Chai

von Harki

Ofra HazaIn einem liebenswerten Weblog, dessen Betreiber höchstwahrscheinlich sauer wäre, wenn ich ihn hier erwähnte, wurde heute abend die Frage gestellt, warum denn heute in Deutschland so wenig gesungen werde – warum die Leute halt nicht mehr vor sich hin singen.

Wenn ich Vinneuil ein bißchen ärgern wollte, könnte ich mich jetzt auf die Suche nach dem Lied „Die alten Lieder“ von Franz-Josef Degenhardt :uebel: machen, in dem versucht wird, die Frage zu beantworten.

Aber die dort gegebenen Antworten stimmen in ihrer Schlichtheit – natürlich – nicht, obwohl kulturelle Diskontinuitäten sicher auch ein Schlüssel zur Klärung sind.

Als Mensch, der schon vielen Leuten mit seinem dissonanten Vorsichhinsingen auf die Nerven gegangen ist, finde ich die Frage aber doch spannend. Wenn man auf der Straße einer an einem vorbeiläuft, der vor sich hin singt, ist’s mit Sicherheit ein Türke. Hab ich immer nett gefunden bei denen.

Komischerweise kommt mir hier Ofra Hazas „Chai“ („Leben“) in den Kopf, mit dem sie Israel 1983 beim Grand Prix Eurovision de la chanson (wie das damals noch hieß) vertreten hat – als sie noch nicht ganz die „Königin des Nahen Ostens“ war. Platz 2, glaube ich. Die Tanznummer der Originalaufnahme vom ESC wirkt entsetzlich unbeholfen, daher mag es hier ein Auftritt bei der Luftwaffe tun, sicher auch nicht jedermanns Sache, obwohl es eigentlich nicht ganz schlecht paßt.

Normalerweise ist es ein schlechtes Zeichen für einen hebräischen Text, wenn ich ihn verstehe, aber der hier ist so schlecht nicht. Und er trägt vielleicht zur Klärung der Frage bei:

Chai, chai, chai,
Jehudi od chai
Se haSchir scheSabba
Schar etmol leAba
WeHaYom Ani
Ani od chai, chai, chai
Am Jisrael chai!

Leben, leben, leben,
Der Jude lebt noch.
Das ist das Lied, das der Großvater
Dem Vater vorgesungen hat,
Und heute [singe] ich.
Ich lebe, lebe, lebe noch,
Das Volk Israels lebt.

Man braucht sich hier gar nicht so sehr um die jüdische Sonderschiene zu kümmern, meine ich. Singen ist spielerische Selbstvergewisserung und Selbstversicherung, und damit hapert’s hier offensichtlich. Es werden ja auch kaum noch Verse gemacht, es gibt kaum noch Alltagspoesie. Auch schade. Vielleicht sind die Leute einfach zu stoffelig.

So, ich mach mir jetzt die dritte von Brodkorbs Weinflaschen auf – leChaim! Auf das Leben!

Und ab morgen hat die Gammelei ein Ende! :)

Ein Kommentar zu “Chai”

  1. Vinneuil

    Wenn ich Vinneuil ein bißchen ärgern wollte, könnte ich mich jetzt auf die Suche nach dem Lied „Die alten Lieder“ von Franz-Josef Degenhardt machen, in dem versucht wird, die Frage zu beantworten.

    Na, wenn schon Degenhardt :uebel: :D , dann für mich lieber „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder…“ ;)

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