsläufig aus steigendem Wohlstand und konsumgesellschaftlichen Trends, womit wir wieder bei Willig wären.
Wie gesagt, dies alles aus meiner privaten Familien-Perspektive, in der 68 keineswegs einen Bruch darstellt sondern eine Station in einer langfristigen Entwicklung, was regionale und familäre Unterschiede ja nicht ausschließ. In diesem Thread wird ja deutlich, daß andere das auch ganz anders erlebt haben.
Den 68ern ihr schrecklich gutes Gewissen zu nehmen und ihren halluzinierten Anteil an der gesellschftlichen Entwickung auf ein realistisches Maß zu reduzieren, scheint mir hingegen ein legitimer Wunsch zu sein. Was nicht schwer ist, denn nervtötenderes Spießertum als in 68er-Zirkeln habe ich bisher noch nie erlebt ;)
—
Und von „Rückgängigmachen“ kann keiner ernsthaft reden wollen. Die Zeiten sind doch völlig andere, da ist willig’scher Realismus angebracht. In Teilbereichen kann man allerdings die Frage stellen, ob man die Weichen nicht wieder anders stellen will, um den Herausforderungen der Jetztzeit besser begegnen zu können.
Ich lese grad: “The time passed him by, is all. It comes to everybody.”
Irgendjemand hat bereits geschrieben, daß die Studentenrevolte nur in Berlin möglich gewesen sei.
Fraglich, ob sich das heut überhaupt vorstellen läßt: rumprügelnde mitgelieferte Schah-Iraner, ein Polizeipräsident, der Wurstvergleiche zieht, aber in seiner eigenen Behörde die Spione nicht findet, eben weil er sie nicht sehen will: man war zwangsläufig auf der korrekten Seite, alles vor der Mauer war richtig, demokratisch, in Ordnung, Augen zu. Drüben hausten die Bösen: „Geht doch nach drüben“ war folglich der meistgehörte Spruch. Längere Haare waren verdächtig und in Restaurants selten zugelassen, sondern an der Türe abgefangen. Der Rest Frontstadt, subventionierte Teilproduktion, Ämterschieberei, allgemeines Miteinander-Bekanntsein, niemand trat einem andern mal so richtig auf die Füße. Erinnert mich an die Polizeipferde, die in Demonstrantenpulks geritten wurden.
Kurz: man hatte sich überlebt, es aber nicht bemerkt.
Die Lage heute empfinde ich langsam als ähnlich. Jene von damals, die in die Institutionen gekrochen sind und sich, eventuell gegenseitig abgestützt, haben hochdriften lassen, sollten die soetwas wie Gewissen besitzen, noch dazu ein gutes? Ich denke eher, sie funktionieren per Trägheitsmoment, bemerken genausowenig wie andere, daß die Zeit weiterzieht.
Nun Baal Müller auf SiN:
Wenn ich mir irgend einen Ratschlag anmaßen darf: Ich meine nicht, daß es hier zuallerst auf die Mode oder auf die richtige Barts-Tracht ankommt. Derlei ist immens wichtig (und ich warte schon auf die Kommentare von Stoffeln und christlichen Schwerenötern da), ich würde das nie bestreiten.
Der erste Schritt wäre jedoch ein anderer: Akzeptieren der Frauenemanzipation. Punkt. Aufräumen mit frauenfeindlichem Gedankengut und Mentalitäten, weg mit dem öligen Burschenschaftler-Chauvinismus. Auch hier könnt Ihr nicht in die Zeit vor 1945 oder auch nur in die Zeit vor der Pille zurück. „Familiensinn“, schön und gut. Aber wenn Ihr Frauen auf ihre Rolle vor hundert Jahren zurückdrängen wollt, werdet Ihr eben keine finden. Natürlich, ein paar Renegatinnen werden auch das schick finden. Nur: wieviele?
Sehr wichtig ist mir hier der Konnex zwischen beiden Gebieten: Misogynie macht häßlich. Weil mann dann eben irgendwann meint, es nicht nötig zu haben, was herzumachen – weil man ja so den Durchblick hat.
