Das Schlagwort ist im Moment in der Szene en vougue. Gestern war Dieter Stein auf irgendeiner Fundamentalisten-Konferenz zu dem Thema und hat von da live getwittert – und zwar so grauslig und nervig, daß es ihn mindestens zwei Follower gekostet hat, unter anderem mich. Zweitens hat Ellen K. was dazu auf SiN geschrieben.
Was den vom ef-Magazin aufgetanen rührseligen Fall aus Brandenburg angeht, habe ich keine Meinung. ef ist für mich keine respektable Quelle, es lohnt nicht, sich mit deren „Fällen“ zu befassen. Offensichtlich sind heute zwei Drittel aller Kinder hochbegabt – da muß es schon „extrem hochbegabt“ oder gar „höchstbegabt“ sein. Selbst wenn es stimmt oder zumindest einen wahren Kern hat (was ich bezweifele): Merkwürdig, daß nun gerade Eltern, die von der Stütze leben, ein so wunderbares Vorbild für ihre Kinder sein sollen, daß es gar keine Schule mehr braucht!
Daß in einigen deutschen Schulen unerfreuliche Zustände gibt, wird niemand bezweifeln. Es ist aber auch niemand gehindert, Anstalten zu treffen, daß seine Kinder nicht in eine solche gehen müssen. Sie würden ihm in jedem Fall weniger Scherereien und und Mühe verursachen, als der Versuch, seine Kinder der Schulpflicht ganz zu entziehen.
Ich sehe mithin keine irgend akzeptablen Rechtfertigungen für Hausunterricht. Seine Propagandisten sind ausschließlich Fundamentalisten, die sich daran stören, daß in der Schule tatsächlich nicht die biblische Schöpfungsgeschichte unterrichtet wird. Vielleicht stören sie sich auch am Sexualkundeunterricht oder gar an der Kooedukation selbst? Oder einfach daran, daß ihre Kinder mit anderen Kindern als den aus der eigenen Brut zusammengebracht werden – womöglich sogar mit Mädchen, die Hosen tragen. Das dürfte es sein.
Es ist in der Tat schlimm genug, daß es in deutschen Schulen Religionsunterricht gibt, daß dort Kopftücher und Kippas getragen werden dürfen, daß Kreuze in den Klassenzimmern hängen. Daß muslimische Zeloten ihre Mädchen vom Schwimmunterricht freistellen lassen dürfen.
Immerhin aber sorgen die staatlichen Schulen noch dafür, daß Kinder aus geschlossenen Verhältnissen, also z.B. Kinder von Sektenangehörigen, überhaupt mit normalen Altersgenossen in Kontakt kommen. Und es scheint mir völlig legitim, Zeloten, die sich selbst dagegen noch sperren, das Sorgerecht zu entziehen. Und eine psychiatrische Nachbehandlung oder zumindest Beobachtung von aus derlei Milieus befreiten Kinder scheint mir im Gegensatz zu Ellen K. keineswegs verwerflich.
Wie immer gilt: Duldsamkeit gegenüber regionalen Traditionen, religiöser Folklore und religiöser Spielerei – ein freundliches Lächeln hier. Und Kampf mit dem Fundamentalismus bis aufs Messer.
So, und wenn das jetzt etwas zu kraß war, hier noch ein sehr vernünftiges Zitat aus einem SiN-Kommentar:
Fazit meinerseits: ein gesunder Staat dürfte in meiner Welt schon den Anspruch erheben, Grundbildung nicht zur privaten Geschmacksfrage werden zu lassen. Ob so ein Staat aber mit der deutschen Mentalität zu machen ist – fraglich.
Zum Tod von Pina Bausch
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Perlentaucher
Das „Problem“ an deinen Texten ist, dass ich hier oft nickend und zustimmend sitze und nicht viel hinzuzufügen ist, in diesem Fall sogar gar nichts.
