In einem lesenswerten, nicht zu langen, allerdings im Tonfall doch arg pikierten Artikel wendet sich Christian Semler in der taz gegen allzu plumpe Versuche der „Rechten“, aus dem Fall Kurras einen Geschichts-Umschreibungs-Bedarf zu konstruieren. Mit den Rechten meint er die „Springerpresse“, vor allem auch den auch hier abgefrühstückten Thomas Schmidt von der Welt. Sehr wichtig:
Gewiss, der 2. Juni und der Mord an Benno Ohnesorg erwiesen sich als ein ungeheures Ereignis. Es beschleunigte die Ausbreitung der Studentenrevolte, war aber nicht deren Ursache. Seit Mitte der 60er-Jahre erfochten die linken Studierenden gegen erbitterten Widerstand die Demokratisierung der Hochschulen. Zeitgleich begann die internationale Solidarität mit der kämpfenden Bevölkerung Vietnams, wiederum gegen den erbitterten Widerstand der Westberliner politischen Eliten und des Springer-Konzerns. Diese Bewegungen waren nicht auf Deutschland begrenzt, sondern schon vor dem 2. Juni vielfach international vernetzt. So sieht es auch der Historiker Norbert Frei in seiner Arbeit zu 68 vom letzten Jahr. Über diesen gesamten Tatsachenkomplex muss Schmid hinweggehen, um vom 2. Juni als angeblichen Geburtsmythos der Linken reden zu können.
Eben, wir hatten das schon: Die Sache geht früher los. Und nicht nur in Deutschland – gerade das fällt in den letzten Tagen erstaunlich wenigen Leuten auf.
Ergänzung
B.C. Richter und Tobias Wimbauer haben mich im Twitter noch auf einen weiteren Artikel von heute aufmerksam gemacht, der sich auch kritisch mit Schmidt auseinandersetzt, nämlich auf ein sehr interessantes Interview mit dem Verleger Klaus Wagenbach in der Süddeutschen. (Tobias hatte sich sogar der nicht geringen Mühe unterzogen, mir das Interview aus der Papierausgabe zu scannen und zuzuschicken, vielen herzlichen Dank! Aber es ist halt doch online…) Ich empfehle dieses Interview ausdrücklich zur Lektüre. Zu Schmidt dort dann ganz zum Schluß.
Auszüge:
SZ: Warum geht man dann in den sechziger Jahren nach Berlin? Das ist doch nicht angenehm.
Wagenbach: Doch.
SZ: Weil man sich als was Besonderes fühlt?
Wagenbach: Hören Sie mal, das vergisst man immer gern, aber in Berlin war die Elite der Nation versammelt: die Wehrdienstverweigerer. Die alten Nazis gegen die Wehrdienstverweigerer, das war Westberlin. Die Zwischengeneration fehlte, die war im Westen und machte Karriere. Deswegen war der Zusammenstoß in Berlin besonders heftig, deshalb wurde hier auch am meisten geschossen.
[...]
Wagenbach: Die Zeitenwende fing 1964 an, und zwar mit dem Frankfurter Auschwitzprozess. Da wurde auch denen, die sonst gern sagten: „Di Judde warn eigentlich sebä schuld“, da wurde selbst denen klar, was das bedeutete. Ich habe doch als Kind meine Landsleute erlebt, wie sie bis zum Kriegsende vom Endsieg faselten und schon am nächsten Tag behaupteten, sie hätten von nichts gewusst. Die Täter verwandelten sich von einem Tag auf den anderen in Opfer. Noch lange nach dem Krieg hat man so geguckt, ob da nicht ein SS-Strolch auf einen zukommt.
SZ: Noch in den sechziger Jahren?
Wagenbach: Wenn ich’s Ihnen doch sage! Ich habe immer mein eigenes Volk sortieren müssen. 1954, als sie in Bern Fußballweltmeister wurden, habe ich in Frankfurt gehört, wie nach der Deutschlandhymne wie früher das Horst-Wessel-Lied gebrüllt wurde. Das Gebrüll des „Dritten Reichs“ konnten Sie in den Wochenschauen hören, und im Rundfunk wurde noch immer gebellt. Wenn einer mal Gitarre spielte, kam sofort der Polizeiknüppel. Das waren die „Schwabinger Krawalle“. Sie machten sich doch damals praktisch schon strafbar, wenn Sie Geschlechtsverkehr hatten, ohne verheiratet zu sein. Wenn Hildegard Knef eine halbe Brust heraushängen ließ, wurde die Aktion „Saubere Leinwand“ aktiv. Mit Ohnesorg hatte das überhaupt nichts zu tun.
[...]