Es geht mithin nicht, eine „rechte Pop-Kultur“ oder derlei anzumeckern, aber gleichzeitig ein Geschlechter- und Rollenbild von anno dazumal zu propagieren.
Harki: Warum schreiben auch hier schon so viele hübsche junge Frauen?!? … :love:
Gerd Koenen, der – als Tübinger und Frankfurter SDS-Aktivist, dann als Kader einer maoistischen K-Gruppe – die zehnjährige „Kulturrevolution“ in allen ihren Stadien an vorderer Stelle miterlebt hat, schreibt in seinem Buch Das rote Jahrzehnt – Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977*, Köln 2001, S. 23 f.:
* Nebenbei, ein ungemein gedankenreiches, glänzend geschriebenes Buch, das ich jedermann zu lesen empfehle. Koenens Stil, finde ich, erinnert an den von Joachim Fest.
Nicht zu fassen, wenn man das alles liest.
Die 68er haben also alles schön bunt und total quirlig gemacht, Harki – klar, der ist irgendwo total locker! – krittelt ein wenig mainstreammäßig gegen Konservative, natürlich immer den Brodkorb im Augenwinkel (hechel, erwähnt er mich vielleicht doch noch?). Dazu seine Beschreibung des „typischen Rechten“ – ausgerechnet von Hariki…. Meine Güte….
Und jetzt? Jetzt reden die Leute hier über Genderscheiß, über „Rollenverhalten, über den Kessel gsellschaftspolitisches „Buntes“, den die 68er ausgekotzt haben. Das führt heute dazu, daß Pipi Langstrumpf keine Negerprinzessin mehr sein darf (http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2009/05/21/pippi-langstrumpf-negerprinzessin/) und sich irgendwelche Vollpfosten tatsächlich damit auseinandersetzen, ob in Legoland Sexismus herrscht (http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2009/05/15/legosexismus/).
Mit den wirklichen Fragen der Zeit hat das natürlich alles nix zu tun. Linke sind da – natürlich wieder mal – schlauer. Wie schrieb Jürgen Elsässer einst in der Jungen Welt so schön: „Die Krise bedroht nicht nur die unteren Klassen, sondern die Produktionsbasis insgesamt, wie Anfang der dreißiger Jahre. In dieser Situation werden sich nur noch Besserverdienende für den postmodernen Schnullipulli – Ökologie, Feminismus, offene Grenzen, Klimaschutz – begeistern können.“
Also, viel Spaß noch bei Eurem Schnullipulli!
@ Coriolan
Sehr gut das Koenen-Zitat – ich habe so etwas ähnliches auch gesucht.
Was hier nicht alles idealisierend mit 68 verbunden wird… Hier fallen desorientierte einsame junge Männer auf den Propagandaquatsch von links rein. Günter Maschke – einer der im Gegensatz zu Harki die „miefigen 60er Jahre“ noch erlebt hat und sie nicht in seiner Bude zusammenphantasiert – hat festgestellt, daß bis 68 eine geradezu fabelhafte geistige Freiheit herrschte, die seitdem „verdampft“ ist.
Der Niedergang von Traditionen, Ehre, das Lockern der Schlipse und Gürtel, das kollektive Sich-Gehenlassen … es setzte schon vor 68 ein, wurde aber durch die Kulturrevolution dann rasant beschleunigt.
Kann es sein, daß dieser Selbsthaß, diese Verachtung von rechten, konservativen Beständen einer Unlust entspringt, standzuhalten? Fehlt es an sozialer Anerkennung? Kontaktprobleme mit Frauen, die es cooler finden, wenn mann „irgendwie“ links ist? Konservativ-Rechts ist verstockt und hat keinen Sex-Appeal (ist mit Anstrengung verbunden)?
MaO:
Blockwart:
Was denn nun? Habe ich (oder hat sonst jemand) die 60er zu miefig oder zu flockig präsentiert?
Es war weiter oben schon zwischen der geistigen Wende der 60er und „den 68ern“ differenziert worden.
Und noch holzschnittartiger und dämlicher als im Kirchenblättchen aus der Hauptstadt mit seinen „Feindstaaten schuld an 68!“-Schlagzeilen ging’s hier, glaube, ich auch nicht zu.
Abgesehen davon, daß die Äußerung von Blockwart von vorne bis hinten typisch obszönen, sadistischen Burschenschaftlergeist atmet: Es ist selbstverständlich cooler „irgendwie links“ oder „irgendwie irgendwie“ zu sein, als im Jahre 2009 im Groschenromansstil über das „kollektive Sich-Gehenlassen“ zu lamentieren. „standzuhalten“ – wie jämmerlich, schon die ölige, piefige Sprache. Ja, dann halt mal schön stand, schwarzes Berlin.
Interessante Diskussion hier. Rechte oder nicht mehr Rechte, die 68 bejubeln. Ungewöhnlich. Maschke hat natürlich recht mit den Frauen. Aber das ist auch nur ein Aspekt. Es gibt viele Aspekte. Es gibt auch einen Aspekt, den folgender Satz am besten vermittelt: „Wer in den 60ern dabei war und sich daran erinnern kann, war nicht dabei.“ Das hört sich lustig an, ist aber tatsächlich todtraurig. Wenn ich auf die 60er und 70er zurückblicke, zähle ich Tote. Die heißen nicht Benno Ohnesorg, die heißen Manni, Maniak und Kim um nur drei, mir ziemlich spontan einfallende, Namen aus dem unmittelbaren persönlichen Umfeld zu nennen. Ein Umfeld, das ich Ende der 70er abrupt verlassen musste, um zu überleben. Da gibt es die richtig Toten und da gibt es die lebenden Toten, bei denen noch so eine Gehirnzelle vor sich hinflackert. Das ist wirklich nicht wirklich lustig. Vor allem, weil nicht alle Zombies auf Invalidenrente in irgendwelchen Hinterzimmern sitzen und Jim Morrisson hören. Manche sind tatsächlich Entscheidungsträger. Und dann gibt es andere Entscheidungsträger, die bei Lehmann Brothers beschäftigt waren und jetzt bei der Zentralbank arbeiten, deren gigantischer Kokainkonsum inzwischen schon im städtischen Trinkwasser nachgewiesen werden kann. Ok, übertrieben.
Aber so sind wir 68er halt, wir übertreiben gerne. Also sagt danke, das ihr über den Rasen gehen könnt.
Wieder diese Kurzschlüsse:
Ablehnung rechter Positionen = Selbsthaß = Unlust, standzuhalten?!
Also: Ablehnung rechter Positionen ist irrational, neurotisch und schwächlich?!
Für’s Standhalten hat auch mancher Linke einen hohen Preis gezahlt. Fritz Teufel zum Beispiel, an dem die Justiz ein Exempel statuierte — und einen Kurras zweimal freisprach.
Damals jubelte die „traditionsbewußte Rechte“ über diese Freisprüche. Heute will sie Kurras dagegen wegen Mordes vor Gericht sehen — weil er, als Stasi-Spitzel, aus den „falschen Motiven“ auf Ohnesorg geschossen hat?
Und dann natürlich wieder der Dekadenztopos! „Niedergang von Traditionen“ — So ist eben das Leben, die Dinge ändern sich. Das war auch früher so. Sonst würden wir ja noch auf den Bäumen hausen. Leben ist Wandel — und die meisten sind auch stark genug, ihn auszuhalten.
Im übrigen steht es jedem frei, den Schlips streng und den Gürtel eng zu binden, sofern der Bauch es zuläßt. Und das Sich-Gehen-Lassen beim Kommers ist sicher in Ordnung, denn es hat ja mindestens 150 Jahre Tradition, was man vom Haschisch-, Kokain- und LSD-Konsum namhafter Linker wie etwa Ernst Jünger gewiß nicht sagen kann. Oder doch?