Daher:
Eins. Stehen bleiben!
Danke! :-)
Mir ist allerdings dieses Lostoben oft hinterher peinlich… Zum Beispiel wird mir hier – sobald ich mich wieder beruhigt habe ;) – das mit dem Sorgerecht peinlich sein. Insofern derlei eben ein ganz elementarer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ist.
Andererseits steht in Deutschland das Jugendamt auch schon mal aus nichtigeren Gründen auf der Matte als bei Elten, die glauben, Ihre Kinder nähmen Schaden an ihrer Seele, wenn sie mit anderem Kindern zusammenkommen. :roll:
Die „Freiheit“, die sich die Eltern nehmen, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten, bedeutet doch in den allermeisten Fällen die Unfreiheit ihrer Kinder.
Der Hintergrund ist meist irgendeine ideologische Enge, irgendein Sektierertum. Die Kinder werden auf Schritt und Tritt kontrolliert. Ihre Lektüren und Beschäftigungen vorgegeben oder inspiziert und bewertet. Wer in einem z.B. pietistischen Umfeld groß geworden ist, weiß, was das heißt, gerade dann, wenn die Kinder wirklich begabt sind.
Wo bleibt da das Sich-Messen mit Gleichaltrigen, wo die ganz normalen Schulfreundschaften, wo der Erwerb außerfamiliärer Sozialkompetenz, wo das Experimentieren mit sich?
Ellen Kositza schreibt in ihrem Artikel:
Sie hat sicher recht, nur: das ist so, seit es Schulen gibt, nicht erst „heute“. Und der Hausunterricht ist in den meisten Fällen wohl alles andere als eine Garantie für die „Unversehrtheit des Kindes“.
Ein weiteres Argument gegen „Homeschooling“, zumindest, wenn die Eltern selbst unterrichten: Als Jugendlicher (gerade in der Pubertät) nimmt man nicht mehr so gern Rat und Wissen von den Eltern an, da ist man in der Phase des Sich-Abgrenzens, sucht neue Vorbilder und Mentoren. Die gleichen Inhalte lernt man dann doch lieber von einer anderen Person.
Das von Huldra ist ein Punkt, der mir auch noch in den Kopf gekommen war: „Wie wollen die Ihre Gören auch noch in der Pubertät im trauten Heim unter Kontrolle halten? Ob das funktioniert?“
Außerdem staune ich über das Selbstbewußtsein: Ich würde mir jedenfalls nicht zutrauen, auch nur eine umfassende Grundschul-Allgemeinbildung von Physik und Rechnen bis hin zu Deutsch und Geschichte vermitteln zu können, auch nicht im Verbund mit Freunden… Von den höheren Klassenstufen nicht zu reden.
Per E-Mail wurde mir noch entgegengehalten, daß meine eigene Schulzeit immerhin 25 Jahre zurückliege und ich der Erste wäre, der angesichtes der heutigen Realitäten in den Schulen die Wände hochgehen würde, wenn ich schulpflichtige Kinder hätte.
Der Einwand ist natürlich naheliegend und berechtig. Und er wäre noch berechtigter, wenn es denn außerhalb des christlichen (und anderweitigen?) Fundamentalisten-Milieus Leute gäbe, die nach Hausunterricht riefen – und die gibt es meines Wissens nicht. Mir wäre jedenfalls niemand bekannt.
Ich bliebe dabei: Es geht den Homeschoolern nicht um den Schutz der Kinder vor „Gewalt“ oder vor „schlechten Schulen“, sondern darum, sie von der Moderne in toto fernzuhalten. Und da muß und darf der Staat meines Erachtens intervenieren.
Was mir eben beim Lesen noch einfiel:
“ Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“
Ja, ein Kalenderspruch und auch wahr.
Nebenbei: Auf Twitter folgt mir seit eben gerade eine US-amerikanische @Homeschool_Mom mit je 6000 F/F :roll: