Feuilleton, Sprache
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JLB: An die deutsche Sprache

Ah, wie herrlich ist dieses Gedicht von Borges, wohl eines seiner bekannteren und vielleicht das Schönste, was über unsere Sprache je gesagt worden ist: An die deutsche Sprache.

(Man beachte nebenbei, daß Englisch für ihn die Sprache der Bibel ist. Er hat eine englische Großmutter, und in England liest man die Bibel, nicht aber im katholischen Argentinien.)

Und schon dieser Vers ist auf deutsch und auf spanisch ganz hinreißend:

doch in der langsam schreitenden Nacht

Pero en la lenta noche caminada

Und dann:

Dich aber, süße Sprache Deutschlands, habe
ich gewählt und gesucht.
Durch Nachtwachen und durch Grammatiken,
durch den Dschungel der Deklinationen,
durchs Wörterbuch, das niemals die genaue
Schattierung trifft, hab ich mich Dir genähert.

Du, Sprache Deutschlands, bist Deutschlands größtes Werk:
die verflochtenen Liebschaften
zusammengesetzter Wörter, offene Vokale
und Laute, die noch den beflissenen
Hexameter des Griechen ermöglichen,
und dein Raunen von Wäldern und von Nächten.

Man begreife, hier spricht ein Romane! Und Romanen sind eigentlich schon mit weniger drastischen Konsonantenhäufungen wie in „Herbstfrucht“ oder „Wollstrumpf“ zu entsetzen…

Er hört Deutsch also weich, und das sollte uns ebenso trösten und erfreuen wie sein kurze Aufzählung unserer größten Dichter. Es sollte uns zu verstehen geben, daß der barbarische preußische Brüll- und Schnarrtonfall, der diese alten Ufa-Filme so unerträglich macht, etwas Zeitbedingtes, Vorübergehendes gewesen ist, etwas, das nicht lange gedauert hat. Gordon Alexander Craig schreibt, wie die Sprachstörungen Friedrich Wilhelms III. … — aber halt, ich möchte mir die Freude an diesem Gedicht nicht von Gedanken an diese Typen verderben lassen.

Einmal habe ich dich besessen. Heute, an der Grenze
der müden Jahre, kann ich dich noch ahnen,
fern wie die Algebra und der Mond.

Bildquelle: Springsun, CC

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