SZ: Langsam, Herr Wagenbach, Sie haben auch das Manifest der RAF veröffentlicht.
Wagenbach: Richtig. Es interessierte mich (und ein paar andere), was da in den Köpfen vorging. Aber es siegte die Tradition: Verbieten. Statt Birne – Abrissbirne.
SZ: Im „Roten Kalender“ für 1973 stand unter dem 2. Juni „1967 Benno Ohnesorg ermordet“ und unter 4. Dezember „1971 Georg von Rauch ermordet“.
Wagenbach: Ist es nicht phantastisch: Niemand ist je für den Mord an den Studenten Ohnesorg und Georg von Rauch verurteilt worden, niemand außer mir. Der Kritiker des Vorgangs wurde als einziger verurteilt.
SZ: Warum?
Wagenbach: Weil es kein Mord sein durfte! Der Polizeipräsident Hübner verklagte mich, weil ich mich an der Ehre der Berliner Polizei vergangen hätte. In Wirklichkeit wollten sie nur den Verlag ausschalten.
SZ: Und es ging wirklich um die Ehre der Polizei?
Wagenbach: Es ging ihr tatsächlich um die Ehre. Man durfte nicht sagen, dass Kurras den Ohnesorg und Schulz den Georg von Rauch „ermordet“ hat.
SZ: Vielleicht wird jetzt Ihre Ehre gerettet: Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus hat Strafanzeige wegen Mordes gegen Kurras erstattet. War es vielleicht doch Mord?
Wagenbach: Ausgerechnet dieser schießwütige Mann, von dem es jetzt heißt, wenn wir nur gewusst hätten, dass der IM ist, dann wäre er bestimmt verknackt worden. Das will ich gerne glauben, aber warum erst jetzt und nicht 1967? Damals steckte die Polizei mit der Justiz unter einer Decke, um genau das zu verhindern. Kurras wurde mit Unterstützung der Kollegen und unter dem Beifall der Springer-Presse und der Berliner Bevölkerung freigesprochen. Woraus man lernen kann, dass die Berliner Polizei bis lange nach ’68 Polizisten gedeckt hat.
[...]
Wagenbach: Dabei bin ich ihm gern behilflich. Thomas Schmid bezeichnet die Ereignisse vom 2. Juni 1967 als „heftige Demonstration“. Diese Demonstration war nicht heftig. Die Studenten waren bereits am Vormittag von den „Jubelpersern“ verprügelt worden und die Polizei hat zugesehen. Abends wurde den Studenten dann dieser Schlauch zugebilligt: hinten das Baugerüst, vorn das „Hamburger Gitter“. Dann erging der Befehl „Räumen!“, und der damalige Polizeipräsident Duensing übte sich in seiner berüchtigten Leberwurst-Taktik. Dazwischen wurde die Fehlmeldung durchgegeben, es sei ein Polizist erstochen worden. Nein, nein, das war keine „heftige Demonstration“, das war richtig gesteuert. Die Polizei war vom Sender Freies Berlin und den Springer-Zeitungen aufgefordert, jetzt mal ordentlich durchzugreifen. Und so geschah es, und da kann auch mal ein Schuss losgehen.



Nachtrag zum letzten Podcast (nämlich Dank)


Es ist nicht ohne Ironie, daß ausgerechnet Christian Semler sich zum Verteidiger der „antiautoritären Revolte“ aufschwingt – der Industriellensohn Semler, dessen KPD/AO am Sylvesterabend 1968 wie Phoenix aus der Asche des antiautoritären Strohfeuers stieg.
Über Gruppen wie die von Semler begründete KPD/AO schreibt Fabian Kettner in einem Kontinuitäten deutscher Dissidenz – Zur Selbst-/Historisierung der Bewegungen betitelten Aufsatz:
Semler war, als er die KPD/AO ins Leben rief, eine führende Persönlichkeit der 68er Bewegung – eine jener von Medienleuten, Schmeichlern und Groupies umschwirrten „antiautoritären Exzellenzen“, die Adorno ironisch als „Prominenzen des Protests“ bezeichnete.
Überhaupt bestehen zwischen der antiautoritären Bewegung der Jahre 1967/68 und den K-Gruppen der 70er Jahre so mannigfache personelle und organisatorische Kontinuitäten, daß beide Milieus wohl zu unterscheiden, nicht aber zu trennen sind. Vielleicht war die Rigidität der K-Gruppen, ihre Versessenheit auf „proletarische Disziplin“, eine unvermeidliche Reaktion auf die Libertinage der antiautoritären Phase, oder – wie Gerd Koenen es formuliert hat – eine Flucht