Und wo wir schon von Traditionsbestand sprechen: Goethe, lebte er heute, wäre mit seinem „liberalistischen Indifferentismus“ (Eberhard Straub) einem „traditionsbewußten Rechten“ wie dem Herrn „Blockwart“ wohl zutiefst zuwider. Man denke nur an das Gedicht „Den Vereinigten Staaten“:
Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, das alte,
Hast keine verfallenen Schlösser
Und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern,
Zu lebendiger Zeit,
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.
Benutzt die Gegenwart mit Glück!
Und wenn nun eure Kinder dichten,
Bewahre sie ein gut Geschick
Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.
(Straub führte weiter dazu aus: „Im ewigem Fortschreiten begriffen, gebe die Zeit jedoch allen menschlichen Dingen unentwegt eine andere Gestalt, so daß eine Einrichtung, die um 1800 eine Vollkommenheit war, schon im Jahre 1850 vielleicht ein Gebrechen sein wird, gab Goethe zu bedenken.“)
Ja, und man kann sich schon fragen, was das für „rechte, konservative Bestände“ sein sollen, die einer vertritt, der sich „Blockwart“ — nicht etwa, ironisch, „Blogwart“ — nennt, nach jenem Inbegriff des Spießers und eifrigen Denunzianten also, und der seinen wahren Namen nicht nennen, noch sein Gesicht zeigen mag.
Ich hab mir einfach nicht verkneifen können, diesen Beitrag/Thread umzubenennen…
Okayyyy. Finger weg von den Drogen.
Gerhard Jeske Hamburg
Die Kirche und der Geheimdienst in der BRD.
Einzelfälle oder System?
.
Es gibt Themen, die kaum bekannt sind, zum Beispiel dieses:
Ich sollte von der evangelischen Kirche ab 1953 für geheimdienstliche Tätigkeiten eingesetzt werden, Weil ich mich dem entzog, wurde ich später als Diakon aus der evangelischen Brüderschaft entlassen und somit arbeitslos.
In der NS-Zeit waren ungefähr 80 % Diakone in der SA. Das wurde uns in Rickling, dem Diakonen Seminar nie mitgeteilt, ebenso verschwiegen uns die Älteren Diakone, dass es dort ein kleines KZ-Lager gegeben hatte. Die Verstrickung in den NS-Staat der Brüderschaft und der Evangelischen Kirche in Schleswig Holstein, entdeckte ich alleine. Ab 1953 sollte ich von Hamburg aus in der Ostseestadt Barth-DDR, über Parteimitglieder, die heimlich zur Kirche hielten, Erkundigungen anstellen. Der Pfarrer riet mir ab, mich darauf einzulassen. Er meinte, dass es ein politscher Auftrag wäre und nichts mit dem Evangelium zu hätte. Weiter sagte er zu mir.“ Wenn das mal rauskommt, komme ich in das Gefängnis, sie leben froh und frei in Hamburg und die westdeutschen Zeitungen schreiben böse “ Wieder wird ein Christ in der DDR verfolgt.“.Deshalb lehnte ich den politischen Einsatz, unter dem Deckmantel der Kirche ab, Bleibt zu erwähnen, dass ich wegen meiner Entlassung aus dem Diakonen-Amt mit der Hamburger Bischöfin Frau Maria Jepsen ein klärendes Gespräch führen wollte. Eine Dokumentation hatte ich in der Kanzlei abgegeben, das war im März 2009, Eine Antwort erhielt ich nicht auf meinen Brief, auch nicht, dass er dort angenommen worden war. Am 23.04.09 fand dann ein Gespräch mit der Referenten der Bischöfin statt, ohne ein Ergebnis. Bis heute ist mein Schreiben an die Bischöfin nicht beantwortet worden. Wie es nach 1945 war, so ist es auch jetzt noch. Das große Verschweigen hält an.
Wie viele Diakone und Pastoren führten in der BRD gegen die DDR geheime politische Aktivitäten aus ? Wann und von wem wird diese Geschichte aufgearbeitet werden? Die Gauk-Behörde wird es bestimmt nicht tun.
gJ.copyr
@ b.c. richter
Dazu ein hübsches Zitat aus der Feder eines Mannes, der Nordamerika nicht nur vom Hörensagen kannte:
(aus: Friedrich Engels; Brief an Friedrich Adolph Sorge, 29. November 1886)
@ Gerhard Jeske
Natürlich ist es nicht unwichtig, welche Motive einer solchen Aktivität zugrundeliegen; aber grundsätzlich kann ich darin nichts Ehrenrühriges erkennen – besonders dann nicht, wenn diese „Aktivitäten“ so harmloser Natur waren, wie diejenige, zu der Sie, Herr Jeske, sich durchaus nicht wollten heranziehen lassen.
Wollen Sie suggerieren, hier hätten SA-Männer das Braunhemd mit dem Talar vertauscht und sich, so verkleidet, gegen das „Arbeiter- und Bauernparadies“ verschworen ? Auch geht aus Ihrer Schilderung nicht hervor, warum bei den inoffiziellen Ostkontakten der schleswig-holsteinischen Landeskirche der westdeutsche Geheimdienst seine Finger im Spiel gehabt haben soll.
Ich kenne es anders. Ich habe, als ich Ende der 80er im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs in die DDR reiste, an Bord des Busses Kirchenleute erlebt, die immer glücklicher wurden, je näher die Zonengrenze kam, und die, als sie endlich erreicht war, kurz davor schienen, den Stasi-Grenzern die Stiefel zu lecken.
@Coriolan
Nun ja, wohl wahr. Und derlei „mittelalterliche“ Denkungsart hat sich ja jenseits des Atlantik in manchen Kreisen auch bis heute nicht verflüchtigt, im Gegenteil. Man denke nur an den 43. Präsidenten und seine fromm-feudal-brutalen Stichwortgeber — oder an die auch hierzulande in rechten Zirkeln bejubelte Sarah Palin und ihre Bigotterie.
Allerdings verstehe ich nicht, inwiefern das Engels-Zitat ein Einwand gegen mein Zitieren Goethes sein soll.
Denn ich zitierte Goethes Amerika-Gedicht nicht, weil ich der Meinung gewesen wäre, Goethe hätte ein realistisches Amerika-Bild. Um Amerika ging es gar nicht.
Was ich mit dem Gedicht lediglich belegen wollte, ist Goethes anti-konservative Mentalität. Und dafür ist es unerheblich, ob Goethe in Bezug auf Amerika recht hat.——
Übrigens: die vermeintliche Kohärenz der konservativen Position verdankt sich nicht unwesentlich seiner Fixiertheit auf den „linken“ Gegner. Das ist eine schöne Ablenkungsstrategie, mit der sich Rechte allzu bereitwillig von der Reflexion ihrer eigenen ideellen und historischen Voraussetzungen dispensieren.
Der Konservatismus, der sich so viel auf sein besonderes Verhältnis zur Historie einbildet, ist in Wirklichkeit nicht nur anachronistisch, sondern auch ahistorisch und in höchstem Grade eklektizistisch — sozusagen immer schon Postmoderne.
Es ist daher nicht ohne unfreiwillige Komik, wenn diese Stückwerker von Natur ausgerechnet den 68ern vorwerfen, diese hätten einen „Kessel Buntes ausgekotzt“ (siehe Kommentar von „MaO“).
@ b.c. richter
Nun wohl…
Soviel ich weiß, war das Gedicht, dem die von dir zitierten Verse entnommen sind, eine polemische Replik auf den Mittelalter-Hype der Romantischen Schule, welcher zunächst alle Kennzeichen einer vorübergehenden Modeerscheinung trug.
Abgesehen davon, daß die Romantik damals noch eine maulende, zersetzende Geistesrichtung war, deren Anhänger in nicht nur intellektueller Promiskuität ihr Leben fristeteten (pornographische Entgleisungen inbegriffen: z.B. F. Schlegels „Lucinde“ !), ist auch die zunehmend reaktionär sich gebärdende Spätromantik mit dem politischen Konservativismus der Restaurationsepoche nicht einfach gleichzusetzen.
Und schon gar nicht sollte man die rechten Selbstilisierungen für bare Münze nehmen, wonach etwa die heutige „Neue Rechte“ die jüngste Inkarnation einer bis in die Goethezeit zurückreichenden „konservativen Tradition“ sei.
Einmal beiseite, daß kaum ein politischer Begriff so vieldeutig, unscharf und inhaltsleer ist wie „konservativ/Konservativismus“; Stein, Kubicek & Co sind in erster Linie Nationalisten, und als solche haben sie mit den vormärzlichen Turnern und Burschenschaftern, gegen welche die Karlsbader Beschlüsse gerichtet waren, unendlich mehr gemein, als mit den Urhebern der Metternich`schen Demagogenverfolgung. Der Konservativismus der Metternich-Zeit, was immer er sonst gewesen sei, war eines gerade nicht: national/nationalistisch.
Die Teutomanen des deutschen Vormärz wiederum waren, aller „christlich-germanischen“* Rhetorik zum Trotz, keine Konservativen, sondern eine exzentrisch-regressive Spielart des deutschen Frühliberalismus, und ihre publizistischen Wortführer und Mentoren waren durchweg enragierte Preußenhasser: Ernst Moritz Arndt z.B. scheint in der Demolierung des Andenkens Friedrichs des Großen eine Art Lebensaufgabe gesehen zu haben. Der atheistische Philosophenkönig von Sanssouci, der von einer „deutschen Sendung“ Preußens nichts hatte wissen wollen, war dem „christlich-germanischen“* Schwärmer zeitlebens ein Greuel.
Goethe „anti-konservativ“ ? Im Gegensatz zu fast allen anderen deutschen Dichtern und Denkern seiner Zeit (unter ihnen so illustre Figuren wie Klopstock und Hölderlin) war Goethe kein Sympathisant der Französischen Revolution, und schon im „Werther“ finden sich Stellen, die belegen, dass Goethe mit der herrschenden ständischen Gesellschaftsordnung im großen und ganzen einverstanden war. Goethe lehnte den törichten Napoleon-Haß der Romantiker aus denselben Gründen ab, aus denen er 15 Jahre zuvor der Gallomanie der deutschen Jakobiner seine apolitische Opposition bereitet hatte. Bezeichnenderweise waren unter denen, die 1811 in aus englischen und russischen Fonds finanzierten Flugschriften gegen den „Antichrist“ Napoleon wetterten, nicht wenige, die 1794 mit der phrygischen Mütze auf dem Kopf und dem Contrat Social unterm Kopfkissen schlafengegangen waren; z.B. der unsägliche Joseph Goerres.
[* „christlich-germanisch“, ein hübsches Oxymoron. Bekanntlich sollte das Christentum als Bestandteil deutschvölkischer Ideologie bald ausgedient haben. Schon Arndt, Jahn & Co hatten aus der lutherischen Reformation nichts als den anti-römischen, anti-welschen Affekt entlehnt.]
Es ist vergebliche Liebesmüh`, sich an der bundesdeutschen Rechten abzuarbeiten. Die Tatsache, daß diese Rechte in vieler Hinsicht einen jämmerlichen Anblick bietet, entwertet nicht die vielen objektiv richtigen Ansätze ihrer Kritik an den Zuständen in dieser unvergleichlichen Republik. Ich bezweifle freilich, daß man „rechts“ oder „konservativ“ sein muß, um einsehen zu können, wohin z.B. die bundesdeutsche Einwanderungspolitik auf kurz oder lang führen wird. Die Kritik an dieser Politik ist als solche weder rechts noch links, sondern stimmig und – wenn das Wort erlaubt ist – commonsensical. Ich teile sie, und ich bin sicher, daß ich, hätte ich 1980 schon wählen dürfen, ein ziemlich biederer Helmut Schmidt-Wähler gewesen wäre.